Zu unterscheiden ist dabei zwischen eher punktuellen, tagespolitisch motivierten Aktivitäten und dauerhaftem Engagement. Für Letzteres stand die einflussreiche Wiener Politrockband „Schmetterlinge“, die an der Besetzung der Wiener Arena im Sommer 1976 ebenso beteiligt war wie an der Anti-Atom-Bewegung, die sich mit streikenden StahlarbeiterInnen im Ruhrgebiet genauso solidarisierte wie mit protestierenden Wiener Studierenden.
Das Label macht die Musik
Das Politische an politischer Musik kann sich aber auch auf einer strukturellen Ebene entfalten, über die Art und Weise, wie Musik und ihr Umfeld organisiert werden. Durch alternative Arbeits-, Auftritts- und Veröffentlichungsstrategien können MusikerInnen als „politisch“ wahrgenommen werden, ohne dies in ihren Songtexten oder medialen Aussagen ständig betonen zu müssen – das Politische bleibt stets über den Rahmen präsent.
Für die politische Glaubwürdigkeit einer Band kann es einen entscheidenden Unterschied machen, ob sie ihre Werke über eine global operierende Plattenfirma produzieren und vertreiben lässt, die strikt an kommerziellen Trends orientiert ist (Major-Label) oder über ein kleineres, künstlerisch innovatives Independent-Label. Die Tonträger des Duos „Attwenger“ – „Quetschnpunkdadaisten, Folkloreelektronikrocker und Mentalitätskritiker“ aus Linz – erscheinen beispielsweise seit 1991 bei „Trikont“, einem indirekt aus der außerparlamentarischen Bewegung hervorgegangenen Münchner Label mit klarem politischem Anspruch.
Der Auftrittsort als Statement
Politisch relevant sind auch Aufführungssituation und Aufführungsort von Musik: Die Verweigerung stilistischer Grenzen, wie sie für die Musik von „Attwenger“ typisch ist, spiegelt sich im bewussten Überschreiten nationaler und kultureller Grenzen: Schon früh versuchte die Band, auch in Weltgegenden aufzutreten, „die abseits der kapitalistischen Akkumulierung liegen“, wie Sänger Markus Binder 2002 im „Falter“ erklärte – etwa in Sibirien, Malaysia, Simbabwe, Pakistan oder Vietnam.
Bands – Keimzellen der Demokratie?
Teil der strukturpolitischen Dimension von Musik sind auch die interne Organisation und Arbeitsweise von Musikgruppen, etwa in Form von „bandinterner Demokratie“: So schlug sich die politische Motivation der „Schmetterlinge“ bereits im Produktionsprozess ihres Hauptwerks „Proletenpassion“ nieder, das als radikaldemokratische Gemeinschaftsarbeit entwickelt wurde: In Arbeitsgruppen mit befreundeten StudentInnen, HistorikerInnen, KünstlerInnen und linken AktivistInnen wurden umfangreiche wissenschaftliche Quellstudien betrieben, kontroverse Diskussionen geführt und bereits eingeplante Lieder wieder gestrichen, wenn sich die Beteiligten nicht einigen konnten. Wie Textautor Heinz R. Unger im Buch „Die Proletenpassion. Dokumentation einer Legende“ meint, war die Methode zur Herstellung des Werks zugleich das Programm, „adäquat zu den vermittelten Inhalten“. Eine politisch engagierte Band „musste auch im Lebens- und Arbeitsstil unbedingt glaubwürdig sein“.
Wie aus Eva „Gustav“ wurde
Die aus Graz stammende, in Wien lebende Musikerin Eva Jantschitsch war vor ihrer Solokarriere als „Gustav“ in männlich dominierten Kollektiven tätig – und erfuhr dort eine ganze andere bandinterne Politik: Bei dem mit Studienkollegen betriebenen elektronischen Projekt „Songs of Suspects“ habe sie zunächst gleichberechtigt am kreativen Prozess des Komponierens, Arrangierens und Produzierens teilgenommen – bis sie plötzlich auf die Rolle der Sängerin reduziert worden sei, die den Sounds der männlichen Programmierer und „Laptop-Magier“ quasi „die Seele einhauchen“ sollte. Die sexistischen Zuschreibungen als „singendes Aushängeschild“ einer männlichen Band, die Degradierung auf die Rolle der Ausführenden trugen zum emanzipatorischen Entschluss bei, als „Gustav“ Produktionsmittel und künstlerische Kontrolle in die eigene Hand zu nehmen.
Wir da oben, ihr da unten?
Zur strukturellen Ebene politischer Musik zählt auch die Frage, wie Musikschaffende mit ihrem Publikum umgehen, inwieweit sie es in den künstlerischen Schaffensprozess, in Live-Auftritte oder das politische Engagement einbeziehen.
So wurde bei Konzerten der Wiener Schockrock- und Punk-Aktionisten „Drahdiwaberl“ bisweilen die Barriere zwischen Bühne und Publikum weitgehend eingerissen – was früher nicht selten in chaotischen Saalschlachten (und Saalverboten) endete. Dies entsprach ganz dem Zeitgeist des Punk, der auch auf der Bühne Anarchie propagierte und distanziertes KünstlerInnentum mit Allmachts- und Genialitätsanspruch ablehnte.
Politische Musik als System
Um den vielfältigen Dimensionen politischer Musik gerecht zu werden, ist es hilfreich, sich Musik als ein ganzes System vorzustellen, das von der musikalischen Produktion über Vertrieb und mediale Vermittlung bis hin zur Rezeption und Interpretation durch die ZuhörerInnen reicht. Auf jeder dieser Ebenen kann Musik mit politischem Gehalt angereichert werden – ein komplexer Prozess, der die Auseinandersetzung mit politischer Musik jedoch umso faszinierender macht.
Der Autor ist freier Journalist in Tirol, hat seine politikwissenschaftliche Diplomarbeit an der Uni Innsbruck über politische Popularmusik in Österreich geschrieben und arbeitet derzeit an einer Dissertation über das Verhältnis von Komik und Politik.
Politische Musik hat viele Dimensionen: Wo MusikerInnen auftreten, wie sie ihre Musik veröffentlichen und wie sie mit ihrem Publikum umgehen, ist für die politische Gesamtaussage von größter Bedeutung.