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Der Preis der falschen Spielregeln

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Die globale Ernährungskrise von 2007/08 war von explodierenden Nahrungsmittelpreisen ebenso gekennzeichnet, wie von unzähligen Hungerrevolten weltweit. Die seit langem währende Enteignung und Vertreibung von ländlichen Armen wurde durch eine neue Welle des Landraubs und der Ausweitung von Flächen für Agrofuels weiter verschärft. Dazu kam ein Boom der Spekulation mit Agrarrohstoffen. Der Hunger stieg über die Milliardengrenze. Damit erweist sich einmal mehr, dass das dominante Agrarmodell nicht in der Lage ist, Armut und Hunger zu reduzieren, geschweige denn zu beseitigen.

Franziskus Forster | 23.09.2011

Geld = Nahrungsmittel.

"Die kürzestmögliche Geschichte der Landwirtschaft des 20. Jahrhunderts wäre folgende: Nicht-Bauern und -Bäuerinnen lernen, wie sich mit der Landwirtschaft Geld verdienen lässt." (Richard Levins)


Denken wir an einen Hafenarbeiter, der unter widrigsten und härtesten Arbeitsbedingungen Nahrungsmittel auf Schiffe verlädt, die für Futtermittel in Europa bestimmt sind. Er erhält einen Niedrigstlohn, mit dem er nicht in der Lage ist, seine Familie zu ernähren. In Zeiten von hohen Nahrungsmittelpreisen ist dies besonders zu spüren, da die Ausgaben für Nahrungsmittel zu den höchsten für Arme gehören. Denken wir an eine Frau, die als Straßenhändlerin arbeitet und drei Kinder ernähren muss, während ihr Mann als Tagelöhner auf einer Exportplantage arbeitet. Es ist schwierig, an Geld zu kommen. Das Warenuniversum im Supermarkt ist nicht für sie bestimmt.

Es gehört bei beiden zur Alltagserfahrung, dass es riesige Mengen an Nahrungsmitteln gibt, die aus dem eigenen Land geschafft werden, hin zu jenen, die Geld haben. Und sie müssen die beiden fundamentalen Prinzipien des kapitalistischen Marktes tagtäglich "lernen": Wenn du Geld hast, bist du dafür vorgesehen, auch Nahrung zu erhalten. Und wenn du kein Geld hast, wirst du hungern. Nicht für jene, die Nahrungsmittel brauchen, wird produziert, sondern für die "kaufkräftige Nachfrage". Kurzum: Lebensmittel werden zu Waren gemacht. Das ist seit langem die Normalität für Hunderte Millionen Menschen. Verschärft wird ihre Lage dramatisch durch die massiven Preissteigerungen der letzten Jahre. Seit Jahren steigt die Ungleichheit innerhalb und zwischen Ländern rasant. Diese Ungleichheit wirkt in der Ernährungskrise: Die Schwächsten trifft es dabei überall am stärksten.

Ermöglicht wurde dies in den vergangenen Jahrzehnten über Politiken der Liberalisierung, durch die Ökonomien des Globalen Südens für den Weltmarkt geöffnet wurden. Dadurch sind viele Länder nicht in der Lage, sich vor steigenden Weltmarktpreisen zu schützen, während gleichzeitig lokale, kleinbäuerliche Landwirtschaft - immer noch die Basis der Welternährung - fortlaufend zerstört wird.


Preise und Macht.

"Preise werden nirgendwo anders als am Markt gemacht" (Corinna Tinkler, REWE-Sprecherin)

"Wenn du glaubst, dass Preise über die Märkte festgelegt werden, dann glaubst du, dass die Milch aus dem Packerl kommt." (Dan Bromley)


Derzeit wird Agrarkonzernen, Supermärkten, Investor*innen und Banken ermöglicht, Rekordgewinne zu machen. Auf Kosten von Bauern und Bäuerinnen, Umwelt und zunehmend verarmenden Konsument*innen weltweit.

Es gibt für die Preissteigerungen einige Gründe: Der steigende Ölpreis, der sich darin auswirkt, dass wir über das bestehende Lebensmittelsystem derzeit "Öl essen". Agrofuels werden produziert, was den "Landhunger" der Agroindustrie anheizt. Ebenso steigt der Fleischkonsum und damit der Futtermittelbedarf. Dazu kamen Ernteausfälle in weltweit wichtigen Exportregionen. Der Klimawandel macht sich bemerkbar. In diesem Kontext steigen nun Finanzmarktakteur*innen ein, die durch Rohstoff- und Nahrungsmittelspekulationen zusätzlich zu einer weiteren Instabilität der Märkte beitragen. Auf Kosten jener, die Nahrungsmittel für die Ernährung benötigen. Diese Faktoren sind alle zentral, sie verschärfen die aktuelle Ernährungskrise massiv.


Hungerrevolten: die Spielregel ändern!

Gegenwärtig zeigt sich deutlich, dass es sich hier nicht um ein kurzfristiges Ungleichgewicht handelt. Es zeigt sich die Sackgasse, in der sich das dominante Agrar- und Lebensmittelsystem befindet: Das erdölbasierte, exportorientierte, industrialisierte - kapitalistische - Agrarmodell kann die Menschen nicht ernähren. Es gilt, ganz unmittelbar die Machtverhältnisse zu thematisieren: Derzeit sind einige wenige Akteur*innen in der Lage, das Agrar- und Lebensmittelsystem sehr weitgehend nach ihren Interessen auszugestalten. Preise sind nicht "naturgegeben", sondern wesentlich durch Macht- und Kräfteverhältnisse bestimmt. Weiters spiegeln die Preise nicht die tatsächlichen sozialen und ökologischen Kosten wieder, sondern ermöglichen den mächtigen Akteur*innen, ebendiese an Schwächere auszulagern und auf diese zu verschieben. Irgendjemand muss und musste immer diese Kosten bezahlen.

Die Frage ist nicht, warum Konzerne das System ausnutzen. Sie sind dazu da, möglichst höhe Gewinne zu machen und möglichst viele Kosten zu externalisieren. Das sind die gegenwärtigen Spielregeln. Die Frage ist vielmehr, warum ihnen das erlaubt und ermöglicht wird. Die Hungerrevolten sind aktuell eine Antwort von den direkt Betroffenen. Sie erheben nicht nur die Forderung nach dem Zugang zu Nahrungsmitteln, sondern rücken die Forderung nach einem grundlegenden gesellschaftlichen Wandel ins Zentrum: Es braucht eine demokratische Neugestaltung der Spielregeln. Das lässt sich aus den Hungerrevolten lernen.


Franziskus Forster ist Aktivist bei AgrarAttac.

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