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Zwischen Recht auf Nahrung und Landnahme? Landwirtschaft in Entwicklungsländern

article_580_fotolia_11828728_xs_120.jpg Am 10. Februar ging die Veranstaltungsreihe „Die Zukunft der Entwicklungspolitik“ der Grünen Bildungswerkstatt Österreich mit einem Diskussionsschwerpunkt zu agrarpolitischen Themen in die zweite Runde. Angelika Hilbeck, Agrarbioligin an der ETH Zürich und Mitautorin des IAASTD-Berichts, präsentierte den Weltagrarbericht und stellte sich mit Franz Fischler, ehemaliger EU-Agrarkommissar und Präsident des Ökosozialen Forums, brennenden Fragen der Moderatorin Judith Schwendtner (NR-Abgeordnete der Grünen) und des Publikums.

Philipp Harder | 01.03.2010

Über die Dringlichkeit eines radikalen Umschwungs in der Entwicklungspolitik und besonders der Agrarpolitik waren sich wohl alle einig, die sich im voll gefüllten Veranstaltungsraum des „Centrum für Internationale Entwicklung“ eingefunden haben. Angelika Hilbeck führte das Scheitern der bisherigen Entwicklungspolitik in ihrer Vorstellung des Welternährungsberichts als „asymmetrische Entwicklung“ vor Augen und betonte die Notwendigkeit eines radikalen Paradigmenwechsels in der Entwicklungspolitik: „Wir haben über 50 Jahre lang versagt und sollten jetzt wirklich anfangen, clevere Lösungen zu finden“.

 

IAASTD-Bericht

Vorschläge, wie solche Lösungen aussehen könnten, bleiben im Weltagrarbericht (IAASTD - International Assessment of Agricultural Knowledge, Science and Technology for Development) allerdings sehr allgemein formuliert. Es sei nicht Auftrag der über 400 AutorInnen des Berichts gewesen, politische Empfehlungen auszusprechen, erklärte Hilbeck. Aber es würde damit ein evidenzbasierter Lagebericht geliefert und Handlungsszenarien für die Zukunft skizziert.

Die Anforderungen an die Landwirtschaft seien in den letzten Jahrzehnten vermehrt von den Bedürfnissen der lokalen Gemeinschaften entkoppelt worden. Agrarische Produktion widme sich heute in vielen Regionen primär der Erzeugung von Rohstoffen und kaum mehr jener von Nahrungsmitteln. Durch die Ergebnisse der Doha-Runde würden Länder mit weitgehend industrialisierter Landwirtschaft gefördert, während die Position der Länder mit überwiegend kleinbäuerlichen Strukturen weiter erschwert würde. Der Einsatz sogenannter „cash crops“ (hybrides und genetisch manipuliertes Saatgut) würde vorangetrieben und dabei die Vielfalt der sogenannten „orphan crops“ reduziert. Um allerdings Unterernährung und Armut entgegen wirken zu können, müsse die Produktivität autochtoner Sorten gesteigert und die Technologien von „low-input“-Anbausystemen verbessert werden. Dabei müsse das Zusammenspiel zwischen traditionellem landwirtschaftlichen Wissen, formellen Wissenschaften (etwa der Agrarbiologie) und modernen Technologien vorangetrieben werden. Zudem müsse, so Hilbeck, der Zugang zu Mikrokrediten, zu Pacht, zu Agrarversicherungen und fairer Konfliktlösung erleichtert sowie eine stärkere Einbindung von Frauen unter Berücksichtigung ihres Wissens gefördert werden. Hilbeck hob als wesentlichen Punkt allerdings wiederholt hervor, dass Landwirtschaft in ihrer Multifunktionalität anzuerkennen und zu berücksichtigen sei, dass landwirtschaftliche Produktion Teil komplexer Systeme sei, wo viele, vielfach auch nicht vermarktbare Güter hergestellt würden. Notwendig seien somit lösungs- und problemorientierte Ansätze, die „von unten nach oben auf lokale Gegebenheiten und Bedürfnisse“ zugeschnitten sind.
  

„Dann stehen wir da, wie die Ochsen vorm Berg“

Sehr abgeklärt gab sich Franz Fischler zu den von Angelika Hilbeck vorgestellten Punkten. Forderungen nach Multifunktionalität und Diversität höre er schon seit Jahrzehnten und das Dilemma sei, „dass der Bericht geschrieben werden muss, aber keine Politikempfehlungen enthalten darf“. Durch Landwirtschaft alleine könnten Hunger und Unterernährung nicht bekämpft werden, so Fischler weiter. Hunger sei eher als ein Problem von Armut zu betrachten und nicht so sehr als eines von fehlenden Nahrungsmitteln: „Menschen sollen in die Lage versetzt werden, selbst Lebensmittel kaufen oder herstellen zu können, anstatt stets dazu aufzurufen, mehr Lebensmittel zu produzieren“. Er betonte die Notwendigkeit von anderen zu lernen und unterstrich, wie Hilbeck, die Wichtigkeit von „bottom-up“-Ansätzen. Auf damit verbundene Schwierigkeiten allerdings wies Hilbeck hin: „Es sagt sich so schön, auf die Leute zuzugehen, dann aber stehen wir da, wie die Ochsen vorm Berg“.

 

Umgestaltung der Ökonomie vs. Entökonomisierung

Vor allem zur Einschätzung politischer Handlungsperspektiven sowie zur Rolle der Ökonomie in entwicklungs- und agrarpolitischen Fragen führten Hilbeck und Fischler eine kontroversielle Debatte. Vorwurfsvoll wandte sich Fischler beispielsweise an Hilbeck: „Der Handel entwickelt sich weiter, auch wenn manche wollen, dass dieser Prozess gestoppt wird“. Nahrungsmittel könnten nicht als „non-financial-entities“ behandelt werden. Dies sei auch in Österreich sichtbar, da dort am meisten Unfug mit Wasser betrieben werde, wo es am billigsten sei. Hilbeck allerdings erhob andererseits die Forderung nach einer weitreichenden Entökonomisierung, da gerade die Vermarktwirtschaftlichung der verschiedensten Lebensbereiche den Menschen die Möglichkeit genommen habe, ihre Lebensgrundlagen selbst zu bestreiten.

 

Ist ein Paradigmenwechsel möglich?

Angelika Hilbeck sprach sich folglich für einen umfassenden Systemwechsel aus und unterstrich, dass dieser nicht mit einer Anpassung an das bestehende System verwechselt werden dürfe. Dass es dem österreichischen Staat jedoch bereits schwer fällt, geringe Veränderungen umzusetzen, zeigt nicht zuletzt auch der Umstand, dass der Weltagrarbericht bis heute nicht unterschrieben worden ist. Doch die Unterzeichnung des Berichts würde wohl kaum einen Paradigmenwechsel bedeuten. Bereits in den 1970er Jahren wurden Beiträge von 0,7% des GDP für Entwicklungshilfe beschlossen und seitdem würde er, so Fischler, wiederholt Versprechen einer Umsetzung hören. Doch bis dato handelte es sich um nichts weiter als Lippenbekenntnisse.

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