Die Buchpräsentation in der Akademie der bildenden Künste am 17.03.2011 war gut besucht. Johanna Neuhauser sprach über das Verhältnis von Hausarbeiterinnen und
ArbeitgeberInnen. Ein Verhältnis, das die Gespaltenheit der brasilianischen Gesellschaft widerspiegelt.
Gezeigt wurden außerdem Ausschnitte aus dem Film „Mit einem Lächeln auf den Lippen“. Der Film erzählt die Geschichte einer peruanischen Haushälterin in Hamburg. Er führt vor Augen, dass es diese Form der Ausbeutung auch in Europa gibt.
Undokumentierte Arbeit
Der Beruf der Hausarbeiterin ist in Brasilien sozial und ökonomisch deklassiert. Ihre Löhne sind die niedrigsten am brasilianischen Arbeitsmarkt, über 50% der Hausarbeiterinnen sind nicht sozialversichert. Die Arbeitszeiten sind nicht reguliert, Überstunden werden nicht ausbezahlt. Dennoch stellt dieser Beruf für viele Frauen ohne Berufsausbildung die einzige Erwerbsmöglichkeit dar.
Neuhauser hat 18 Interviews mit ehemaligen und aktiven Hausarbeiterinnen geführt. Zehn davon wurden ausgewertet. „Es ging mir in meiner Arbeit vor allem darum zu fragen, wie sich die Frauen in ihrem Arbeits- und Lebensalltag als Hausarbeiterinnen wahrnehmen und positionieren“, erklärt sie. Im Mittelpunkt ihrer Forschungsarbeit steht die Frage, wie Erzählungen Identität konstruieren. Diese Erzählungen sieht Neuhauser nicht nur als individuelle Interpretationen von Wirklichkeit, sondern auch als Ausdruck gesellschaftlicher Strukturen. Besonderes Augenmerk richtet sie auf Konflikte mit ArbeitgeberInnen und wie die Frauen sich gegen ausbeuterische Verhältnisse zur Wehr setzen.
Brasiliens Gesellschaft ist gespalten
Die Hausarbeit werde größtenteils von schwarzen Frauen ausgeführt, erklärt Neuhauser. Indem die Hausarbeit auf Frauen der unteren Klassen übertragen werde, setzen sich ungleiche Geschlechter- und Klassenverhältnisse fort.
Die Geschichte der Hausarbeiterinnen gehe auf die Sklaverei zurück. „Die Hausarbeiterin wurde von der Sklavenhütte in das Herrenhaus geholt“, erzählt Neuhauser. Somit sei sie zwischen der Welt des Herren und jener der Sklaven gestanden. Neuhauser erkennt Parallelen in der heutigen brasilianischen Gesellschaft: Die Bevölkerung sei nach wie vor geteilt. Es gebe die Wohnviertel, Schulen und Krankenhäuser der Reichen und jene für die Armen. Die Hausarbeiterin bewege sich zwischen den Favelas und den Vierteln der Reichen.
„Ich schlief im selben Haus, ich aß am selben Tisch mit ihnen“
Das Verhältnis zwischen ArbeitgeberInnen und Hausarbeiterinnen sei hoch personalisiert. Gefühle der Zuneigung und Zugehörigkeit zur Familie spielen dabei eine große Rolle. Abgrenzungen fallen oft schwer. Sowohl ArbeitgeberInnen sehen die Haushälterin als Familienmitglied, als auch umgekehrt.
Neuhauser zitiert eine Gewerkschafterin: „Ich schlief im selben Haus, ich aß am selben Tisch mit ihnen. Es gab keinen Unterschied zwischen Arbeitgebern und Angestellten.“
Auffällig sei, dass die ArbeitgeberInnen die Hausarbeiterinnen immer als Töchter und nie als Schwestern oder andere Verwandte bezeichnen. Neuhauser sieht darin die Widerspiegelung von Abhängigkeitsverhältnissen und Hierarchien.
Die Erzählungen von Zuneigung und dem Dazugehören stehen im Kontrast zu anderen Berichten, in denen sich die Hausarbeiterinnen von den Familien distanzieren. Dies passiere besonders dann, wenn es um Diskussionen und Konflikte rund um Arbeit und Arbeitsbedingungen gehe.
Oft führen einschneidende Erlebnisse den Hausarbeiterinnen vor Augen, dass sie doch nicht zur Familie gehören. Als Beispiel zitiert Neuhauser eine Gewerkschafterin: „Sie sagte, dass ich zur Familie gehöre. Dann hat sie mich plötzlich rausgeworfen. Als ich von meinen Ferien zurückkam, die Haustüre öffnete und eintrat, kam sie mir entgegen und sagte, sie würde meine Dienste nicht mehr benötigen. Ich habe 16 Jahre dort gearbeitet und ich dachte, ich wäre Teil der Familie.“
Neuhauser hat beobachtet, dass sich viele Gewerkschafterinnen von ihren ArbeitgeberInnen distanzieren. Sie haben den Mythos vom Familienmitglied entlarvt. Dieser sei ein Instrument, um die Arbeitsrechte der Frauen zu untergraben.
Frauensolidarität
Neuhauser kommt zu folgenden Ergebnissen: Der Widerstand der Hausarbeiterinnen sei immer im Spannungsfeld zu ihrer Lohnabhängigkeit zu sehen. Das mache ein Aushandeln von Lohn- und Arbeitsbedingungen so schwierig. Die ArbeitgeberInnen befinden sich nach wie vor in einer mächtigeren Position.
Gerade deshalb seien kollektive Interessensvertretungen wie die Hausarbeiterinnengewerkschaft so wichtig. Sie stärken das positive Selbstbild der Frauen und brechen die Isolation auf, um Verhandlungsmacht gegenüber den ArbeitgeberInnen zu gewinnen. Solidarisch könne es den Frauen gelingen, ihre Rechte einzufordern.
Johanna Neuhauser: Zwischen Anpassung und Widerstand. Hausarbeiterinnen in Recife/Brasilien – Subjektbildung und ihre strukturellen Bedingungen im peripheren Kapitalismus. Reihe: Investigaciones. Forschungen zu Lateinamerika, Bd. 14, 152 S., 19,90 EUR, br., ISBN 9783643502902
Filmtipp:
Mit einem Lächeln auf den Lippen. Eine Hausarbeiterin ohne Papiere zieht vors Arbeitsgericht. Ein Dokumentarfilm von Anne Frisius in Zusammenarbeit mit Nadja Damm und Mónica Orjeda
57 min. spanisch/deutsch Ut., Berlin/Hamburg 2008




