Während der Kolonialzeit führten die Briten auf Verträgen basierende Eigentumsrechte und Zamindars (Landbesitzer) als Steuereintreiber ein. Das "moderne" Konzept des Privateigentums wurde somit zentral. Die "wahren Landeigentümer" wurden identifiziert und die weitere Aneignung von "unkultivierten" Flächen legitimiert. Das "Permanent Settlement" 1793 setzte alle Landeigentümer mit einem Schlag gleich und brachte sie unter nur eine Kategorie: die der Zamindars. Dies bedeutete einen Verlust von Ansprüchen für große Teile der Bevölkerung und Gewinne nur für wenige. Dasselbe Eigentumsregime bestimmt heute in den Chars (Schwemmlandinseln) in Bangladesch über die Verteilung von Land. Obwohl die Chars durch einen saisonalen Anstieg des Wassers in den Flüssen und Erosion gekennzeichnet sind, bietet ihr natürliches Umfeld einige der produktivsten landwirtschaftlichen Flächen des Landes. Dies führt zu heftigen Streitigkeiten um Nutzungs- und Eigentumsrechte. Als Folge dieser Konflikte verlieren Kleinbäuer*innen allmählich das von ihnen bewirtschaftete Land. Ihre Verwundbarkeit wächst zudem durch eine Krisendynamik, die auch durch den Klimawandel bedingt wird (Anstieg des Meeresspiegels, tropische Wirbelstürme, Überschwemmungen, Arsenkontamination etc.). Haushalte, die von Frauen geführt werden, sind davon unverhältnismäßig oft betroffen.
Das natürliche Umfeld.
Mit einem Netzwerk von ungefähr 250 Flüssen prägt Bangladesch den größten Teil des "Bengalischen Deltas". Über 10 Millionen Menschen leben in unmittelbarer Nähe der drei großen Flüsse Padma, Meghna und Jamuna. Einer dieser Menschen ist Fatima Begum. Sie ist eine landlose Bäuerin, Haushaltsvorständin und Mutter von sechs Kindern, die auf die Umverteilung von Khasland (Staatsland) wartet: "Ich kam von einem Ort in der Nähe des Flusses Meghna. Der Fluss hat mein Haus zerstört. Das ist der Grund, weshalb ich hierher kam. Auch hier ist mein Haus in der Monsunzeit überschwemmt, wenn die Flut kommt." Die geringe Seehöhe und starke Niederschläge überschwemmen jährlich etwa ein Drittel des Landes. Jedes Jahr sind hunderttausende Menschen gezwungen, ihre Behausungen und Felder wegen der massiven Bodenerosion zu verlassen. Einer Schätzung zufolge sind über 50 Prozent der ruralen landlosen Haushalte in Bangladesch Opfer der Erosion der Flussufer.
Die lokale und nationale Ebene.
Das politische System der Lathiyali spielt eine wichtige Rolle. In der Vergangenheit stellten sie eine Art "Privatarmee" der Zamindars dar. Im heutigen Sprachgebrauch sind Lathiyali die angeheuerten Schläger der momentanen "Landbesitzer" (zum Beispiel Jotedars, Talukdars), die sie in Kämpfen dabei unterstützen, die Kontrolle über neu entstandenes Schwemmland zu gewinnen. Fatima Begum wird während der Erntezeiten oder des Fischfangs von einem Jotedar und seinem Lathiyali bedroht. Die landlose Frau kämpft, um ihren Reis und ihre Tiere behalten zu können. Obwohl das Zamindari-System 1950 abgeschafft wurde, dominieren Jotedars immer noch die Landwirtschaft Bangladeschs.
Kinder in einem der Chars
Fatima Begum ist gezwungen ihre Ernte mit einem Jotedar zu teilen. Von der Stadt aus kontrolliert er eine 300 Mal größere Fläche an Staatsland als Frau Begum bewirtschaftet. Die Frau kann 80 Prozent ihrer Ernte behalten, wenn andere Char-Bewohner*innen ihr helfen, aber dem Jotedar gelingt es oft bis zu 70 Prozent zu rauben. Die Jotedars haben meist gute Beziehungen zur lokalen Verwaltung und fördern Verbrecher, die das Vieh der Bäuer*innen stehlen und Frauen entführen. Viele Ehemänner leben nicht in den Chars, weil sie Arbeitsplätze in Ziegeleien oder in den Industrien von Chittagong gefunden haben. Zudem sind viele Jotedars Politiker und haben daher die Polizei auf ihrer Seite. Phulbano Soukina verteidigt ihr Haus zusammen mit ihrer Gruppe landloser Frauen: "In der Nacht kommen manchmal Räuber, um unsere Beine oder Arme zu brechen oder jemanden umzubringen. Deshalb schlafen wir nicht. Wir bewachen unsere Häuser."
