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"Wessen Bildung? Uns're Bildung!"

article_587_bildungsdemo_120.jpg So schallte es am Donnerstag, den 11. März, durch Wien. Eine Großdemonstration diente als Auftakt für den internationalen Alternativ-Gipfel der Studierenden-Protestbewegung, der als Antwort auf den offiziellen Bologna-Gipfel der europäischen BildungsministerInnen organisiert wurde.

Magdalena Heuwieser | 26.03.2010

Die Audimax-Bewegung mag vielleicht in den Medien kaum mehr präsent sein − tatsächlich „brennt die Uni“ inzwischen sogar international, und das nicht nur auf Sparflamme. Ausdruck der europaweiten Kritik am Bologna-Prozess, der die europäische Hochschulbildung reformieren und vereinheitlichen soll, war ein groß organisierter internationaler Gegengipfel in Wien. Mit einer Demonstration, Blockadeaktionen, Workshops und breitgefächertem Programm sollte den europäischen BildungsministerInnen, die zur gleichen Zeit in Wien und Budapest das zehnjährige Bologna-Jubiläum zelebrierten, die Feierlaune getrübt werden.

 

Demonstration und Blockaden

Der Festakt in der Hofburg am Donnerstagabend konnte um eineinhalb Stunden verzögert werden, indem die Zugangswege von den TeilnehmerInnen der Demonstration mit Blockade-Aktionen versperrt wurden. Nach der bunten Demonstration, an der sich circa 6000 Personen beteiligten, darunter Trommelgruppen, TänzerInnen, Clowns und „Bella Ciao“-singende ItalienerInnen, spalteten sich bei der Abschlusskundgebung vor dem Heldentor mehrere Blockade-Blöcke ab und zogen zu strategisch wichtigen Punkten, verteilt rund um das polizeiliche Sperrgebiet bei der Hofburg. In Blockadeworkshops und Trainings über deeskalative Methoden, die am Beispiel der G8-Gegengipfel entworfen wurden, waren die DemonstrantInnen auf die friedlichen Blockaden vorbereitet worden. Dadurch konnten Konfrontationen mit der Polizei fast vollständig verhindert werden. Diese schien nicht gut genug vorbereitet gewesen zu sein auf das „Studi-und Gendarm-Spiel“, dass einige Stunden bis nach Mitternacht andauerte. Resultat war, dass zwei Shuttles und ein DiplomatInnenauto mit Hofburg-Gästen aufgehalten wurden und der gesamte Festakt erst mit über einer Stunde Verspätung beginnen konnte. Und so ging die erste große Blockade-Aktion Wiens rühmlich in die österreichische Geschichte ein.

 

Alternativer Gipfel am Universitäts-Campus

Über 1000 BesucherInnen, Studierende aus ganz Österreich, Deutschland, Italien, Spanien, Frankreich, Schweiz, Polen, Ukraine, Serbien, Rumänien und anderen Ländern Europas, waren anlässlich der Bologna-Aktivitäten angereist. Mit Mobilisierungsfahrten und einer englischsprachigen Homepage war für den Gegengipfel geworben worden, während des Wochenendes wurden Dolmetschdienste und Übernachtungsmöglichkeiten angeboten.

 

Am Freitag begann der Gipfel auf dem Universitätscampus mit Auftaktveranstaltungen und Crash-Kursen wie das „Bologna ABC“ oder "Was steckt hinter Bologna?". Zur internationalen Vernetzung wurden Probleme und Aktionen in den verschiedenen Ländern besprochen und Perspektiven ausgetauscht. An der abendlichen Podiumsdiskussion über Kritik an Bologna nahmen Studierenden der Protestbewegung und ExpertInnen teil.

 

Am Samstag bot sich den BesucherInnen ein breites Programm: Mehrere Dutzend Workshops zu Themen wie „Gender und Bildung“, „Lehre und Forschung in der Krise“, „Bildung und Soziale Ungleichheit“, „Internationale Bildungsproteste“, „Neoliberalisierung der Bildungspolitik“ oder „Demokratie, Bildung, Gesellschaft“ wurden von Lehrenden, Studierenden und prominenten ReferentInnen angeboten.

