Grüne Bildungswerkstatt Wien

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Texte - Ökologie / 11.05.2010 / Daniela Gradinger

Neue Grüne Revolution in Afrika?

article_601_fotolia_42948_xs_120.jpg Kann durch technologische Landwirtschaft und Weltagrarhandel Hunger in Afrika bekämpft werden? Oder werden im Zuge der so genannten neuen Grünen Revolution neue Abhängigkeitsverhältnisse geschaffen bzw. vertieft und ökologische Zerstörungen weiter vorangetrieben? Welche Alternativen wären möglich? Diesen und weiteren Fragen gingen am 14. April Dr. Petra Gruber, Dr. Michael Hauser und Dr. Uwe Hoering in einer Dialogrunde, organisiert vom Institut für Friede-Umwelt-Entwicklung, in der Julius-Raab-Stiftung nach.

Landwirtschaft politisch wieder wichtig

2009 wurde erstmals die Grenze von einer Milliarde hungernder Menschen weltweit überschritten. Die Mehrheit der Betroffenen lebt in ländlichen Regionen. Dass gerade dort die meisten Menschen Hunger leiden, wo Nahrungsmittel produziert werden, habe mehrere Gründe, erläuterte Michael Hauser, Agrarökologe und Direktor des Centre for Development Research an der Universität für Bodenkultur in Wien: Es handle sich vor allem um eine falsche Prioritätensetzung und den bisher fehlenden politischen Willen, denn in den letzten 30 Jahren habe Landwirtschaft als politisches Rahmenwerk und in der Forschung an Wichtigkeit stark verloren. Erst seit 2008 wurde Landwirtschaft wieder in die politische Agenda aufgenommen und werde seitdem international stark diskutiert.

 

Es stehen sich zwei verschiedene Landwirtschaftsmodelle gegenüber, ergänzte Uwe Hoering, Politikwissenschafter, Journalist und Autor: Die industrielle und die bäuerliche Landwirtschaft. Entgegen vieler Annahmen wird die Mehrheit an Nahrungsmitteln noch immer durch die bäuerliche Landwirtschaft produziert. Gefahr des neu gewonnenen Interesses der Politik am Thema Landwirtschaft sei, dass sich diese auf die industrielle Landwirtschaft fokussiere, also auf eine technologisierte und kapitalintensive, und dadurch die bäuerliche Landwirtschaft weiter zerstört werde.

 

Die Grüne Revolution: Ertragssteigerungen mit Folgen

Unter der Grünen Revolution versteht man die Einführung von landwirtschaftlichen Hochertragssorten vor allem für Mais, Reis und Weizen in Lateinamerika und Asien zu Beginn der 1960er Jahre. Durch den Einsatz von Hybridsaatgut, Kunstdünger, Bewässerungssystemen und chemischen Pestiziden konnten die landwirtschaftlichen Erträge signifikant erhöht werden, jedoch zogen sie soziale und ökologische Folgen mit sich: Viele Bauern und Bäuerinnen nahmen bei Unternehmen Kredite für den Kauf der teuren Produkte auf. Als die erhofften Gewinne nicht erzielt wurden, endeten die Bauern und Bäuerinnen in hoher Verschuldung und Abhängigkeit. Diese Entwicklung hält bis heute an und zeigt besonders in Indien erschreckende Auswirkungen: 200.000 LandwirtInnen nahmen sich in den letzten 15 Jahren aufgrund ihrer hohen Verschuldungen das Leben.

 

Für Umwelt und Äcker ging mit der Grünen Revolution ein Rückgang der Artenvielfalt, Umweltverschmutzung durch eingesetzte Chemikalien, die Zerstörung der Bodenfruchtbarkeit und eine erhöhte Anfälligkeit für Schädlingsbefall durch Monokulturen einher. Die Grüne Revolution wird nach Michael Hauser demnach sehr unterschiedlich aufgenommen: Während einerseits eine beachtliche Ertragssteigerung erreicht wurde, waren auch die externen und ökologischen Kosten immens.

