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Was ist das Politische an politischer Musik? Teil 1

article_548_musik_120.jpg Wer an „politische Musik“ denkt, hat bestimmte MusikerInnen oder Bands im Kopf, die politisch gefärbte Texte singen oder sich für den „guten Zweck“ engagieren. Dabei kann sich das Politische in der Musik auch auf ganz anderen Ebenen entfalten.

Michael Domanig | 16.11.2009

Obwohl sie zunächst oft mit „sozialkritisch“ und „links“ im weitesten Sinne assoziiert wird, kann politische Musik grundsätzlich Verbindungen mit jeder politischen Weltanschauung eingehen: Sie kann Widerstand und die Veränderung bestehender Verhältnisse ebenso zum Ziel haben wie die Stabilisierung des Status quo; sie kann Gewalt, Sexismus und Rassismus nicht nur bekämpfen, sondern auch verherrlichen; sie kann die Mächtigen kritisieren – oder sich ihnen anbiedern.

Liedtexte als politisches Transportmittel

Dass Songtexte (Lyrics) bei der Vermittlung politischer Inhalte, Ideologien und Emotionen eine entscheidende Rolle spielen, ist naheliegend. Die meisten Analysen politischer Musik saugen sich daher zunächst einmal an der sprachlichen Ebene fest:
Ein Paradebeispiel für textlastige politische Musik ist die „Proletenpassion“, das bekannteste Werk der Wiener Politrockband „Schmetterlinge“. 1976 uraufgeführt und 1977 als Dreifach-LP veröffentlicht, behandelt das „szenische Oratorium“ politisch-ökonomische Konflikte von den Bauernkriegen bis in die Gegenwart. Dabei ging es den „Schmetterlingen“ und Textautor Heinz R. Unger in erster Linie darum, der „herrschenden Geschichtsschreibung“, verstanden als „Geschichte der Herrschenden“, die „Geschichte der Ausgebeuteten und Unterdrückten“ gegenüberzustellen.
Für einen völlig anderen Umgang mit Sprache, nämlich für das subversiv-surrealistische Spiel mit inhaltlichen und klanglichen Möglichkeiten des oberösterreichischen Dialekts, steht das 1990 in Linz gegründete Duo „Attwenger“. Markus Binder und HP Falkner setzen die rebellisch gewendete Mundart gezielt als kritisches Medium ein, um den „Feind“, das engstirnige, nationalistische Österreich, quasi mit den eigenen Waffen zu schlagen.

Der Sound sagt mehr als tausend Worte

Gerade das Beispiel „Attwenger“ macht deutlich, dass sich das Politische an politischer Musik keineswegs in den behandelten Themen erschöpft. Was im Rahmen von Musik politisch gemeint ist, kann sich auch auf formaler Ebene niederschlagen, also in der Musik selbst. Sogar wenn Musikschaffende vollständig auf politische Textinhalte verzichten, kann das Politische über den Sound präsent sein, etwa indem MusikerInnen bewusst mit Erwartungen brechen oder sich von anderen Stilen und Formen radikal abgrenzen.
So waren „Attwenger“ in der Selbstwahrnehmung von Anfang an ein politisches Projekt, obwohl die ersten Alben der Band kaum explizit politische Texte enthalten. Dafür bezog das Duo auf musikalischer Ebene Stellung: Ausgehend von traditioneller, ungeschliffener oberösterreichischer Volksmusik, öffneten sie sich dem kompromisslosen Experiment und Einflüssen aus aller Welt – von Punk über Hip-Hop, Jazz, indischen Râga oder traditionelle afrikanische Musik bis hin zu Drum’n’Bass und Techno. Allein durch diese offene „Soundpolitik“ hoben sie sich klar von Provinzialismus, Konformismus und Kommerzialität weiter Teile der zeitgenössischen Volks- bzw. volkstümlichen Musik ab.

