Grüne Bildungswerkstatt Wien

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Texte - Demokratie / 22.11.2010 / Markus Otti

Blattlinien

article_688_fotolia_26296869_xs_120.jpg Obwohl als Fundament einer lebendigen Demokratie gepriesen, sind Medienkonzerne kaum demokratisch organisiert. HC Voigt brachte mit der Frage "Demokratie oder Mediokratur. Wie demokratisch dürfen Medien sein?" die Diskussion ins Rollen.

Die TeilnehmerInnen verteilten sich im Raum; Auf einer Seite diejenigen, die “die Medien” für eine Bedrohung der Demokratie halten; Auf der anderen Seite jene, die sie als Voraussetzung für Demokratie sehen. Die Menschenkette zwischen diesen Polen und die aufkeimende Diskussion zeigten das Ziel des Tages auf: von der punktuellen individuellen Beobachtung zu einem ganzheitlichen Blick auf das Mediensystem und seine Bedeutung für die Demokratie zu gelangen. Etwa zwei Dutzend TeilnehmerInnen versammelten sich am 6.11.2010 in den Räumen der Grünen Bildungswerkstatt Wien. Der Workshop-Leiter Hans Christian Voigt versprach “zum Kern des Mediensystems vorzudringen”.

 

Medien lebenslang

Voigts Ausgangsthese: Demokratie sei ohne gesellschaftliche Kommunikation nicht möglich. Wichtige Übermittler dieser Kommunikation seien die Massenmedien. Die TeilnehmerInnen verzeichneten auf einer Zeitachse jene Medien, die sie bisher in ihrem Leben genutzt haben. Daraufhin stellten sie auf dieselbe Weise ihren täglichen Medienkonsum dar.

Ein Ergebnis: Regelmäßig beschäftigen wir uns mit medial vermittelter Information und Unterhaltung. Gleichzeitig sind wir auch ohne bewusste Konsumentscheidung den Massenmedien ständig ausgesetzt: durch die allgegenwärtige Werbung ebenso, wie über die Gratis-Blätter in der U-Bahn. Wir verbringen unser Leben eingebettet im Medienstrom. Das prägt unsere Vorstellung von der Welt.

Bemerkenswert sind die individuellen Unterschiede des Konsumverhaltens: Ältere TeilnehmerInnen berichten von bestimmten Uhrzeiten, zu denen sie die seit Jahren gewohnten Zeitungen und Magazine lesen, jüngere eher von ihrer andauernden Erreichbarkeit durch das WWW, das Inhalte aus vielen verschiedenen Quellen an sie heranträgt.

 

Das Spielfeld und die Player

Das Mediensystem wirkt als Filter, der Informationen nicht nur aussortiert, sondern auch aufbereitet. Welcher inneren Logik folgt es, welche Informationen dringen durch?

Drei Organisationsformen lassen sich grob unterscheiden: öffentlich-rechtliche Medien, freie Medien und Privatmedien. Letztere prägen die gegenwärtige Medienlandschaft überwiegend. Die Funktionsweise dieser Organisationsformen und somit das Produkt, das sie hervorbringen, hängt von den wechselseitigen Abhängigkeiten und Interessen ihrer AkteurInnen ab. Im Fall der Privatmedien, Gegenstand der Analyse im Workshop, sind das idealtypisch HerausgeberIn, RedakteurIn, JournalistIn und PR-ReferentIn, wie Voigt ausführte. Diese Idealtypen wurden von den TeilnehmerInnen in Gruppenarbeit analysiert und die Ergebnisse präsentiert.

 

Voreilender Gehorsam

Mit HerausgeberIn ist der oder die EigentümerIn gemeint. Ihr Minimalinteresse sei der wirtschaftliche Erfolg ihres Unternehmens. Auch die Weltanschauungen der HerausgeberInnen wirken sich auf die Unternehmenspolitik aus. Die lohnabhängigen ArbeitnehmerInnen (RedakteurInnen und JournalistInnen) seien sich über die Ansichten ihrer ArbeitgeberInnen im Klaren. Falls sie nicht ein Mindestmaß an weltanschaulicher Übereinstimmung zeigen, können sie ihren Job schnell an den Nagel hängen. Das sei ihnen bewußt. Daher bedürfe es meist auch keiner direkten Intervention von HerausgeberInnenseite, um eine bestimmte Blattlinie zu garantieren, folgern die TeilnehmerInnen einer Arbeitsgruppe.

Auf der Managementebene sind (Chef)RedakteurInnen tätig. Sie gestalten das Produkt, indem sie Kommentare (Leitartikel) beisteuerten und darüber verfügen, unter welchen Umständen JournalistInnen ihre Arbeit verrichten können und welche Texte letztlich publiziert werden.

JournalistInnen arbeiten abhängig davon, welche Ressourcen ihnen zugestanden werden. Da das Medium profitabel sein soll, stehen sie grundsätzlich unter dem Druck, möglichst effizient zu arbeiten. Das bedeute, mit einem Minimum an Zeit- und Geldaufwand ein Maximum an Inhalten zu liefern.

PR-ReferentInnen haben die Aufgabe, die Inhalte ihrer ArbeitgeberInnen in den Medien zu platzieren. Zu diesem Zweck produzierten sie selbst Artikel, um JournalistInnen die Arbeit zu erleichtern. Je größer die Drucksituation, in der sich JournalistInnen befinden, desto wahrscheinlicher sei es, dass sie vorbereitete Inhalte für ihre eigenen Artikel verwenden, argumentierte ein Teilnehmer.

 

Das Medium und seine KundInnen

Die Anwesenden analysierten gemeinsam, wie sich die Interessen der HerausgeberInnen auswirken und beeinflussen, welche Informationen zu den KonsumentInnen durchdringen. Die Interessen Dritter wirken nicht nur über ReferentInnen auf Medien ein, wie der Vortragende betont. Eine gewichtige Rolle spielen auch die KundInnen der Medienunternehmen - nicht zu verwechseln mit den LeserInnen. Der Verkauf von Anzeigen sei das wirtschaftliche Rückgrat eines Privatmediums. So wie RedakteurInnen und JournalistInnen vom Profitinteresse der HerausgeberInnen abhängig seien, so seien diese ihrerseits auf den Verkauf von Anzeigen angewiesen.

Dabei spielen zielgruppenorientierte Werbekampagnen eine untergeordnete Rolle. Sie wirken zeitlich begrenzt und bringen deshalb keine langfristige finanzielle Sicherheit für das Medium. Tatsächlich bewerbe ein großer Teil der über längere Zeiträume wiederkehrenden Anzeigen kein konkretes Produkt, erklärte Voigt. Solche Anzeigen seien Investitionen in das Medium. Das wirke sich auf die Blattlinie aus: Alle Beteiligten müssen darauf achten, ein Produkt zu gestalten, das keinen Anlass zur Rücknahme der Investitionen der KundInnen gibt.

Wie kann Demokratie auf dieser Grundlage langfristig funktionieren? Wie sollten öffentlich-rechtliche Medien organisiert sein, um sie der Privatmedienlogik zu entziehen? Wie lassen sich freie Medien als Alternative organisieren? Mit diesen und vielen weiteren Fragen endeten sieben Lehrstunden in Medienkompetenz.

 

Der Autor bloggt auf farblos.net und nonapartofthegame.eu.