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SanitäterInnen auf die Unis

article_602_fotolia_15178319_xs_120.jpg Überlegungen zur hochschulpolitischen Auseinandersetzung in Österreich und warum eine Durchflutung der Hochschulen mit Demokratie notwendig ist. Ein Kommentar von Philip Taucher.


Philip Taucher | 13.05.2010

Während der Besetzung des Audimax im Herbst und Winter 2009 erzählte mir ein Studierender der Publizistik an der Universität Wien von einer Vorlesung, die er besuchte. Der Vorlesungssaal sei so überfüllt gewesen, dass regelmäßig Studierende aus Sauerstoffmangel ohnmächtig wurden. Die Universitätsleitung reagierte auf die Situation und verordnete, dass bei jeder Vorlesung verpflichtend ein/e SanitäterIn anwesend sein müsse. Vergangene Woche beschlossen die Regierungsparteien gemeinsam gesetzliche Zugangsbeschränkungen für das Publizistikstudium. Es steht nun fest, dass nicht die Ressourcen an die Studierendenzahl, sondern die Studierendenzahl an das magere Budget der österreichischen Universitäten angeglichen werden soll. Für bildungspolitische Probleme werden verwaltungstechnische Lösungen gesucht und autoritär durchgesetzt. Verwaltung, Parteien und Interessensverbände agieren in hochschulpolitischen Fragen teils gleichgültig, teils überfordert und ohne Vision. Eine konkrete Vorstellung davon, was Hochschulen im 21. Jahrhundert sein können und sollen, lassen sie alle vermissen.

 

Eine Flut an Demokratie

Wo liegen Ansatzpunkte für eine progressive Hochschulpolitik? Ein solcher ist sicher in einer umfassenden Demokratisierung der Hochschulen zu suchen. Die Einführung der Bachelor-/Master-Studiengänge an den Universitäten hat die Problematik des demokratischen Rückbaus der letzten Jahre an den Universitäten deutlich aufgezeigt. Da jene, die die Studienpläne studieren müssen, bei deren Erstellung nicht viel mitzuentscheiden hatten, entstanden oft unstudierbare Studienpläne.

 

Auch der vom Wissenschaftsministerium injizierte Hochschuldialog fördert interessante demokratiepolitische Aspekte zutage. Als erste Reaktion auf die Studierendenproteste im Herbst 2009 ins Leben gerufen, kam es bei MitarbeiterInnen der Hochschulverwaltung zu einigen Aha-Erlebnissen, als Studierende und UniversitätsmitarbeiterInnen über Probleme und mögliche Lösungen im universitären Alltag in Austausch traten. Allerdings verließen bereits einige StudierendenvertreterInnen sowie alle Rektoren aufgrund der Unverbindlichkeit der Ergebnisse bzw. einer vermuteten Hinhalte-Taktik des Ministeriums den Prozess. Substanzielle Verbesserungen erwartet sich wohl keiner der am Hochschuldialog Beteiligten mehr.

 

Männerbünde zerschlagen

Nicht zuletzt aufgrund der entsprechenden Hochschulgesetzgebung dominiert die kleinste Gruppe, die Rektoren und ordentlichen ProfessorInnen (1), die Universitäten. Dass die Zirkel der Macht an den Universitäten Männerbünde sind, ist schon an der ausschließlich aus Männern zusammengesetzten österreichischen Universitätskonferenz ersichtlich. Dass diese Seilschaften auf einer durchaus reaktionären Tradition aufbauen, verdeutlicht z.B. die universitäre Ehrung des Holocaustleugners Walter Lüftl an der Technischen Universität Wien im Dezember 2009. Frauenquoten konnten bisher die männliche Dominanz in den Kommandohöhen der Universitäten nicht wirklich aufweichen. Ergänzend wäre es sinnvoll, einfach die Ordinarien abzuschaffen, die Macht der Rektoren durch demokratische Prozesse massiv einzuschränken und alle Universitätsangehörigen (auch das nicht-wissenschaftliche Personal) möglichst gleichwertig in diese Prozesse einzubinden - sozusagen die Kommandohöhen auf den Boden der Demokratie zurückzuholen. Die alte, patriarchale, ständische Ordnung an den Universitäten entspricht nicht mehr den Anforderungen einer Welt, in der Wissen und Wissensarbeit zu den zentralen Produktionsfaktoren gehören. Gute Wissenschaft bedeutet heute, in internationalen fächerübergreifenden Teams zu arbeiten, nicht sich jahrelang vereinzelt einem ordentlichen Professor anzudienen, um sich eine universitäre Karriere zu ermöglichen. Gute Wissenschaft bedeutet auch, die Mauern der Universität zu überschreiten und verschiedenste gesellschaftliche Gruppen in die Wissensproduktion einzubinden. Dafür brauchen wir keine privilegierten Professoren und Universitätskarrieren, sondern gute Arbeitsbedingungen und -verhältnisse für alle Beteiligten.

 

Die Universitäten öffnen

Wollen wir verschiedenste Gruppen in die Wissensproduktion einbinden, müssen wir nicht nur die Hochschulen weiter öffnen, sondern mit diesen, nicht nur räumlich, zu den Menschen kommen. Die Universität muss ein öffentlicher Raum werden, an dem alle Gesellschaftsmitglieder teilhaben können; ob sie nun studieren, lehren, forschen oder in einer anderen Form die Universität und die Gesellschaft mitgestalten wollen.

 

Solch offene, demokratische Universitäten sind der Gesellschaft, die sie hervorbringt, verpflichtet. Entsprechend soll das produzierte Wissen allen Gesellschaftsmitgliedern als Gemeingut zugänglich sein. Sie bilden und bilden gleichzeitig natürlich auch für die Arbeitswelt, für die Wirtschaft und für den Staat(sapparat) aus. Die zentrale Frage ist für welche Arbeitswelt, für welche Wirtschaft und für welchen Staat?

 

Für eine solidarische Ökonomie der Bildung

Nicht zuletzt zeigen zahlreiche Universitäten in Lateinamerika, dass Hochschulen einen wichtigen Beitrag im Aufbau von praktischen Alternativen zur kapitalistischen Produktionsweise leisten können. Beispielsweise werden in Brasilien in sogenannten universitären Incubadoras (Brutkästen) in großem Maßstab solidarischökonomische Betriebe gefördert. Das Wissen der ArbeiterInnen aus der Praxis der solidarökonomischen Produktion tritt darin in einen fruchtbaren Austausch mit akademischem Wissen. Die Produktionsmittel, die Produkte sowie das produzierte Wissen werden als Gemeingüter behandelt, über die demokratisch entschieden wird. Diese Incubadoras sind Labore für eine andere Art des Wirtschaftens nicht nur universitärer Ausbildungsstätten, sondern Brandherde für Ideen wie Gemeinwesen besser, solidarischer organisiert werden kann. Sie sind Freiräume, in denen Individuen und Kollektive wachsen und experimentieren können und nicht zuletzt Produktionsstätten für Güter, die täglich gebraucht werden. 

 

Die Krise an unseren Universitäten wie der gesamten Wirtschaftsordnung zeigt, dass es höchste Zeit ist, von solchen Alternativen zu lernen.

 


(1) Zu beachten ist hier, dass die Gruppe der österreichischen ProfessorInnen sich mit überwältigender Mehrheit aus Männern* zusammensetzt.


Hinweise

Artikelreihe des Paulo Freire Zentrums zu Incubadoras

zur Causa Walter Lüftl:

Dialog Hochschulpartnerschaft

 


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