Grüne Bildungswerkstatt Wien

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Texte - Politik & Ökonomie - Kapitalismus-Kritik / 09.11.2009 / Kathrin Jurkat

"Die Menschen wurden ausgeraubt"

article_543_geld4_120.jpg „Ich wär’ so gerne Millionär, dann wär’ mein Konto niemals leer...“. Mit diesem Lied der Prinzen wurden die ZuschauerInnen zur Veranstaltung „Where has all the money gone?“ am 27. Oktober 2009 im Bildungszentrum der Arbeiterkammer Wien begrüßt. Susan Georg, Vizepräsidentin von attac-Frankreich und Präsidentin des Transnational Instituts (TNI), forderte im Gespräch mit Armin Thurnher, Chefredakteur des Falters, eine Auseinandersetzung über die ‚Reichen’ der Welt.

‚Where has all the money gone?’

Nicht nur der Titel der Veranstaltung, sondern auch die erste Frage an Georg konzentrierte sich darauf, wohin das Geld in der Wirtschafts- und Finanzkrise verschwunden sei. „Die Menschen wurden ausgeraubt“, erklärte sie und erläuterte, dass sich das Geld in den letzten 30 Jahren am oberen Ende der sozialen Leiter ansammelte. Ein Blick in die Vergangenheit verdeutlicht den sozialen Wandel. So wurde in den 1960er und 1970er Jahren vom ‚Goldenen Zeitalter’ gesprochen. Der Fordismus, der nach dem Autohersteller Henry Ford benannt ist, zeichnete sich nicht nur durch die Massenproduktion von Konsumgütern, sondern auch durch weitreichende soziale Sicherungssysteme, eine sozialpartnerschaftliche Organisation sowie hohe Löhne für ArbeiterInnen aus. Heutzutage gilt der berühmte Satz von Henry Ford „I pay my workers so they can buy my cars“ jedoch nicht mehr. Die Produktion hat sich weltweit verändert. In den 1970er kam den ArbeiterInnen etwa 74 Prozent der Wertschöpfung zu. Heute ist dieser Anteil auf 60 Prozent gesunken, sodass den ArbeiterInnen weniger Geld in Form von Löhnen zur Verfügung steht. Durch die Wirtschafts- und Finanzkrise verschärfte sich dieser Trend weiter. Löhne wurden gekürzt, ArbeiterInnen entlassen. Zudem verfolgt der Staat eine Umverteilungspolitik zugunsten der Banken, vernachlässigt jedoch gesellschaftliche Bereiche wie Bildung oder soziale Absicherung.

Nicht über ‚die Armen’, sondern über ‚die Reichen’ ist zu sprechen!

Armutsbekämpfungsprogramme und Maßeinheiten wie „one dollar a day“ wurden von den internationalen Finanzinstitutionen, der Weltbank und dem Internationalen Währungsfond, eingeführt und forciert. Es fand eine breite (wissenschaftliche) Auseinandersetzung mit dem Thema Armut statt. Georg fordert dem entgegen einen vertieften Diskurs über die ‚Reichen‘. Sie griff Zahlen des „World Wealth Reports“ auf und verdeutlicht, wie reich die ‚Wohlhabenden‘ dieser Welt wirklich sind. So verfügen 8,7 Millionen Menschen über 38 Billionen US-Dollar (eine Billion hat zwölf Nullen) und sind zumeist im globalen ‚Norden‘, in Westeuropa, Japan und Nordamerika, angesiedelt. Zudem besitzen die ‚Top 10 Prozent’ über 85 Prozent des globalen Reichtums. Den ‚reichsten zwei Prozent’ kommt wiederum innerhalb dieser Gruppe ca. die Hälfte des Vermögens zu. Im Zuge der Wirtschafts- und Finanzkrise spitzen sich diese sozialen Unterschiede zu. Zwar gingen 20 Prozent des Reichtums verloren, trotzdem geht die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinander.

ArbeiterInnen als verändernde Kraft?

Wie könnte jedoch ein Widerstand gegen den Abbau von Arbeitsplätzen aussehen? George erklärte am Beispiel der ArbeiterInnenkämpfe um das britische Unternehmen Lucas Aerospace, dass ArbeiterInnen Bestandteil eines kreativen Schaffensprozess sein können. Im Jahr 1974 verkündete Lucas Aerospace, dass acht der 15 Teilunternehmen geschlossen und ca. 20 Prozent der Arbeitsplätze reduziert werden sollten. Die ArbeiterInnen reagierten mit der Besetzung der Betriebe und arbeiteten in einem 18-monatigen Prozess Pläne aus, wie das Unternehmen, welches Ausrüstung für militärische Zwecke produzierte, umgewandelt werden könnte. Um einer Schließung und dem Verlust von Arbeitsplätzen entgegenzuwirken, wurde eine Reorganisation gefordert, es wurde die Einstellung der Produktion militärischer Ausrüstungen sowie eine Produktion von Waren mit gesellschaftlichem Nutzen verlangt. Anstatt der Herstellung von Waffen sollten medizinische Geräte, alternative umweltfreundliche Technologien und öffentliche Transportmittel gefertigt werden. Alle Arbeitsplätze könnten durch die Realisierung dieses Planes gesichert werden. Obwohl die ArbeiterInnen kreativ und selbstständig die Transformation des Unternehmens planten und eigenverantwortlich handelten, stellten sich die Gewerkschaften gegen diesen Plan, der schlussendlich fallen gelassen wurde. Den ArbeiterInnen wurde nicht zugestanden kreativ zu sein und „ihre eigene Zukunft zu erfinden“, wie Georg betonte.

Welche Schritte sind zu tun?

Susan Georg, deren politische Arbeit bereits zu Beginn der Diskussion als „kritischer und leidenschaftlicher Aufruf zum Widerstand“ hervorgehoben wurde, forderte ein Eingreifen durch den Staat. Eine Besteuerung der Reichen sowie der Finanztransaktionen weltweit seien längst überfällig. Obwohl eine Infrastruktur für die Besteuerungen bereits vorhanden sei, fehle der politische Wille ihrer Umsetzung. Darüber hinaus, so Georg weiter, ist eine Bündnisbildung notwendig. Weder die ArbeiterInnen noch die Gewerkschaften schaffen es, isoliert ihre Forderungen umzusetzen, wie das Beispiel von Lucas Aerospace zeigt. Nur in einem Zusammenschluss und durch die Bündelung von Kräften ist ein Wandel möglich.