Im Zuge der „multiplen Krise“ (Wirtschaft, Umwelt, Energie, Ernährung) haben Staaten und Unternehmen begonnen, landwirtschaftliche Flächen im globalen Süden zu kaufen, um Nahrungsmittel oder Agrartreibstoffe herzustellen. Eine Veranstaltung beschäftigte sich mit den Triebkräften, AkteurInnen und sozial-ökologischen Folgen dieser Entwicklung.
Der globale Kapitalismus erlebt seit etwa zwei Jahren eine tiefe, „multiple“ Krise: eine Krise von Wirtschaft und Finanzen, die sich trotz aller behaupteten Erholung zu einer Krise der Zahlungsfähigkeit einzelner Staaten entwickelt hat; eine Energiekrise, die sich vor allem darin äußert, dass sich der Höhepunkt der Ölförderung (peak oil) nähert oder bereits überschritten ist; eine ökologische Krise, die sich besonders deutlich im Klimawandel manifestiert; und eine Ernährungskrise, in deren Zuge sich die Nahrungsmittel in vielen Ländern des globalen Südens existenzbedrohend verteuert haben.
An diesen Krisenphänomenen fällt auf, dass sie im Hinblick auf ihre Ursachen teilweise eng miteinander zusammenhängen: Die ökologische Krise ist z.B. wesentlich ein Resultat der Verbrennung fossiler Energieträger, die sich nun zunehmend selbst erschöpfen; und die Ernährungssituation wird auch von der ökologischen Krise – in Gestalt des Klimawandels und des Biodiversitätsverlusts – beeinträchtigt.
Ein Zusammenhang besteht aber nicht nur auf der Ebene der Verursachung, sondern auch auf der Ebene der politischen und ökonomischen Bearbeitung der multiplen Krise. So gibt es seit jüngerem eine Tendenz, die sich als „neue Landnahme“ bezeichnen lässt: Staaten und Unternehmen kaufen im großen Stil landwirtschaftliche Flächen in anderen Ländern, oft unter Beteiligung von Investmentfonds und mit dem Resultat der Verdrängung kleinbäuerlicher Nutzungsformen zugunsten von agrarindustriellen Monokulturen. Die neue Landnahme ist mithin gleichsam ein Brennglas, in dem sich unterschiedliche Erscheinungsformen der multiplen Krise bündeln.
Diese Zusammenhänge begründen die politische Relevanz des Phänomens und bildeten den Anlass, sich im Rahmen einer Vortragsveranstaltung näher mit ihm zu beschäftigen. Eingeladen hierzu war Dr. Uwe Hoering, freier Publizist aus Bonn, der seit vielen Jahren zu Fragen von Umwelt und Entwicklung, vor allem zu Landwirtschaft, Biodiversität und Wasser arbeitet, und neben vielen anderen Publikationen im Jahr 2007 das Buch „Agrar-Kolonialismus in Afrika. Eine andere Landwirtschaft ist möglich“ (Hamburg: VSA) veröffentlicht hat.
Hoering zufolge sind die beiden wichtigsten Motive der neuen Landnahme der Anbau von Nahrungsmitteln und die Herstellung von Agrartreibstoffen. AkteurInnen sind entweder Nationalstaaten des globalen Südens, z.B. China und die Golfstaaten, die sich in den vergangenen Jahren große Flächen in afrikanischen Ländern gesichert haben, um ihre Abhängigkeit von Nahrungsmittelimporten zu reduzieren, oder multinationale Unternehmen des globalen Nordens, die vor allem an der Agrartreibstofferzeugung interessiert sind. Dazu kommen Investment-Fonds und Stiftungen wie die Rockefeller Foundation und die Gates-Stiftung, die in Afrika eine zweite, diesmal biotechnologisch fundierte „grüne Revolution“ propagieren und unterstützen.
Wie sollte die Ernährung gesichert werden?
