Es solle über Alternativen nachgedacht, aber auch Konzepte auf ihre Tauglichkeit geprüft und Fallen des Scheiterns aufgedeckt werden. So leitete Petra Ziegler, ehemaliges Vorstandsmitglied von Attac Österreich und Redakteurin der Zeitschrift Streifzüge, den zweiten Teil der Bildungsreihe „Krise ohne Ende – oder: Auswege aus der globalen Konkurrenzwirtschaft“ ein. Attac Österreich lud am 11. Mai 2010 ins Depot ein, wo Markus Auinger, Geschäftsführer des Mattersburger Kreises für Entwicklungspolitik, der Frage nachging, ob Solidarische Ökonomie Potenziale zur Gesellschaftsveränderung aufweise oder lediglich ein Mittel zur Selbsthilfe sei.
Was steckt dahinter?
Der Begriff der Solidarischen Ökonomie sei zwar vielen schon zu Ohren gekommen, jedoch bliebe weiterhin unklar, über welche Wirtschaft gesprochen werde. So grenze sich die Solidarische Ökonomie von einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung ab, wie Auinger betonte. Während dort die Gewinn- und Profitmaximierung sowie die Konkurrenz im Vordergrund stehen, orientiert sich die Solidarische Ökonomie an den Bedürfnissen des/der Einzelnen. Die gemeinschaftliche Organisation und Kooperation, die eine sozial und ökologisch nachhaltige Lebensweise zum Ziel haben, sind Grundlage und Anspruch zugleich. Konkret sollen diese Ziele über selbstverwaltete Strukturen und egalitäre Kooperation erreicht werden. Hierarchieebenen, die beispielsweise in einem herkömmlichen Betrieb zwischen den ArbeitergeberInnen und den ArbeitnehmerInnen bestehen, werden aus einer solidarökonomischen Sicht hinterfragt. Die Gleichung „ArbeiterInnen = EigentümerInnen“ und das Demokratieprinzip „eine Stimme pro Person“ könnten die derzeit dominierende Arbeitsweise klassischer Unternehmungen aufbrechen und ihr eine realistische Alternative entgegenstellen.
Beispiele für diese Art des Wirtschaftens gibt es in Österreich bereits zuhauf. Als solche nannte Auinger etwa selbstverwaltete Betriebe, die in den 1980er Jahren auch in Österreich Konjunktur hatten. Aktuell wurde in Wien ein neuer Kostnixladen und Kaffee, die „Schenke“, eröffnet und die Tauschwährung WAFFEL (Wir arbeiten füreinander für einheitlichen Lohn) in Wien bietet die Möglichkeit Dienstleistungen und Waren auszutauschen, ohne einen Euro zu zahlen. Aber auch alltägliche Handlungen, wie die nachbarschaftliche Hilfe, Haus- und Pflegearbeiten können in einen solidarökonomischen Kontext gefasst werden.
Kartierung Solidarischer Ökonomie
Obwohl solidarökonomische Projekte und Gruppen bereits seit langer Zeit bestehen, sei doch in der letzten Zeit das Interesse gestiegen, diese systematisch zu erfassen und öffentlich sichtbar zu gestalten. Auinger berichtete von Kartierungsprojekten, die in den letzten Jahren ins Leben gerufen wurden. Anhand von öffentlich zugänglichen Landkarten sei es möglich, bestehende Projekte und Unternehmen sichtbarer zu machen sowie eine Vernetzung der Projekte voranzutreiben. So könnten Produktionskreisläufe aufgebaut werden, die in Zukunft parallel und unabhängig von kapitalistischen agieren. In Brasilien deckt die Kartierung solidarischer Produktionsprozesse bereits 52 % der Fläche des Landes ab und führte zur Etablierung von einigen solidarökonomischen Produktionsketten. Auch in Wien hat sich im Rahmen der Kritischen und Solidarischen Universität (KriSU) eine Arbeitsgruppe gefunden, die eine interaktive Karte für diese Zwecke entwickelt.
Der Versuch, einerseits Elemente einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung aufzubrechen, andererseits jedoch in diesen Strukturen agieren und bestehen zu müssen, stellt solidarökonomische Projekte oder Unternehmen vor besondere Herausforderungen. Kollektive Entscheidungsfindungsprozesse, durch die Hierarchien abgebaut werden sollen, nehmen vergleichsweise mehr Zeit in Anspruch. Zudem führen unterschiedliche Erfahrungen und Wissensstände der ArbeiterInnen zu informellen Hierarchien, die eigentlich hätten abgebaut und hinterfragt werden sollen. Eine weitere Schwierigkeit, wie Auinger betonte, stellt die Finanzierung von genossenschaftlichen oder selbstverwalteten Betrieben dar. Der Zugang zu Krediten und Subventionen ist weiterhin beschränkt, da kommerzielle Banken kein Vertrauen in Unternehmen haben, die nicht nach den bekannten Prinzipien organisiert sind.
Wie kann diesen Problemen begegnet werden? Wie entgehen solidarökonomische Projekte der Gefahr, nicht ein Ort der Selbsthilfe zu werden, sondern aktiv an den bestehenden Verhältnissen zu ruckeln und gesellschaftsverändernd zu wirken? Auinger sah hier zwei Lösungsstrategien als wesentlich: Auf der einen Seite sei die Vernetzung solidarökonomischer Projekte voranzutreiben, Parallelstrukturen aufzubauen und sichtbar zu machen. Auf der anderen Seite bleibe jedoch ein politisches Agieren unumgänglich. Politische Forderungen müssen formuliert und rechtliche Rahmenbedingungen eingefordert werden.
Obwohl der Weg zu einer breiten Verankerung der Solidarischen Ökonomie noch weit ist und Vorstellungen einer anderen Art des Wirtschaftens noch ausprobiert und diskutiert werden, so zeigen doch erfolgreiche Beispiele, dass bereits erste Schritte hin zu einer reale Alternative zum Kapitalismus gemacht wurden.
Dokumentation des dritten Teils der Attac-Veranstaltungsreihe