Tasche (1).
Schauplatzwechsel. 7:55 Uhr morgens, Gumpendorfer Gürtel 2b, sechster Wiener Gemeindebezirk. Kalt ist es an diesem Frühlingsmorgen. Etwa zwei Dutzend Jugendlicher warten vor der Tür des nagelneuen achtstöckigen Gebäudes. Sie haben einen Beratungstermin und harren aus bis der Arbeitsmarktservice für Jugendliche um 8:00 Uhr seine Pforten öffnet. Die allgemeine Begeisterung hält sich in Grenzen. Von „Das ist einfach nutzlos“ bis „Die werden mir schon weiterhelfen“ beurteilen die Jugendlichen ihren bevorstehenden AMS-Termin nüchtern. Eine Mitarbeiterin sperrt die Tür auf, die Jugendlichen treten ein, blicken auf ihre Terminkarte und stapfen in die jeweilige Zone, in der sie ihren Termin wahrnehmen sollen. Jetzt sind sie für eine kurze Zeit wieder 'AMS-KundInnen'.
Das AMS Jugendliche
Rund 15.000 solcher 'KundInnen' aus ganz Wien im Alter zwischen 15 und 21 Jahren betreute das AMS Jugendliche, eine Regionalstelle des AMS Wien, im Jahr 2009.
58 % Männer, 42 % Frauen, rund zwei Drittel haben 'Migrationshintergrund' (im Vergleich zu einem Drittel in den entsprechenden Altersgruppen in der Wiener Gesamtbevölkerung). 37 % der Jugendlichen waren 2009 am AMS Jugendliche arbeitslos gemeldet, 50 % in Schulungen und 13 % lehrstellensuchend. Die Jugendarbeitslosigkeit bei den 15–21-Jährigen in Wien lag 2009 bei 10,4 % (+11,7 % zum Vorjahr). Für die 15–24-Jährigen in Österreich betrug die Arbeitslosigkeit 2009 10 % (+25 % zum Vorjahr) im EU-Durchschnitt 19,7 % (+ 27,3 % zum Vorjahr) (2). Besonders prekär ist die Situation am Lehrstellenmarkt. Auf jede sofort verfügbare Lehrstelle warteten 2009 in Wien 4,2 Lehrstellensuchende. Das AMS Jugendliche vermittelt de facto alle Lehrstellen, die in Wien über das AMS angeboten werden. Fehlende Lehrstellen werden zum Teil durch angekaufte Schulungsmaßnahmen, in Lehrgängen im Rahmen des Jugendausbildungssicherungsgesetzes (JAusSG), durch überbetriebliche Lehrausbildungen und finanzielle Anreize für Betriebe zu kompensieren versucht.
EinE BetreuerIn – 500 Jugendliche
Das Betreuungsverhältnis am AMS Jugendliche ist besser als an anderen AMS-Stellen: auf eineN BetreuerIn fallen rund 500 Jugendliche. Statt acht Minuten, wie bei den Erwachsenen, bleiben zehn Minuten pro Beratung, manchmal sogar länger.
Mit der Kürzung des Arbeitslosengeldes wird seltener gedroht, schon allein deswegen, weil viele Jugendlichen noch keinen bis kaum einen Anspruch auf Leistungen aus der Arbeitslosenversicherung vorweisen können. Bis zum 18. Lebensjahr vermitteln die BeraterInnen Berufsorientierungs- und Bewerbungskurse, Lehrausbildungen oder andere Ausbildungen, später geht es um Jobs, für jene ohne abgeschlossene Ausbildung meist um HilfsarbeiterInnenjobs.
Wie LehrstellenanbieterInnen und AMS betonen, fehlen den Jugendlichen oft grundlegende Bildungsabschlüsse und Qualifikationen. JedeR siebte Jugendliche (2008: 144.710) in Österreich betritt nach der Schule den Arbeitsmarkt ohne einen positiven Pflichtschulabschluss – 56 % von ihnen landen beim AMS. Oft fehlen Basiskompetenzen wie ausreichende Deutschkenntnisse (auch bei vielen Jugendlichen ohne 'Migrationshintergrund'), um eine weitere Berufsausbildung bestreiten zu können. Die Chance ohne Pflichtschulabschluss später einen Job zu finden, liegt bei rund 30 %. Mit einem Pflichtschulabschluss bleibt das Arbeitslosenrisiko mit 22,3 % noch mehr als doppelt so hoch als beim Durchschnitt der erwerbstätigen Jugendlichen (3). Das AMS Jugendliche finanziert Deutschkurse und Schulungen, bei denen der Hauptschulabschluss nachgeholt werden kann. Eine direkte Verbesserung der Arbeitsmarktchancen wird zwar nur in Einzelfällen erreicht, allerdings werden solche Angebote aus verschiedensten Gründen von Jugendlichen durchaus positiv bewertet. Gerade für Jugendliche, die wenig in soziale Netzwerke eingebunden sind, bieten die Kurse des AMS hilfreiche Anknüpfungspunkte.
Gemeinsam sind wir weniger allein
Die Jugendlichen selbst entwickeln unterschiedliche Strategien, um mit der prekären Arbeitsmarktsituation und ihrer Verwaltung durch das Arbeitsmarktservice umzugehen. Eine Verinnerlichung der Schuld des eigenen Scheiterns am Arbeitsmarkt, liegt zum Teil schon im ausgeprägten Defizitdiskurs der Umgebung gegenüber den Jugendlichen begründet. Neben zahlreichen individuellen Verarbeitungsformen, wählen sie selten kollektive Strategien, um mit ihrer Situation umzugehen. Eine davon ist die gegenseitige Unterstützung und Hilfe unter FreundInnen. Dabei spielen Jugendzentren und andere Treffpunkte eine wesentliche Rolle. Dort werden unter anderem Erfahrungen im Umgang mit dem AMS oder (potenziellen) ArbeitgeberInnen ausgetauscht. Vor allem junge Mädchen unterstützen sich, indem sie gemeinsam zum AMS gehen. So können sie in einem für sie oft männlich strukturierten, teils bedrohlichen Raum bestehen.
Auch M. begleitet ab und zu 'AMS Kinder' aus seinem Freundeskreis zum AMS, obwohl er selbst nicht mehr dorthin muss. Er meint, es mache vieles leichter. Man fühle sich sicherer, stärker, weniger Willkür ausgesetzt. Mit irgendwelchen Jugendverbänden habe er nichts am Hut, nur ins Jugendzentrum gehe er öfter. Dort kennt man ihn.
Dieser Text erschien in leicht veränderter Form auch im Magazin malmoe #50.
(1) Da der Autor selbst noch im Rahmen seiner Diplomarbeit zum Verhältnis von Jugendlichen in Wien zum AMS arbeitet und dabei auf Gespräche mit Jugendlichen zurückgreift, wurde die Darstellung der Jugendlichen M. aus forschungsethischen Gründen konstruiert, jedoch inhaltlich und in der Wortwahl an diese Gespräche angelehnt.
(2) Rund 4.000 der 15.000 Jugendlichen sind hier nicht miteinbezogen, da sie nur kurzfristig unterschiedliche Dienstleistungen des AMS in Anspruch nehmen (Daten: Geschäftsbericht AMS Jugendliche 2009).
(3) 70,8% der arbeitslosen Jugendlichen haben nur einen Pflichtschulabschluss.
Die Jugendarbeitslosigkeit steigt, Lehrstellen gibt es kaum. Am Arbeitsmarktservice Jugendliche in Wien stehen die Jugendlichen an, um doch noch auf den abfahrenden Zug aufzuspringen. Ein Bericht.