Die internationale Ebene.
Die lokale Machtausübung der Jotedars ist über die industrielle Schrimpzucht mit der internationalen Ebene verbunden. Während sich die führenden Produzent*innen in der Asien-Pazifik-Region befinden, sind die wichtigsten Märkte in Japan, den USA und Europa. Obwohl Schrimps eine Schlüsselrolle in Bangladeschs Wirtschaft in Bezug auf Deviseneinnahmen, Beschäftigung und Einkommen spielen, gibt es wegen der Störung des Ökosystems, der Vertreibung vieler Menschen und der Erzeugung von sozialen Konflikten häufig Kritik. Dennoch unterstützt die Regierung Bangladeschs den Schrimp-Sektor. In den 1990ern erhielt sie für die Stärkung der Schrimp-Industrie finanzielle und technische Unterstützung von Weltbank und DFID (Department for International Development). Deviseneinnahmen durch Schrimp-Projekte zu erzielen, hat jedoch Nachteile für die sozial-ökologischen Systeme der Chars. Es kommt zu Konflikten und Rechtsstreitigkeiten zwischen den Eigentümer*innen der Schrimp-Farmen und Kleinbäuer*innen.
Eine Gruppe landloser Frauen
Monora Katoum schildert ihr Hauptproblem: "Ein beträchtlicher Teil des Landes wird illegal für Schrimps in Anspruch genommen. Einige der Züchter*innen versuchen, ihre Fischereiprojekte zu erweitern und vertreiben landlose Frauen in den Chars." Da Frau Katoum und ihre Gruppe sehr nahe an einem Schrimp-Projekt leben, bedrohen die Männer sie häufig. Laut ihr sind gewalttätige Übergriffe eine gängige Praxis: "Sie machen viele Probleme. Sie haben sogar jemanden ermordet. Dieser Schrimp-Züchter hat einige Häuser abbrennen lassen. Er versucht uns zu vertreiben, wir werden bedroht, geschlagen und es gibt heftige Kämpfe."
Schlussfolgerungen.
Unterstützung von außen ist für landlose Bäuerinnen entscheidend. Damit die Landreformen erfolgreicher sind, müssten landlose Gruppen und bäuerliche Organisationen ihre eigenen Anwält*innen haben. Durch die Sensibilisierung von Lehrkräften, landwirtschaftlichen Berater*innen und NGOs könnten wichtige Allianzen entstehen. Weiters bräuchte es mehr Alphabetisierungskurse, Ausbildungsprogramme und juristische Beratung für landlose Bäuerinnen. Gefälschte Dokumente, Korruption, Gewalt, Enteignungen, Morde, Vergewaltigungen und die Beschlagnahme von Pflanzen und Tieren sind etablierte Praktiken. Trotz dieser Missstände wären umverteilende Landreformen möglich. Land, das sich in Staatseigentum befindet, sollte sofort identifiziert und an Landlose verteilt werden, um eine genossenschaftliche Bewirtschaftung zu ermöglichen. Im Rahmen der industrialisierten Landwirtschaft und ihres Eigentumsregimes bergen Landreformprozesse jedoch das Risiko einer weiteren Verschärfung der aktuellen gesellschaftlichen Ungleichheiten sowie der agrar-ökologischen Krise in Bangladesch.
Link:
Climate Change, Gender and Food Sovereignty Caravan 2011
Die Autorin ist Redakteurin der GBW-Wien. Eine längere Fassung des Textes ist bereits in der Zeitschrift "Wege für eine bäuerliche Zukunft" (Nr. 319, Oktober 2011) der ÖBV-Via Campesina Austria erschienen.




