Fliegende Schuhe in Hamburg
Der Erste Mai 2009 wurde in Hamburg wie in anderen Städten Europas mit einer EuroMayDay gefeiert. „Krisenfest durch Hamburg. Denn Krisenfest zu sein ist unser Alltag: keine Wertpapierverluste, keine Insolvenzen, Sparquote nach wie vor stabil bei Null“ war das Motto der Demonstration. Bunt, fröhlich und mit viel Elan suchte sich der Demonstrationszug seinen Weg durch die Straßen der Hansestadt, wie das Video des Aktivisten aus Hamburg zeigte. Ein Zwischenstopp wurde an der Baustelle der Elbphilharmonie gemacht. Aufgrund falscher Kalkulationen stiegen die Kosten des neuen Hamburger Wahrzeichens auf mehrere Hunderte Millionen Euro und die Eröffnung wurde nun auf 2013 verschoben. „Wenn wir unser letzten Hemd geben, dann schmeißen wir noch einen Schuh hinterher“ klang es aus den Lautsprechern des Demowagens. Die Demonstrierenden wurden aufgefordert, einen Schuh in Richtung der Elbphilharmonie zu werfen. Diese Aktion sollte veranschaulichen, wie Steuergelder für ein Prestigeobjekt verschwendet werden, welches später ein Ort der Verdichtung prekärer Arbeitsverhältnisse sein wird.
Das Pentagramm der Prekarität
Nach dem Bericht der 1.-Mai-Demo in Hamburg wurden die Teilnehmenden aufgefordert, über die eigene Prekarität nachzudenken. „Wählt drei eurer letzten Projekte aus,“ erklärte der Hamburger Aktivist „und zeichnet auf dem Arbeitsblatt ein, wie zufrieden ihr damit seid.“ Wir erhielten ein Blatt mit einem gleichschenkligen Sechseck. An jedem der Ecken standen unterschiedliche Schlagwörter: Gesundheit, Spaß, Lernen, Geld, berufliche Anerkennung und gesellschaftlicher Wert waren die Kriterien, nach denen wir unsere letzten Projekte bewerten sollten. Bei absoluter Zufriedenheit würde ein ausgefülltes Pentagramm entstehen. Je unzufriedener, umso kleiner und verformter würde sich das Abbild unserer eigenen Arbeitsbedingungen zeigen.
Im Kreise der Teilnehmenden des PrekärCafés präsentierten wir die Ergebnisse. Verformte Pentagramme reihten sich aneinander und nicht ein 'perfektes Pentagramm' fand sich darunter. Manche der Zeichnungen spiegelten einen Job mit viel Geld, jedoch mit wenig Spass und Lernmöglichkeiten wider, andere deuteten auf Projekte mit viel Lernerfahrungen und Spass, aber mit wenig Entlohnung und beruflicher Anerkennung hin.
Im Gespräch konnte herausgearbeitet werden, dass für einige TeilnehmerInnen die Grenze zwischen bezahlter und unbezahlter Arbeit fließend ist. In wie weit ist Arbeit und Freizeit noch voneinander zu trennen? Besonders Menschen, die in der Arbeitswelt ihren Interessen folgen, leben zumeist in prekären Lebensverhältnissen. Für sie bedeutet dieser Lebensstil vergleichsweise mehr Arbeit mit geringer Entlohnung, was schnell zum Dauerstress und gesundheitlicher Beeinträchtigung führen kann.
Von 'Carrot-Workern' und SuperheldInnen
Die Methode des 'Pentagramms der Prekarität' stellte den zweiten Teil eines dreiteiligen Blocks des „Untersuchungsworkshops“ der Bürogemeinschaft 9to5 dar. Der erste Block „Wir sind alle Carrot Worker“ und der dritte Block „Nimm mich ernst, du Sau“, von denen uns Neumann lediglich erzählte, fragt nach den Vorstellungen eines schönen Lebens und versuchte eine individuelle Widerstandsmöglichkeit zu bieten.
Der erste Block arbeitet die Versprechen des Prekarität heraus. Wir suchen einen Job, der Freizeit ermöglicht, der flexibel ist und uns Entfaltungsmöglichkeiten bietet. Hierfür nehmen wir aber eine schlechte Bezahlung und eine lückenhafte soziale Absicherung in Kauf. Versinnbildlicht wird die Suche nach dem perfekten Job im Untersuchungsworkshop durch eine altbekannte Metaphorik: eine Karotte, die an einem Stab befestigt vor einem Esel baumelt. So sehr sich der Esel auch anstrengt, er wird die Karotte nie zu fassen bekommen, sondern ihr erfolglos nachlaufen. In der Maske eines Esels mit einem Stab in der Hand, an den eine Karotte gebunden ist, werden die TeilnehmerInnen des Untersuchungsworkshop fotografiert. Die Karotte ist mit den eigenen Wünschen bespickt, dir wir an ein schönes Leben haben. Ob diese erreichbar sind, bleibt offen.
Wie Neumann erzählte, schlüpfen die Teilnehmenden im dritten Block des Untersuchungsworkshops in die Rolle der SuperheldIn und schrieben Forderungen an konkrete AdressatInnen auf, die für die prekären Lebensverhältnisse in die Verantwortung zu ziehen sind. „Wir wollten nicht nur über unsere prekären Lebensverhältnisse reden, sondern auch konkrete Widerstandsmöglichkeiten erarbeiten“, erklärte der Hamburger Aktivist. Im SuperheldInnenkostüm und mit den selbst verfassten Forderungen in der Hand werden die TeilnehmerInnen erneut fotografiert. Dieses Foto wird später als Postkarte an die AdressatInnen gesendet.
Kollektiver Widerstand und Individualisierung
Das kontroverse Gespräch auf der Februar-Veranstaltung des PrekärCafés zeigte die unterschiedlichen Bedürfnisse der TeilnehmerInnen. Aber ist das Pentagramm der Prekarität als Methode geeignet, die individuellen Bedürfnisse des/der Einzelnen darzulegen? So wurde von einigen TeilnehmerInnen gefordert, die sechs Kategorien offener zu fassen und nicht durch enge Vorgaben zu bestimmen. Andere befürworteten jedoch die Eingrenzung, um eine Ebene zu schaffen, die die Lebensbedingungen der Teilnehmenden vergleichbar macht. Einig waren sich die TeilnehmerInnen darüber, dass das Pentagramm als Anregung für eine Diskussion über die eigene Prekarität durchaus geeignet ist. Kollektive Widerstandsmöglichkeiten gegen prekäre Lebensverhältnisse erscheinen jedoch weiterhin nicht fassbar, denn eine Auseinandersetzung bleibt zumeist in der Isolation und im Privaten verhaftet.
Links:
Ankündigung der Grünen Bildungswerkstatt Wien
Untersuchungsworkshop - Ich liebe dich trotzdem





