Grüne Bildungswerkstatt Wien

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Texte - Demokratie - Solidarität / 24.10.2009 / Kris Hartmann

Kooperation statt Konkurrenz – Freinet-Pädagogik heute

article_537_kooperatio_120.jpg Wie könnte die Schule des 21. Jahrhunderts aussehen? Unter dem Titel „Nur die Praxis verändert die Wirklichkeit“ stellten drei Volksschullehrerinnen im Rahmen des Werkstattgesprächs am 15. Oktober 2009 eine reformpädagogische Richtung vor, die heute aktueller den je ist.

Die Freinet-Pädagogik hatte ihre Anfänge in den 1920er Jahren und begründet sich auf den Ideen der französischen Reformpädagogen Célestin und Elise Freinet. