Grüne Bildungswerkstatt Wien

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Texte - Demokratie - Solidarität / 06.05.2010 / Philip Taucher

Ein Aufstand wär' gut

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Die Krise der Lehrausbildung wie des Bildungssystems insgesamt machen es notwendig, auch darüber nachzudenken, wer in Österreich Politik gestaltet.

Ein Kommentar von Philip Taucher



Die Lehrstellengarantie im Rahmen des Jugendausbildungsgesetzes ist eine sinnvolle Maßnahme. JedeR zusätzliche Ausbildungsplatz, den eine Lehrstellengarantie bringt, nützt der/dem Jugendlichen, die/der ihn beanspruchen kann und will. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die angebotenen Lehrausbildungskurse nur unzureichender Kitt für eine Lehrstellenlücke sind, die schon vor der derzeitigen Wirtschaftskrise dramatisch auseinander klaffte. In Wien warten 4,2 BewerberInnen auf eine Lehrstelle, nur 8,5 % der Betriebe bilden Lehrlinge aus, Tendenz sinkend. Es gibt einfach nicht genügend Stellen. Wir haben es mit einer veritablen Krise der Lehrausbildung zu tun (nicht nur in Wien und in Österreich). Dem wird von Seite der ArbeitgeberInnen und des AMS entgegengehalten, dass auch wenn mehr Lehrstellen verfügbar wären, viele Jugendliche nicht genügend grundlegende Kompetenzen mitbrächten, um eine solche Ausbildung überhaupt bestreiten zu können.

 

Was gern an die Eigenverantwortung der Jugendlichen delegiert wird, verweist aber eher auf eine weitere Krise: jene des gesamten Bildungssystems. Das Bildungssystem wird in Österreich nach wie vor gerne mit einer Art Erntemaschine verwechselt, die die Spreu vom Weizen trennt, die das nach wie vor ständische Sozialgefüge tagtäglich wiederherstellt. Selektion ist das Leitmotiv – JedeR fällt in das für sie/ihn vorgesehene Körbchen. Doch viele fallen inzwischen in solche ohne Boden. Das AMS bildet eines der Auffangbecken für jene, die schon früh ins falsche Körbchen geschubst wurden. Es soll dabei den Übergang von einem veränderungsresistenten (Schul)Bildungssystem zu Übergangsarbeitsmärkten, die nicht genügend Stellen zu bieten haben, verwalten. Eine eher undankbare Aufgabe. Die wesentliche Schraube an der das AMS drehen kann, sind die Jugendlichen selbst. Mit Kursen, Maßnahmen und Beratungen sollen sie für die prekäre Arbeitswelt geformt werden oder zumindest die Tugenden einer/s disziplinierten Arbeitslosen trainieren. Angesichts der prekären Situation am Arbeitsmarkt ist ein Zynismus der (Ohn)Macht nicht zu verkennen. Nach dem Motto „(Nicht) JedeR kann gewinnen“ werden vereinzelt schon 'Castingshows' für Arbeitsplätze und Lehrstellen unterstützt und als besonders 'jugendgerecht' gerechtfertigt.

 

KeineR der wesentlichen arbeitsmarktpolitischen AkteurInnen glaubt ernsthaft mehr an einen Aufschwung. Wachstumsraten in Europa, die es erlauben würden, altbewährte Arbeitsmarktpolitiken zu revitalisieren, sind nicht mehr zu erwarten. Trotzdem halten die politischen Eliten an der Verwaltung einer Misere fest, ohne deren institutionelle und systemische Ursachen konsequent in Angriff zu nehmen. ArbeitnehmerInnen sowie UnternehmerInnenvertretungen, die selbst im Vorstand des Arbeitsmarktservices sitzen, wie auch die etablierten Parteien begnügen sich mit einer Mangelverwaltung.

Pragmatisch gesehen braucht es also nicht mehr nur neue Ausbildungskurse, sondern einen kollektiven Aufstand. Einen Aufstand der Jugendlichen, die bisher als defizitäre Masse behandelt wurden und als Schuldenböcke eines ständischen Bildungssystems sowie eines autoritär-liberalen Arbeitsmarktpolitik herhalten mussten. Einen Aufstand der AMS-TrainerInnen gegen miserable Löhne, die nur ein miserables Leben zulassen. Einen Aufstand der AMS-MitarbeiterInnen, weil eine zeitgemäße und erfüllende Arbeit etwas anderes ist, als Menschen im Zehn-Minuten-Takt wie am Fließband abfertigen zu müssen. Einen Aufstand aller derjenigen, die endlich ein gutes Leben (für alle) wollen.

Ob die zentrale Forderung nun Teilzeitarbeit für alle, ein bedingungsloses Grundeinkommen oder eine umfassende Demokratisierung der Schulen, Betriebe und öffentlichen Einrichtungen ist; ein zukunftsweisendes Projekt für eine neue Arbeitswelt darf Jugendliche nicht mehr als zurechtzustutzende versus hilfsbedürftige Objekte, sondern muss sie als politische Subjekte wahrnehmen und anrufen: mit Fähigkeiten, Bedürfnissen, Ideen, Vorurteilen und Fehlern, die zu berücksichtigen für einen effektiven gemeinsamen Kampf um ein gutes Leben für alle wichtig ist. Hier sind soziale Bewegungen, Jugend- und Community-Organisationen wie auch Gewerkschaften und Parteien(projekte) gefordert, weniger zu vertreten als Organisierungsversuche zu unterstützen und zu vernetzen.

 

Dieser Kommentar erschien in leicht veränderter Form auch im Magazin malmoe #50.


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