Zu lange nicht beachtet
In vielerlei Hinsicht sei es in Österreich zu Versäumnissen dabei gekommen, auf die veränderten gesellschaftlichen Bedingungen der letzten 50 Jahre zu antworten. Dies wirke sich vor allem auf die Verhältnisse und Möglichkeiten vieler junger Menschen schwerwiegend aus. Das österreichische Bildungssystem sei sehr selektiv, die Sprachförderung mangelhaft und die LehrerInnenausbildung unzureichend. Das österreichische Schulsystem erwarte, so betont Kalayci, dass alle Kinder schon bei Schulantritt gleiche Deutschkenntnisse hätten, doch dabei werde nicht anerkannt, dass das Beherrschen der muttersprachlichen Grundlagen wesentlich für das Erlernen weiterer Sprachen sei. Obwohl sich die Bildungsmotivation bei Familien mit Migrationshintergrund nicht wesentlich unterscheide, seien die Drop-Out-Quoten bei Kindern und Jugendlichen aus solchen Familien höher. Kalayci unterstreicht dabei jedoch besonders, dass der Großteil der MigrantInnenfamilien neben häufiger rassistischer Diskriminierung auch als Teil der ArbeiterInnenschicht strukturell benachteiligt sind.
Einseitige Forderungen nach 'Integration' trennen und entsolidarisieren
Mit diesem letztgenannten Punkt leitet Kalayci auch in eine seiner Hauptthesen ein: Es sollte mehr über allgemeine sozioökonomische Bedingungen und Möglichkeiten in der österreichischen Gesellschaft diskutiert werden, als einkommensschwache Schichten durch Zuschreibungen wie 'Einheimische' und 'MigrantInnen' oder 'Integrierte' und 'Zu-Integrierende' zu trennen. Forderungen der 'Integration' richteten sich, so Kalayci weiter, zumeist einseitig an 'MigrantInnen' und wirkten trennend und entsolidarisierend. Wir sollten folglich davon abkommen, Integration definieren zu wollen, denn dabei würden eher Verpflichtungen an MigrantInnen gerichtet, als Maßnahmen der gesamten österreichischen Gesellschaft eingeklagt.
Mehr als eine Schulter zum Ausweinen
Während sich Kalayci dem Schwerpunkt Migration aus einer eher wissenschaftlichen Perspektive näherte, stellt Zerife Yatkin das Thema anhand zahlreicher Anekdoten und einer bildhaften Sprache dar. So schildert sie etwa Erlebnisse aus ihrem Alltag als Grüne Bezirksrätin im siebzehnten Wiener Gemeindebezirk und erzählt von zahlreichen Menschen, die sich mit vielfältigen Fällen von Diskriminierung an sie wenden. Dabei erklärt Yatkin, dass sie es für einen falschen Ansatz hält, nur zu bemitleiden und eine Schulter zum Ausweinen zu bieten. Denn, auch wenn dies zunächst auf einiges Unverständnis stoße, sei es doch wirksamer, zu Eigeninitiative für die Verbesserung der jeweiligen Lebensbedingungen (sei dies durch Weiterbildungen, Deutschkurse oder sonstiges) aufzurufen, als nur das Gefühl zu geben: „Kommt, weint euch aus und geht weiter!“.
Vielfältig sind aber die Hürden, die den Weg zu einem besseren Leben in Österreich oft versperren. So gibt es zwar Förderungen für die zur Erlangung eines Visums oder einer Arbeitsgenehmigung nötigen Deutschkurse, doch diese reichen häufig nicht aus. Viele Menschen nähmen sogar Kredite auf, um die Kosten der Prüfungen bestreiten zu können, erklärt Yatkin. Doch aufgrund fehlender zeitlicher Ressourcen reichten auch diese finanziellen Mittel oft nicht: „Die Anforderungen an die MigrantInnen sind wirklich sehr hoch“. Und wie Erdal Kalayci beobachtet auch Yatkin, dass vor allem Jugendliche in Österreich oft keine Zukunftsperspektiven erkennen können.
Solidarität jenseits von Herkunft
Mit einer letzten Anektode beendet Zerife Yatkin ihren Beitrag und nimmt dadurch in indirekter Weise Bezug auf einige in der Veranstaltung geäußerte Inhalte. Sie erzählt von einem Besuch bei streikenden ArbeiterInnen der Tabakfabrik Tekel in Ankara, von einer beeindruckenden Welle der Solidarität jenseits unterschiedlicher Herkünfte der ArbeiterInnen und schließt daraus: „Auch in Österreich sollten Gemeinsamkeiten zwischen Menschen mit unterschiedlichsten Hintergründen im Kampf für ein besseres Leben geschaffen werden. Darauf sollten wir hinarbeiten. Schritt für Schritt“.
Was heißt Migration? Wie kann die Forderung nach Integration gedeutet werden und an wen richtet sie sich? Welche Bedingungen finden MigrantInnen in Österreich vor? Dies sind einige der Fragen, die am 11. März 2010 beim zweiten Modul der von der