 

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Dr. Michael Hauser, Dr. Petra Gruber und Dr. Uwe Hoering im Gespräch

(Foto: H. Wasserbauer)

Doing the same thing over and over again

...and expecting different results. Mit dieser Definition von Wahnsinn nach Albert Einstein benannte Michael Hauser die Versuche, eine neue Grüne Revolution in Afrika umzusetzen. Denn trotz der äußerst heterogenen Bodenflächen und Anbauverhältnisse in Afrika, die schon in den 1960er Jahren für das Scheitern der Grünen Revolution verantwortlich waren, wird nun abermals versucht, ein einheitliches Landwirtschaftsmodell für ganz Afrika umzusetzen. Vorangetrieben wird dieses Vorhaben durch die philanthropischen Organisationen Bill- and Melinda-Gates-Foundation und der Rockefeller Foundation mit ihrer 2006 gegründeten „Alliance for a Green Revolution in Africa“(AGRA). Mit einem ähnlichen Technologiepaket wie jenem der Grünen Revolution versucht sie die Landwirtschaft zu reformieren. Zudem wird auf Handelsliberalisierung und die Produktion für den Export gesetzt. Obwohl AGRA selbst keine gentechnisch modifizierten Kulturpflanzen in ihren Projekten verwendet, fördert die Gates-Foundation Forschung und Entwicklung im Bereich der Gentechnik, was dazu führt, dass AGRA von NGOs und WissenschaftlerInnen kritisiert wird, langsam den Weg für Gentechnik in Afrika zu ebnen.

 

Weiter wie bisher ist keine Option!

So lautet die zentrale Botschaft des Weltagrarberichts 2009. Es brauche Alternativen, um Hunger effektiv zu beseitigen, denn die industrialisierte Landwirtschaft konnte und wird dieses Ziel nicht erreichen. Demnach spricht sich der Weltagrarbericht für eine Förderung von kleinbäuerlichen Strukturen mit geeigneten und leistbaren Technologien, Saatgut, verbesserten Anbaumethoden und einer nachhaltigen, biologischen Landwirtschaft aus.

 

Diese Alternativen sind allerdings nicht im Sinne multinationaler Unternehmen, die ihre Produkte anbringen wollen, ergänzte Uwe Hoering. Dies führe zu einem Konflikt zwischen industrieller Landwirtschaft und kleinbäuerlichen Strukturen. Und dieser Konflikt um Afrika werde in den nächsten Jahren zunehmen, denn die Landwirtschaftsflächen in Asien und Lateinamerika seien bereits weitgehend erschöpft.Wie sich der Konflikt weiterentwickelt, hängt jedoch nicht nur von Afrika ab. Auch Veränderungen und Lösungsansätze in den USA und Europa spielen dabei eine große Rolle.

 

Afrika kämpft weiterhin mit den Exportsubventionen der Industrieländer. Subventionierte Überschussprodukte werden so günstig angeboten, dass es für lokale Bauern und Bäuerinnen unmöglich ist, preislich mitzuhalten. Der lokale Markt wird dadurch zunehmend zerstört, Landflucht vorangetrieben. Aber auch ein bewusstes Konsumverhalten aller Menschen in den Industrieländern führe Veränderungen herbei, so Uwe Hoering abschließend. Prognosen der FAO (Food and Agriculture Organisation) zufolge müsse die Nahrungsmittelproduktion in den nächsten 50 Jahren um bis zu 70 % gesteigert werden. Solche Aussagen werden als politisches Instrument genutzt, um Förderungen der industriellen Landwirtschaft zu rechtfertigen. Mit einem stärkeren Bewusstsein der KonsumentInnen für die Produktion von Nahrungsmitteln, würden die Prognosen einerseits andere Zahlen liefern, andererseits würden lokale und biologische Landwirtschaftsformen zunehmend gefordert und unterstützt werden.

 

AGRA und ihre Zielsetzung einer neuen Grünen Revolution in Afrika sind noch sehr jung. Es wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen, welche Auswirkungen die Investitionen der Allianz für Bauern und Bäuerinnen in den jeweiligen Gebieten haben werden und ob sich die Befürchtungen vieler KritikerInnen erfüllen. Unabhängig davon bleiben Veränderungen in der Landwirtschaft und die Erfüllung weltweiter Ernährungssicherheit wesentliche und umstrittene Themen, welche es auch in Zukunft zu überdenken und diskutieren gilt.