„Ihr seid alle infiziert! Ihr habt ein Virus in eurem Gehirn, von dem ihr nichts wisst“, sagte Knoflacher. Es heißt Auto und dominiert unser Gehirn. Die aktuelle Stadt- und Verkehrsplanung erfüllt nicht die Bedürfnisse der FußgängerInnen, sondern die der Autos. Dass dies ohne zu hinterfragen akzeptiert wird, läge an einer „lebenslangen Gehirnwäsche“, wie der TU-Professor betonte.
Nach Knoflachers Ansicht ist unsere Gesellschaft eine FußgängerInnengesellschaft. Seit Beginn unserer Existenz vor sechs bis acht Millionen Jahren bewegen wir uns mit zwei bis fünf Stundenkilometer zu Fuß fort. Vor Beginn der Technisierung der Fortbewegung entsprachen Siedlungen, Städte, aber auch Kultur und Wertesystem einer Größenordnung, die sich am Menschen orientierte: Alles was zum Leben gebraucht wurde, konnte zu Fuß erreicht werden. Der öffentliche Raum gehörte den FußgängerInnen, war Ort des Zusammentreffens und förderte soziale Kontakte auf urbanen Plätzen, die sich durch enge und verwinkelte Gassen miteinander verbanden.
Heute beschränkt sich unser öffentlicher Raum auf den Gehsteig. Seit 150 bis 200 Jahren und mit der Erschließung billiger, fossiler Energieträger, entstanden Schlag auf Schlag neue technisierte Fortbewegungsmöglichkeiten: dem Fahrrad folgte der Massentransport mit kohlebetriebenen Eisenbahnen, es folgte die Erfindung des Autos, des Flugzeugs und die Errungenschaften in der Telekommunikation. Die Einheit Mensch und Auto und die damit einhergehende Beschleunigung fasziniert die Menschheit. Dabei handelt es sich um eine Entwicklung, „die so schnell gekommen ist, dass niemand sie verstanden hat. Das war zu viel für alle Disziplinen, Politiker und die Gesellschaft“, so Knoflacher.
Verkehrsplanung basiert auf Annahmen, die uns von PolitikerInnen und ExpertInnen ein Leben lang eingetrichtert wurden, und für die es laut Knoflacher kein wissenschaftliches Fundament gibt. Zeitersparnis, Steigerung der Mobilität und die freie Wahl des Verkehrsmittels sind für ihn Mythen.
Zeitersparnis durch Auto - einer von drei Mythen
Dass man durch höhere Geschwindigkeiten im Transportsystem Zeit erspart, stimmt nicht, führte Knoflacher als ersten von drei Mythen an. Alle Investitionsentscheidungen werden gegenwärtig auf dieser Basis getroffen. Aber, „wenn das so wäre, müssten Gesellschaften mit schnellen Transportsystemen jede Menge Zeit haben“, und wir ÖsterreicherInnen müssten demnach alle „sehr gemütlich sein“, meinte Knoflacher mit ironischem Unterton, da wir durch schnelle Fortbewegung jede Menge Zeit gewinnen könnten. In Wirklichkeit werden die Wege, die wir zurücklegen, länger. Strukturveränderungen des Raumes und der Wirtschaft sind die Folge. Das zu beobachtende Dorfsterben, das Verschwinden einer Nahversorgung vor allem im ländlichen Raum, die Entstehung von Shoppingcentern, die nur mit dem Auto zu erreichen sind, zeugen davon. In dieser neu geschaffenen Raumstruktur, in der die Entfernungen immer größer werden, wird das Auto zum unabdingbaren Fortbewegungsmittel.
Weiters hinterfragte Knoflacher den Mythos des Mobilitätswachstums. Jeder Weg, der uns außer Haus führt, verfolgt einen bestimmten Zweck: wir gehen zur Arbeit, auf die Universität oder einkaufen. Die Zahl der Wege ist konstant und weltweit legt jede Person pro Tag durchschnittlich drei Wege zurück. Zu einer Erhöhung der Mobilität käme es, wenn sich die zurückgelegten Wege oder Fahrten pro Person vermehrten. Dafür müssten die Zwecke, die uns motivieren außer Haus zu gehen, steigen. Durch den Autobesitz erhöhen sich diese Zwecke nicht. Es findet jedoch eine Verschiebung der Mobilität statt: aufgrund struktureller Veränderungen werden mehr Wege mit dem Auto als mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder zu Fuß zurückgelegt. Mobilität motorisiert sich, wächst aber nicht.
Die freie Wahl des Verkehrsmittels, entlarvte Knoflacher den dritten Mythos, ist nicht so frei wie sie scheint. Unser Verhalten wird von physischen und monetären Strukturen bestimmt, die unsere Wahlmöglichkeit beeinflussen. Die Distanz zum Verkehrsmittel ist der entscheidende Faktor. Uneingeschränkte Parkmöglichkeiten vor dem Haus machen die Menschen zu AutofahrerInnen. Das Auto muss vom Wohnort mindestens genau so weit entfernt sein, wie ein öffentliches Verkehrsmittel. Nur unter diesen Umständen haben wir Menschen freie Wahlmöglichkeit, meinte Knoflacher.
Wie alle glauben an diese Mythen, an das Auto als Maß aller Dinge, und bemerken nicht, wie das Auto unser Leben steuert, betonte Knoflacher überzeugt. Das Auto hat in seinen 100 Jahren Existenz Kultur und Werte unserer Gesellschaft fundamental verändert. Das Ergebnis gegenwärtiger Verkehrsplanung sind Verkehrsstaus, Unfälle, Luftverschmutzung, das Sterben von Kleinbetrieben und Zersiedelung.
Autofahren muss unattraktiv werden
„Das Wichtigste ist, das Auto aus unserem Gehirn zu entfernen. Denn solange wir das Auto in unserem Gehirn haben, wird es alles was wir tun, beeinflussen,“ sagte Knoflacher. Um das Mobilitätsverhalten zu verändern, müssen Strukturen geschaffen werden, die das Autofahren unattraktiv machen. Garagen und Parkplätze müssten vom Wohnort doppelt so weit entfernt sein, wie die zwei nächsten Haltestellen der öffentlichen Verkehrsmittel. Parkmöglichkeiten innerhalb der Stadt müssten eingeschränkt werden, autofreie Zonen, Fahrradwege und der öffentliche Verkehr ausgebaut werden. Durch diese „Verlangsamung“ wird die Nahversorgung zurückkommen, ist sich Knoflacher sicher. Eine solche neue Raumplanung für den Menschen ist Aufgabe der PolitikerInnen, ExpertInnenen und städtischen Verwaltung. Der Kern des Problems liegt für Knoflacher im direkten Kontakt von Mensch und Auto: „Wenn man den Menschen erlaubt, mit dem Auto in Kontakt zu kommen, sitzen sie in der Falle.“
Eva Wimmer ist Studentin der Internationalen Entwicklung mit Schwerpunkt Mexiko und soziale Bewegungen
...dominiert unser Gehirn, sagte der Verkehrswissenschaftler Hermann Knoflacher. Im Rahmen der Tagung „




