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Spielen wir Demokratie.

Besetzer*innen rufen einen verlassenen Turm zum offenen alternativen Raum aus. Doch nicht nur sie wollen bei der Nutzung des alten Gebäudes mitreden. Es braucht Vermittlung … nur wo eigentlich? Im Rollenspiel der GBW-Wien Demokratiereihe!


Rosa B. Nentwich-Bouchal | 02.12.2011

Phantasie und Spiel als Lernstrategie.

Einen Samstag lang wandelten sich die Seminarräume des Wiener Integrationshauses in ein großes neues Stadtviertel des Jahres 2018. Denn am 5. November fand dort ein GBW-Wien-Workshop der besonderen Art statt. Die sozialwissenschaftliche Beratungsagentur kon-text hatte ein Szenario vorbereitet, mit dem spielerisch an die Besetzung eines Gebäudes herangegangen werden sollte. Nach kurzer Erläuterung der Regeln schlüpften die Teilnehmenden in unterschiedliche Rollen. In- und ausländische Anrainer*innen, alteingesessene Kulturvereinsmitglieder und Besetzer*innen stellten die Bevölkerungsgruppen des Bezirkes. Alle Interessengruppen sollten ihre Vorstellungen, Wünsche und Forderungen, wie der leer stehende Turm zu nutzen sei, möglichst wirkungsvoll einbringen. Aber auch die institutionalisierte Politik war im Spiel vertreten. Sozialdemokratische, links-alternative, konservative und nationalistische Bezirksvertreter*innen hatten die Aufgabe, ihren Parteiinteressen gemäß bestmöglich zu einer Lösung beizutragen. Vormittags übten sich die Teilnehmenden in den selbst gewählten Charakteren und verhandelten mit der eigenen Interessengruppe eine gemeinsame Strategie. Schon beim Mittagessen zeigte die Übung Wirkung: Auf dem Weg zum Lokal wurde über die Gestaltung des Stadtbildes in Hinblick auf das Turmprojekt diskutiert.


Spiel und Wirklichkeit.

Die Handlung ist angelehnt an ein reales Beispiel, die Suche nach einer sinnvollen Nutzung des Wasserturms auf dem Nordbahnhofgelände im zweiten Wiener Gemeindebezirk. Der Verlauf des Nachmittags zeigte zahlreiche Parallelen zur Realität. Da versuchten Lokalpolitiker*innen ihre Pläne den Wähler*innen zu verkaufen: die konservativen ein wirtschaftsförderndes Hotel, die linksalternativen und sozialdemokratischen ein öffentliches Begegnungs- und Kulturzentrum. Dort berichteten Zeitungen über die unhygienischen Besetzer*innen und verunsicherten Anrainer*innen. Und auch die Schlussfolgerungen, die in einer abschließenden Reflexionsphase diskutiert wurden, brachten ein Bild, das die Wirklichkeit abbilden könnte. So waren sich die Anrainer*innen zwar einig, dass der Nordturm kein privatwirtschaftliches Hotel werden dürfe. Was sie sich jedoch anstelle des Hotels wünschten, wurde nicht in Forderungen artikuliert. Unüberbrückbar unterschiedliche Vorstellungen, wie privatwirtschaftliche oder öffentliche Nutzung des Turmes, mündeten durch die ausgeglichenen politischen Kräfteverhältnisse in Handlungsunfähigkeit des Bezirksrates. Beschlüsse richten sich in diesen Gremien nach politischen Mehrheiten und den korrespondierenden Programmen. Es fehlte an Modellen, um konkrete Forderungen der Bevölkerung im öffentlichen Diskurs artikulieren zu können. Das Spiel schloss in einem offenen Ende, die Planungsstadträtin würde jedenfalls noch viele Wellen zu glätten haben. In der Realität hätte das Spiel noch lange nicht geendet.


Unverbindlich spielen?

Planspiele gehören zu den aktiven Lehr- und Lernformen, die Teilnehmer*innen ein besseres Verständnis von Vorgängen in der realen Welt vermitteln sollen. Vieles der Simulation kann am Ende "abgeschüttelt" werden, denn "es war ja nur Posse". Rollenspiele neigen zu extremen Handlungsverläufen, denn für die Darstellenden besteht trotz allen Ernstes eine gewisse Unverbindlichkeit, da Konsequenzen ausbleiben. Und doch besteht gerade durch diese Überzeichnung von Situationen die Chance, die Wahrnehmung für sensible Prozesse zu schärfen, die im realen Leben unauffälliger ablaufen. Welche Prozesse dabei in Angriff genommen werden, ist die Frage, die auch für die Demokratiereihe noch nicht zur Genüge beantwortet scheint. Die gewonnenen Erkenntnisse aus dem Planspiel können etwa genutzt werden, um sich in einer vorgegebenen Struktur besser bewegen zu können. Erkenntnisse der Reflexion wie "Die Bewohner*innen auf Händen tragen, hinhören" oder "klarer Standpunkt der Gruppe ist notwendig" weisen in diese Richtung. Stellungnahmen wie "Strukturen verhindern Aktionismus" oder "keine Strukturangebote für Bewohner*innen" fordern aber auch klar auf, an der Organisationsform unserer Politikordnung zu arbeiten. Es gibt also noch genug zu tun für die Demokratiereihe der GBW-Wien.



Die Autorin ist Mitglied im Redaktionsteam der Grünen Bildungswerkstatt Wien.


Links:

kon-text.at

projekt_planspiel


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