 

Wessen Gehirnzellen zwischen den anstrengenden Workshops nach Geistesnahrung verlangten, konnten sich der exzellenten veganen Kochkünste der „Vokü“ erfreuen. Diese war in Zelten auf dem Campushof eingerichtet worden und brachte Erinnerungen an die Volxküchen der besetzten Hörsäle im letzten Semester hervor.

 

Die Aula am Campus war in ein „Café Transnational“ verwandelt worden, das auch buntes Abendprogramm anbot. Abseits des Campus gab es an diesem Wochenende kreative Aktivitäten, wie Flashmobs, das „Spaghetti Frust Essen – Bologna Rülps!“ auf der Universität für Angewandte Kunst oder alternative Stadtrundgänge.

 

Bei dem Abschlusspodium am Samstagabend wurde über Resultate und nächste Vorgehensweisen gesprochen. Dass der Gipfel ein Erfolg war und die internationale Vernetzung der Studierenden gestärkt hat, darin waren sich die meisten einig. Konkrete Resultate und mehr praxisbezogener Output mit klaren Handlungsanweisungen gab es jedoch weniger. Eine Homepage soll zur weiteren internationalen Vernetzung der Proteste dienen. In den nächsten Monaten sind mehrere Treffen geplant, im März in Brüssel, im April in Madrid. Auch an einem Kommuniqué wurde gearbeitet.

 

Erfolge und Probleme

„Der immens hohe Arbeitsaufwand hat sich auf alle Fälle gelohnt“, meinten einige stolze AktivistInnen, die an der Vorbereitung beteiligt gewesen waren. In vielen Arbeitsgruppen − von Demo- und Blockade-Arbeitskreisen über Infrastruktur-, Homepage- und Vokü-Gruppen − waren über 100 Studierende, Lehrende und Organisationen beschäftigt gewesen.

 

Leider gab es teilweise Probleme mit der Universitätsleitung, hauptsächlich aufgrund von spontanen, von der Vorbereitungsgruppe nicht geplanten, Aktionen. Über die plötzliche Besetzung eines Hörsaals im Neuen Institutsgebäude am Mittwoch, den 10. März, war das Rektorat wenig erfreut. Auch eine spontane Demonstration auf dem Campus am Freitag brachte kleinere Zusammenstöße mit der Polizei. Ein paar Tage nach dem Gipfel machte der Universitätsrektor Winckler Anstalten, die studentisch selbstverwaltete Aula am Campus der Bewegung streitig zu machen, was auf hartnäckigen Widerstand stieß. Der Raum, nun umbenannt in „SCHaula“, soll weiterhin in Form eines Cafés und einer Volxküche, beruhend auf freien Preisen, als Treffpunkt und Freiraum fungieren.

 

War der Gegengipfel auch politisch erfolgreich? In der „Budapest-Vienna Declaration on the European Higher Education Area“, die von den BildungsministerInnen nach dem Bologna-Gipfel verabschiedet worden war, wird auch auf die Studierendenproteste eingegangen und betont, Studierende und Lehrende zukünftig mehr einzubeziehen: “Die kürzlichen Proteste in einigen Ländern […] haben uns daran erinnert, dass ein paar der Ziele und Reformen von Bologna nicht richtig umgesetzt und erklärt wurden.“ Trotz augenscheinlicher Selbstkritik wird Bologna jedoch per se als große Chance für die europäische Hochschulbildung gesehen, Probleme von Bologna werden auf die unzureichende oder fehlerhafte Implementierung der PolitikerInnen geschoben. Der Bologna-Gegengipfel zeigte aber etwas anderes: Nicht nur bei der Umsetzung von Bologna lief einiges schief. Das Bologna-Konzept an sich wird von der Protestbewegung abgelehnt als nur ein Teil der neoliberalen Lissabon-Strategie, gemäß der alles, inklusive Bildung, Gesundheit, Pflege etc., privatisiert und ökonomisch verwertbar gemacht werden soll. Deshalb geht es nicht nur Studierende etwas an − der Sozialabbau betrifft die gesamte Gesellschaft.

 

weiterer Artikel zum Alternativ-Gipfel: 

01.04.2010: Was steckt hinter Bologna?

13.05.2010: SanitäterInnen auf die Unis

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