Am 18. November bat die Grüne Bildungswerkstatt Wien zum vierten und letzten Mal zu ihrer Reihe Mobilität in Wien ins Rathaus. Über Stadtqualität als Voraussetzung für gesunde Formen der Mobilität referierten die Architektin und Stadtplanerin Freya Brandl, der Raumplaner Reinhard Seiß und Barbara Neuroth, Grüne Bezirksrätin aus Wieden.
Freya Brandls Strategie verringert den Wiener Mobilitätsbedarf durch gemeinschaftliches Wohnen für ältere Menschen. Viele Angehörige der Generation 60+ leben allein in unverhältnismäßig großen Wohnungen. Dies führt nicht nur zu einem erhöhten Energieverbrauch sondern auch zu Vereinsamung. Brandl entwickelte ein Konzept mit, bei dem in bestehenden Wohnhäusern im Zuge von Generalsanierungen komplette Etagen umgestaltet werden. Wenige große werden in mehrere kleinere Wohnungen aufgeteilt und bilden durch gemeinsam genutzte Räume zusammen wieder eine große Einheit. Die einzelnen Bewohner*innen brauchen weniger Platz und bilden eine neue Gemeinschaft. Dadurch sollen mobile Betreuungsdienste (Heimhilfen, Essen auf Rädern, …) einerseits seltener gebraucht werden, anderseits dank der gemeinsam lebenden Klienten auch wesentlich kürzere Strecken zurücklegen müssen. Angehörige solcher Sozialdienste fahren in Wien derzeit bis zu 50 Kilometer täglich - fast ausschließlich mit dem Auto. Nach Berechnungen von Brandl werden zudem rund drei Millionen Quadratmeter Wohnraum frei, falls die Hälfte aller Wiener Alleinstehenden der Generation 60+ in gemeinschaftliche Wohnformen übersiedelt.
Freya Brandl
Monokulturen des Autos.
Für Reinhard Seiß hängen Stadtqualität und Mobilitätsverhalten voneinander ab. Nur eine gut geplante Stadt ermöglicht den Verzicht auf das Auto, und im Alltag nur wenig mobil sein zu müssen, erhöht die Lebensqualität einer Stadt. Den Schlüssel sieht Seiß in einer guten Funktionsdurchmischung der Stadt. Bis in die 1960er-Jahre erfüllten alle Stadtviertel weitgehend dieselben Aufgaben. Öffentliche Verwaltung, Wohnungen, Geschäfte und Freizeiteinrichtungen bildeten eine lokale Einheit. Die meisten Wege waren kurz und konnten problemlos zu Fuß zurückgelegt werden. Mit der voranschreitenden Motorisierung wurde diese Art der Stadtplanung aufgegeben. An den Stadträndern entstanden große Einkaufszentren mit Parkplätzen im Überfluss, welche die kleinteiligen Geschäftsstraßen weitgehend verdrängten.
Dies veränderte nicht nur viele bestehende Viertel, auch neue Stadtteile nahmen fortan keine Rücksicht mehr auf eine Durchmischung der Funktionen. Die riesigen Wohnblöcke der so entstandenen baulichen Monokulturen bieten keinerlei Anreiz mehr, die Umgebung zu Fuß zu erschließen. Selbst vorhandene Grünflächen behübschen nur Entlüftungsschlote von Tiefgaragen und wirken alles andere als einladend. Die für Autos optimierte Stadt vertreibt jährlich rund 5.000 Wiener*innen in den Speckgürtel an den Rändern. Die Sehnsucht nach einer grünen und gesunden Umgebung endet aber meist in ebenso trostlosen Monokulturen von Kleingartenhäusern, die mangels sonstiger Infrastruktur ebenfalls ein Auto voraussetzen. Ein Beispiel guter Planung ist für Seiß ausgerechnet der Wohnpark Alt-Erlaa. Hinter sprödem 70er-Jahre-Charme verbirgt sich ein exzellentes raumplanerisches Konzept. Das Zusammenspiel aus Wohnen, Einkaufsmöglichkeiten und tatsächlich nutzbaren Grün- wie Gemeinschaftsanlagen macht für die 10.000 Bewohner*innen viele Wege schlicht unnötig. "Viele Leute bemerken gelegentlich, dass sie das Gelände des Wohnparks seit Wochen nicht oder nur für die Arbeit verlassen haben", so Seiß. Solche Konzepte blieben in den letzten Jahrzehnten jedoch die Ausnahme, weil eine lenkende Regulierung durch die Stadt Wien fehle. In Salzburg etwa vermeiden Bauvorschriften, dass Supermärkte alleine auf die grüne Wiese gestellt werden. Dort werden nur solche genehmigt, die in den Etagen darüber auch Wohnraum schaffen und mit geschlossenen Straßenfronten statt Parkplatzwüsten eine für Fußgänger*innen attraktive Umgebung erhalten. Weiteren Handlungsbedarf sieht Seiß in der Wiener Verkehrspolitik. Es müssten dringend Gelder aus der Parkraumbewirtschaftung und vom viel zu teuren U-Bahn-Bau zu anderen öffentlichen Verkehrsmitteln umgelenkt werden.
Reinhard Seiß
Radler parken näher am Ziel.
Barbara Neuroth hielt ein Plädoyer für das Fahrrad. 70 Prozent aller klimaschädlichen Gase kämen aus dem Verkehr, mehr als 80 Prozent davon entstehen auf der Straße. Und das, obwohl die Hälfte aller Wege kürzer als fünf Kilometer sind. Dies führe dazu, dass die Luftgüte-Grenzwerte in Wien regelmäßig überschritten werden. "An vielen Tagen müssten eigentlich Lautsprecherwagen die Menschen warnen, dass der Aufenthalt im Freien für Alte und Kinder gefährlich ist", so Neuroth.
Barbara Neuroth
Das rot-grüne Regierungsübereinkommen sieht daher vor, dass der Anteil des Radverkehrs in Wien auf zehn Prozent verdoppelt werden soll. Radfahren müsse dafür aber erheblich attraktiver gemacht werden. Die Stadt brauche endlich ein durchgehendes Radwegenetz, wobei die Lücken auf der Straße und nicht auf den ohnehin zu schmalen Gehwegen geschlossen werden sollen. Neben zahlreichen weiteren Maßnahmen forderte Neuroth für Radfahrer die Freigabe sämtlicher Busspuren, die ausnahmslose Benützung der Einbahnen gegen die Fahrtrichtung und die jederzeitige kostenlose Mitnahme von Fahrrädern auch in Straßen- und Schnellbahnen. Generell gehöre das Auto aus dem öffentlichen Raum in Wien zurückgedrängt. Breite und barrierefreie Gehsteige, konsumfreie Aufenthaltsbereiche, Sitzgelegenheiten und Trinkbrunnen könnten Straßen den Fußgänger*innen als Lebensraum zurückgeben. Dies komme im Übrigen auch Autofahrer*innen zugute, denn diese würden im Schnitt wesentlich mehr zu Fuß gehen als Radfahrer*innen. "Weil Radler näher am Ziel parken können", wie Neuroth nicht ohne Häme bemerkte.
Der Autor ist Redakteur der Grünen Bildungswerkstatt Wien.




