Allein an der Universität Wien arbeiten 2.500 LektorInnen, mehr als 1.000 über außeruniversitär finanzierte Forschungsprojekte Angestellte und an die 800 AssistentInnen in Ausbildung. Diese zeichnen für die Hälfte der universitären Lehre verantwortlich. Ohne sie wäre der Hochschulbetrieb nicht aufrecht zu erhalten. Gleichzeitig kämpfen sie mit prekären Arbeitsverhältnissen, teilweise untragbaren Arbeitsbedingungen in überfüllten Hörsälen und unsicheren Zukunftsaussichten. LektorInnen werden pro Semester jeweils für einzelne Lehrveranstaltungen angestellt. Sogenannte „ExistenzlektorInnen“, die einzig von ihren Einkünften als LektorInnen leben, kommen oft auf nicht mehr als 1.300 € brutto im Monat. Ausbildungsniveau, Arbeitsaufwand und Bezahlung stehen für sie in keinem Verhältnis. Für die Universitätsleitung bieten diese Anstellungsverhältnisse jedoch die Möglichkeit den Lehrbetrieb aufrecht zu erhalten ohne viel Geld in die Hand zu nehmen.
Über außeruniversitäre Forschungsgelder finanzierte WissenschafterInnen sind meist für mehrjährige Forschungsprojekte angestellt. Gleichgültig ob sie das Geld, mit dem sie bezahlt werden, selbst organisiert haben, gleichgültig wie gut ihre Forschung und Lehre ist, sie dürfen aufgrund einer sogenannten Kettenvertragsregelung in fast allen Fällen nach sechs Jahren Anstellungszeit nicht mehr an der Universität Wien beschäftigt werden.
Die Universitätsleitung argumentiert, dass WissenschafterInnen dadurch zu internationaler Mobilität angeregt werden, und jüngeren WissenschafterInnen die Möglichkeit gegeben wird, nachzurücken. Die Betroffenen erwidern jedoch, dass ihre berufliche wie familiäre Zukunftsplanung durch solche Arbeitsverhältnisse massiv erschwert werde.
Wo bleibt der Widerstand?
Seit Frühjahr 2009 bildeten sich Initiativen in denen besonders junge WissenschafterInnen versuchen ihre Situation gemeinsam zu verbessern. Petitionen und offene Briefe an die Universitätsleitung zeigten bisher wenig Wirkung. Vielmehr wurden dieses Jahr ein Kollektivertrag für die Universität Wien und eine Novelle des Universitätsgesetzes beschlossen, die die Situation von NachwuchswissenschafterInnen in einigen Bereichen sogar verschlechtern. Vor diesem Hintergrund stellten sich die Initiativen der NachwuchswissenschafterInnen in mehreren Veranstaltungen die Frage, wie man die Interessen prekär Beschäftigter in den Wissenschaften besser organisieren könne. Gemeinsam mit den Protesten der Studierenden an der Universität gewann die Debatte an Dynamik. Die bestehenden Initiativen arbeiteten stärker zusammen, Lehrende erstellten einen gemeinsamen Forderungskatalog und schufen unter dem Label 'squatting teachers' einen Rahmen, in dem sie kritische Lehre selbst organisieren.
Hinderliche Widersprüche
Schnell kristallisierten sich in den regen Diskussionen einige Widersprüche heraus, die es für eine weitere Organisierung zu bearbeiten gilt. Die jungen WissenschafterInnen arbeiten an ihrem individuellen Lebenslauf, streiten um begehrte Fördermittel, Artikel in Zeitschriften und Lehraufträge und werden damit trotz geforderter Teamarbeit ständig in Konkurrenz zueinander gesetzt.
Viele haben an der Universität keinen Arbeitsplatz. Sie fühlen sich oft nicht einmal als Teil der Universität bzw. werden von dieser auch nicht als solcher behandelt. Die sehr unterschiedlichen Anstellungsformen machen es auch schwierig gemeinsame Interessen zu formulieren.
Ein weiteres wesentliches Hindernis für eine Organisierung von Interessen besteht darin, dass viele WissenschafterInnen ihre Arbeit zuerst als Berufung und erst in zweiter Hinsicht als Lohnarbeit verstehen. Dementsprechend deuten sie unbezahlte Arbeit als Engagement und Solidarität mit der Institution. Durch ihr Handeln setzen sie aber ihre KollegInnen unter Druck selbst mehr unbezahlte Arbeit zu verrichten. Ökonomisch ist das für die meisten kaum leistbar. Viele junge WissenschafterInnen lassen sich aber trotzdem auf derartige Arbeitsverhältnisse ein, um ein vermutetes Prestige, das mit einer Anstellung an der Universität verbunden wird, für sich zu nutzen. Um dieses unsichere symbolische Kapital nicht zu entwerten, reden die wenigsten darüber unter welchen Bedingungen sie an der Universität arbeiten. Die jungen WissenschafterInnen wissen um die individuelle prekäre Lage, ein kollektives Bewusstsein ihrer geteilten Erfahrungen von Prekarität entwickelt sich jedoch nur in beschränktem Maße.
Was tun?
„Einfach einmal 'Nein' sagen!“ als Maßnahme gegen den stillen Zwang zu unbezahlter Arbeit, könne unmittelbar Druck von Beschäftigten in Lehre und Forschung nehmen und Räume für Solidarität schaffen, argumentierte eine Lektorin bei einer Diskussionsveranstaltung Mitte Oktober am Campus der Universität Wien. Man solle die Möglichkeiten der Betriebsräte besser nutzen und gleichzeitig versuchen, eigene InteressensvertreterInnen dort hinein zu wählen, schlug eine Vertreterin der Interessensgemeinschaft Externe LektorInnen und freie WissenschafterInnen vor. Wenn das Ziel ist Konkurrenz abzubauen, dürfen wir nicht eine Universitätslaufbahn für möglichst viele fordern, sondern Sicherheit und angemessene Bezahlung aller an der Universität Beschäftigten, räumte eine Forscherin der Plattform Drittmittelpersonal ein.
Es müssen Räume geschaffen werden, in denen sich prekär Beschäftigte treffen und organisieren können, warf eine TeilnehmerInnen ein. Ein Vertreter der Initiative Zukunft der Wissenschaften forderte statt temporärer Aktionen, kontinuierliche Strukturen der Interessensvertretung prekär Beschäftigter aufzubauen. Dabei müsse man auch andere Gruppen an den Universitäten einbinden, wie Reinigungs- und administrative Kräfte und die Studierenden, damit der Druck nicht einfach auf diese abgewälzt werde, argumentierte ein Studierender.
Eine intensivere Zusammenarbeit mit Studierenden zeichnet sich im Rahmen der aktuellen Studierendenprotesten ab. Nach wie vor bleibt aber die Organisierung der unterschiedlichen prekär beschäftigten WissenschafterInnen an den Univeristäten eine schwierige Herausforderung. Eine Vernetzung mit anderen Beschäftigten an der Universität und WissensarbeiterInnen außerhalb der Universität ist bisher nur ein Wunsch ans Christkind.
Der Autor ist Mitglied des Redaktionsteams der GBW-Wien.
Zur Nachlese:
Manifest der WissensarbeiterInnen
Links zu den beteiligten Initiativen:
Interessensgemeinschaft Externe LektorInnen und freie WissenschafterInnen
Initiative Zukunft der Wissenschaften
Graduiertenzentrum Sozialwissenschaften