Musik kann man auch sehen

Höchst relevant für die politische Gesamtaussage von Musik ist auch ihre visuelle Dimension und Präsentation: Bühnenshow, Mimik und Gestik der InterpretInnen, subkulturelle (Dress-)Codes, Videoclips und Filme, Bilder und Graffitikunst (etwa im Hip-Hop), kurz das gesamte multimediale Umfeld der Popkultur.
Ein anschauliches Beispiel ist „Drahdiwaberl“, ein offenes Wiener Kollektiv, das sich seit 1969 in wechselnden Formationen um den Sänger und bildenden Künstler Stefan Weber gruppiert und wesentliche Aspekte seiner politischen Botschaft über die Bühnenshow transportiert: Beeinflusst von den Tabubrüchen des Wiener Aktionismus und von der anarchischen Energie des Punk, zelebrieren „Drahdiwaberl“ chaotisch-exzessive Happenings zwischen Performancekunst, Theaterrock und politischem Kabarett. Bis zu 40 Personen stehen gleichzeitig auf der Bühne, wobei Exkremente, Kopulation und Masturbation ebenso als tragende Showelemente fungieren wie Horror- und Schockeffekte, Geschmacklosigkeit und Gewalt. Die Hauptfiguren der satirischen Rollenlieder – SpießbürgerInnen, PolitikerInnen, Staatsgewalt – werden durch drastische Masken und Verkleidungen auch optisch karikiert. Wobei die Gefahr, dass der freizügige „Mulatschag“ auf der Bühne herrschende Männerphantasien bedienen und die klar antisexistischen und emanzipatorischen Textinhalte somit konterkarieren könnte, nicht völlig von der Hand zu weisen ist …

Brennende Fahnen am Albumcover

Besonders prominent können politische Botschaften am Platten- oder CD-Cover, der visuellen „Visitenkarte“ einer Band, platziert werden: Für Aufsehen sorgte etwa das Artwork von „Rettet die Wale“ (2004), dem Debütalbum von „Gustav“ alias Eva Jantschitsch, einer in Wien lebenden Musikerin und Medienkünstlerin. Front- und Backcover scheinen eine heimatliche Bilderbuchidylle zu zeigen, mit schneeweißen Bergen, tiefblauem See, alpiner Natur und kleinen Kindern. Doch so wie „Gustav“ gerne mit musikalischen Klischees spielt (etwa mit Schlagermelodien), um sie dann mit radikalen politischen Aussagen zu konfrontieren, bricht sie auch mit diesen Postkartenmotiven: Im Bergsee schwimmt ein Killerwal, auf der Rückseite steht die österreichische Fahne in Flammen. Ebenso wie sie durch Texte, Musik und ihr Pseudonym bestehende Geschlechterrollen in Frage stellt, rüttelt „Gustav“ also auch am Konzept nationaler Identität.

Der Autor ist freier Journalist in Tirol, hat seine politikwissenschaftliche Diplomarbeit an der Uni Innsbruck über politische Popularmusik in Österreich geschrieben und arbeitet derzeit an einer Dissertation über das Verhältnis von Komik und Politik.

Veranstaltungshinweis

Generalversammlung der Grünen Bildungswerkstatt Wien 2010
Dienstag, 19.Jänner 2009, 17:30 – 21:30 Uhr
C3- Centrum für internationale Entwicklung, Sensengasse 1-3, 1090 Wien

 

Der zweite Teil der Generalversammlung (ab ca. 20:00 Uhr) ist wieder der inhaltlichen Auseinandersetzung mit den verschiedenen Facetten von politischer Bildung gewidmet. Passend zu der neuen Liederdatenbank auf der GBW Wien-Website ist der zweite Teil der Generalversammlung daher diese Mal dem politischen Lied gewidmet:


„Warum singen und dichten Menschen widerständige und aufmüpfige Lieder?“
Referentin: Gerlinde Haid

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13.03.2012 | Ökonomisierung der Sorgearbeit – fürsorgliche Praxis. Konflikte um nachhaltige Gesellschaftsentwicklung

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Aktionswoche gegen Rassismus, Antisemitismus und Rechtsextremismus

Ein Nachdenken über die heutige Situation ist bitter notwendig: Das zeigen nicht nur das Massaker von Norwegen und der rechtsextreme Terrorismus in Deutschland, sondern auch der dramatische Anstieg rechtsextremer Aktivitäten in Österreich. Allein im vergangenen Jahr sind in Österreich mehr als 1.000 Anzeigen wegen rechtsextremer Straftaten registriert worden. Diese Entwicklung ist alarmierend. Informationen zu Veranstaltungen gegen Rechtsextremismus finden sie hier: www.jetztzeichensetzen.at

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Programm Herbst 2011

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Ein gutes Leben für alle!

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Datenbank politischer Lieder

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