Grüne Bildungswerkstatt Wien

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Texte - Politik & Ökonomie / 22.08.2010 / Franziska Kohler

Wie messen wir das gute Leben ?

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) sagt wenig über die Lebensqualität der Menschen aus. Es bedarf also neuer Indikatoren, um Wohlstand und Lebensqualität der Menschen zu messen. An Vorschlägen mangelt es nicht.


Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) gilt als das wichtigste Maß für die wirtschaftliche Leistung einer Volkswirtschaft. Es misst den Wert aller im Inland hergestellten Waren und Dienstleistungen, sofern diese nicht als Vorleistungen für die Produktion anderer Waren und Dienstleistungen verwendet werden. So führen beispielsweise aber auch Naturkatastrophen und damit zusammenhängende Ausgaben zur Bekämpfung der Schäden oder Gesundheitsausgaben in Folge gestiegener Krankheitsfälle zu einem Anstieg des BIP. Nicht erfasst werden jedoch alle unbezahlten Aktivitäten – Hausarbeit, Kindererziehung, Pflege von alten und kranken Menschen oder die Produktion für den eigenen Gebrauch. Da diese Bereiche aber einen bedeutenden Teil der wirtschaftlichen Aktivitäten eines Landes ausmachen, kann das BIP nur sehr begrenzt als Indikator für dessen Wirtschaftsleistung betrachtet werden. Erst recht ist das BIP kein hinreichender Indikator für Lebensqualität und Wohlstand einer Gesellschaft.

 

Der „Neue Wohlfahrtsindex“

Auf Basis dieser Kritik wurden zahlreiche weitere Indices entwickelt, die darauf abzielen, den Wohlstand eines Landes adäquater zu bemessen. Neben dem „Maß für ökonomischen Wohlstand“ (MEW), dem „Index für nachhaltigen wirtschaftlichen Wohlstand“ (ISEW) und dem „Echten Fortschrittsindikator“ (GPI) ist vor allem der „Neue Wohlfahrtsindex“ (NWI) zu nennen. Dieser wurde von den beiden deutschen Ökonomen Hans Diefenbacher und Roland Zieschank entwickelt und gehört derzeit zu den umfangreichsten Indices zur Berechnung des Wohlstandes. Ausgehend vom BIP werden diejenigen Bereiche hinzuaddiert, die den Wohlstand steigern und jene abgezogen, die ihn mindern. Während die Behandlung alkoholbedingter Krankheiten, Verkehrsunfälle und wachsender Benzinverbrauch zu einer Erhöhung des BIP führen, werden diese Faktoren beim NWI abgezogen. Außerdem werden etwa Kosten von Kriminalität und notwendige Mittel zur Kompensation von Umweltbelastungen, Lärm, Schäden durch den Verlust von landwirtschaftlich nutzbarer Fläche, Ersatzkosten durch die Ausbeutung nicht erneuerbarer Ressourcen und Schäden durch CO2-Emissionen negativ verbucht. Auch die Einkommensverteilung und ehrenamtliche Arbeit fließen in die Berechnung des Index ein. Schwierig ist jedoch, Bereiche zu berücksichtigen, die sich nicht so einfach monetär erfassen lassen, etwa der Verlust der Biodiversität oder Bodenerosion.

 

Der „Happy Planet Index“

Anders als die meisten anderen Wohlfahrtsindices, berücksichtigt der „Happy Planet Index“ (HPI) auch das subjektive Wohlbefinden. Der HPI misst die Anzahl der glücklichen Lebensjahre im Verhältnis zum Ressourcenverbrauch. Die Anzahl glücklicher Lebensjahre ergibt sich aus der Lebenserwartung und dem persönlichen Wohlbefinden, etwa Gefühlslage, Zufriedenheit mit dem Leben, Gesundheit, Selbstbewusstsein, Optimismus, Autonomie und Zufriedenheit mit sozialen Beziehungen. Dem HPI liegt die Überlegung zugrunde, dass für die meisten Menschen Reichtum kein Ziel als solches ist, sondern es in erster Linie um ein glückliches, langes und gesundes Leben geht, das auch kommenden Generationen ein solches Leben ermöglicht.

 

Armut als Mangel an Möglichkeiten

Auch in den Debatten über „Entwicklung“ und wie diese zu messen sei, setzt sich die Einsicht durch, dass die Lebenssituation von Menschen nicht ausschließlich am Einkommen ablesbar ist. Während die Weltbank Armut nach wie vor lediglich anhand des Einkommens misst, definiert der indische Wirtschaftsnobelpreisträger Armatya Sen Armut als Mangel an Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung. Demnach sind nicht nur die Ausstattung mit bestimmten Gütern für die Überwindung von Armut entscheidend, sondern auch der Zugang zu den vorhandenen Ressourcen, beispielsweise zu Bildung, Gesundheit, angemessener Wohnung, Trinkwasser und Elektrizität. Leider ignoriert der Index, der sich zur Bemessung der „menschlichen Entwicklung“ durchgesetzt hat, diese Überlegungen weitgehend: Der „Human Development Index“ berücksichtigt neben dem BIP pro Kopf lediglich Lebenserwartung und Bildungsniveau.

 

Hoffnung auf Umdenken?

Trotz der bestehenden Kritik am BIP und der Vielzahl an alternativen Indices, wird der Wohlstand eines Landes nach wie vor in der Regel anhand des BIP bemessen. Hoffnung auf Umdenken machte Frankreich: Dort wurde 2008 eine hochrangige Kommission eingesetzt, um die Messung der Wirtschaftsleistung und des sozialen Fortschritts zu überdenken. Die Vorschläge der Kommission greifen viele der Überlegungen, die alternativen Indices zugrunde liegen, auf: Berücksichtigt werden sollten die Verteilung von Einkommen, Vermögen und Konsum, ebenso solche Aktivitäten, die derzeit nicht mit Preisen erfasst werden, beispielsweise Hausarbeit, Freizeit und Arbeiten im informellen Sektor. Des weiteren gelte es wichtige Lebensumstände wie Gesundheit, Bildung, politische Stimmrechte, soziale Beziehungen, sowie physische und ökonomische (Un)Sicherheit einzubeziehen. Auch die Nachhaltigkeit des Wirtschaftens müsse berücksichtigt werden, etwa anhand von Umweltbelastung und Ressourcenverbrauch. Die Kommission selbst betrachtet ihre Vorschläge als Eröffnung einer breiten Debatte und nicht als deren Ende.

 

Worauf warten wir eigentlich noch?

Da es alle angeht, was das gute Leben ausmacht und wie dieses gemessen wird, ist eine Fortführung der Debatte unter Einbezug einer breiten Öffentlichkeit unerlässlich. Die Erkenntnis, dass Wachstum nicht mit Wohlstand für alle Gesellschaftsmitglieder gleichzusetzen ist und häufig sogar zu einer Milderung des Wohlergehens führt, muss sich auch in den entsprechenden Messinstrumenten und der Politik widerspiegeln. Politik und Wirtschaft gehören daher nicht auf Wachstum, sonder auf Gemeinwohl ausgerichtet. Konkrete Vorschläge für eine alternative Bemessung von Wohlstand liegen ebenso vor wie konkrete Vorschläge für ein Wirtschaftssystem, das sich daran orientiert und das gute Leben ins Zentrum der Politik stellt. Worauf warten wir eigentlich noch?

Die Autorin ist Mitglied im Redaktionsteam der GBW-Wien