Eine wichtige und sozial-ökologisch problematische Begleiterscheinung der neuen Landnahme ist der Druck, den diese in Richtung einer Landreform entfaltet. Um das Bedürfnis der InvestorInnen nach Rechtssicherheit zu befriedigen, werden private Eigentumstitel auf Land dort geschaffen, wo bislang ein informelles System gemeinsamer Nutzungsrechte existierte. Das immer wieder vorgebrachte Argument, es handle sich bei den betreffenden Flächen um brachliegendes Land, entkräftete Hoering mit dem Hinweis, dass das, was aus der Perspektive nördlicher InvestorInnen und südlicher Regierungen als Brache erscheint, tatsächlich auf vielfältige Weise extensiv genutzt wird, so dass die neue Landnahme oft mit Verdrängungsprozessen einher geht.
Das bedeutet allerdings nicht, dass man von einfachen Konfliktlinien (z.B. südliche Kleinbauern und -bäuerinnen gegen nördliche Agrarindustrie) ausgehen kann. Denn auch, wenn etwa eine chinesische Investition in Mosambik aufgrund des politischen Widerstands scheiterte, nutzen Kleinbauern und -bäuerinnen anderorts die Gelegenheit, als Vertragsbauern und -bäuerinnen für ausländische Unternehmen zu arbeiten. Die Folge ist eine Restrukturierung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft, die auch für die Geschlechterverhältnisse weitreichende Implikationen hat, da die häufig von Frauen betriebene Subsistenzlandwirtschaft marginalisiert zu werden droht.
Hoering zufolge steht die neue Landnahme für einen übergreifenden gesellschaftlichen Transformationsprozess: Landwirtschaftliche nutzbare Flächen werden in großem Stil in Wert gesetzt, und dies nicht nur von solchen AkteurInnen, die am Gebrauchswert der dort anzubauenden Pflanzen interessiert sind, sondern auch unter Beteiligung von FinanzmarktakteurInnen, die in der Krise nach neuen lukrativen Möglichkeiten der Geldanlage suchen. Des Weiteren justieren sich die Verhältnisse zwischen dem globalen Süden und dem globalen Norden neu, und zwar insofern als neue Formen der Süd-Süd-Kooperation die alte Abhängigkeit der Entwicklungs- von den Industrieländern überlagern. Allerdings, darauf wurde auch in der Diskussion hingewiesen, ist die Süd-Süd-Kooperation keineswegs konfliktfrei: Zielländer der neuen Landnahme konkurrieren miteinander um die besten Angebotsbedingungen; neue Abhängigkeitsverhältnisse zwischen Schwellenländern und vorwiegend agrarisch geprägten Ländern des globalen Südens entstehen; und Länder wie China sind mit dem Dilemma konfrontiert, dass die Verfügung über große landwirtschaftliche Flächen in Afrika zwar ihre Abhängigkeit von Nahrungsmittelpreis-Schwankungen auf dem Weltmarkt reduziert, gleichzeitig aber die einheimischen Bäuerinnen und Bauern verstärkt unter Konkurrenzdruck setzt.
Wichtig ist deshalb das Entstehen einer transnationalen „neuen bäuerlichen Bewegung“, die in Vía Campesina ihren organisatorischen Ausdruck findet und mit der Forderung nach „Ernährungssouveränität“ eine ebenso konkrete wie radikale Botschaft transportiert: nämlich, dass Menschen nicht nur Zugang zu den von ihnen benötigten Nahrungsmitteln haben sollen, sondern auch zu den Mitteln, diese auf vielfältige, den jeweiligen kulturellen Kontexten und ökologischen Bedingungen entsprechende Weise herzustellen. Und hierzu ist die kollektive Verfügung über Land eine wesentliche Voraussetzung.
Manuskript des Vortrags von Uwe Hoering
Hoering_Vortrag_Wien27Mai2010.pdf (132.25 KB)
Dr. Markus Wissen arbeitet am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien.