Grüne Bildungswerkstatt Wien

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Texte - Politik & Ökonomie / 25.05.2010 / Franziska Kohler

Halbinsel gegen den Strom

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Mit dem Titel „Halbinseln gegen den Strom“ lud Attac Österreich am 17. Mai 2010 zum dritten Teil der Veranstaltungsreihe „Krise ohne Ende – oder: Auswege aus der globalen Konkurrenzwirtschaft“ ins Depot ein. Friederike Habermann, Ökonomin und Autorin, stellte unterschiedlichste Projekte vor, die vor allem eines verbindet: der Versuch, Alternativen zu einer kapitalistischen Tausch- und Verwertungslogik zu leben.



Als „eine Momentaufnahme alternativer Ökonomien“ bezeichnet Friederike Habermann das, was sie in ihrem 2009 erschienenen Buch „Halbinseln gegen den Strom. Anders leben und wirtschaften im Alltag“ beschreibt. Das Buch ist auch eine Reaktion auf die wachsende Offenheit zahlreicher Menschen sowie die Einsicht, dass Alternativen zu Produktions- und Lebensformen, die auf einer kapitalistischen Verwertungslogik und ständigem Wachstumsdrang basieren, nötig und lebenswert sind. Hierfür ist keinesfalls immer gleich das komplette Leben über den Haufen zu werfen und aus der Gesellschaft auszusteigen, betont Friederike Habermann. Vielmehr gehe es darum, kleine Alternativen im Alltag zu leben.

 

„Die Angst, dass einem immer der Käse weggegessen wird, ist oftmals unbegründet“

Eine solche Alternative im Alltag ist beispielsweise die Initiative „Gib und Nimm Wuppertal“, ein 1996 gegründeter Tauschring ohne Aufrechnung. Hier werden Dienstleistungen aller Art getauscht. Anders als bei den meisten anderen Tauschringen wird über das Getauschte nicht Buch geführt. Es wird versucht, Geben und Nehmen zu entkoppeln und die Tauschlogik, nach der nur dann gegeben wird, wenn dafür etwas genommen werden kann, zu überwinden. Wie bei allen anderen vorgestellten Projekten geht es hier vor allem um ein Umdenken. Auf die Frage, wie mit dem Problem umgegangen wird, dass manche Menschen mehr nehmen als geben und damit andere bewusst oder unbewusst ausnutzen, antwortet Habermann, dass die Lösung einfach darin bestehe, dies nicht als Problem zu betrachten.

 

Eine solche Betrachtungsweise ist auch bei einem weiteren, an diesem Abend vorgestellten Projekt von Nöten: der Finanzcoop. Hier werden Einkommen oder auch Vermögen der Mitglieder zusammengelegt und nach den Bedürfnissen der Einzelnen aufgeteilt – unabhängig davon, was sie oder er einbringt. Erneut taucht aus dem Publikum die Frage auf, ob dies nicht zu Missbrauch einlädt. Lachend antwortet Habermann: „Die Angst, dabei ausgenutzt zu werden, ist genauso unbegründet wie nicht in eine Wohngemeinschaft zu ziehen aus Angst, dass einem immer der Käse weggegessen werden könnte.“ Die Menschen der Finanzcoop hätten diese Erfahrung jedoch noch nicht gemacht – und schließlich geht es ja gerade um den Aufbau von Vertrauen.

 

Ein weiteres vorgestelltes Projekt ist der Karlshof, dessen BewohnerInnen versuchen, eine nicht-kommerzielle Landwirtschaft umzusetzen, indem Produkte unentgeltlich abgegeben werden. Der Karlshof kann damit als Beitrag zur Schaffung nicht-warenförmiger Freiräume verstanden werden. Hinter diesem Projekt steht die Vision, dass sich ein solches Modell durchsetzt und immer mehr Menschen Funktionen übernehmen, die bislang nur über den Markt organisiert werden.

 

Kann es „Inseln im Falschen“ überhaupt geben?

Neben dem Aufbau und dem Schenken von Vertrauen geht es bei all diesen Projekten vor allem auch darum, umzudenken. Umzudenken, um das zu verwirklichen, was Friederike Habermann in Anlehnung an die Free-Software-Produktion als commons-based peer production bezeichnet. Dieser Begriff vereint Prinzipien wie „Besitz statt Eigentum“, wobei gemeinschaftliche Nutzung anstelle des Privateigentums rückt, „teile, was du kannst“, „beitragen statt tauschen“, sowie Freiwilligkeit und Offenheit. Letzteres weist darauf hin, dass es ist nicht notwendig ist, Teil einer festen Gemeinschaft zu sein, um etwas nutzen zu können.

 

Mit dem Begriff der „Halbinseln“ reagiert Habermann auf die Kritik, die häufig dem Ansatz der solidarischen Ökonomie vorgeworfen wird, dass es keine „Inseln im Falschen“ geben kann. Sehr wohl kann es aber Halbinseln geben. Bezugnehmend auf queertheoretische Ansätze ist es Friederike Habermann ein Anliegen, solch ein Denken in binären Gegensätzen zu überwinden. Halbinseln bleiben also als alternative Lebens- und Produktionsformen eingebettet in ein „kapitalistisches Festland“. Die Halbinseln sollen nicht als absolute Rückzugsräume verstanden werden, sondern als Räume, in denen Menschen versuchen können, anders und vielleicht besser zu leben. Räume, in denen ausprobiert werden kann, in welche Richtung es gehen könnte. Aber eben auch als Räume, von denen Synergieeffekte ausgehen. Räume, die das herumliegende "Festland" beeinflussen und verändern können. Halbinseln können zeigen, dass es möglich ist, Alternativen zu leben. Dadurch kann die scheinbare Natürlichkeit einer kapitalistischen Logik aufgebrochen werden, gravierende Probleme können nicht mehr einfach als Sachzwang dargestellt werden. Es geht damit auch um die Frage nach einer Veränderung hin zu einer Welt, in der wir alle gut leben können. Für Menschen, die in einem kapitalistischen System sozialisiert wurden, ist es sicherlich nicht einfach, umzudenken und diese Prinzipien zu verinnerlichen. Lachend nimmt einem Friederike Habermann jedoch auch diese Angst: „denn wenn man es lebt, dann kann man feststellen, dass der Käse nicht immer gleich weggegessen wird.“

 

Friederike Habermann: Halbinseln gegen den Strom: Anders leben und wirtschaften im Alltag. Erschienen 2009 im Ulrike Helmer Verlag.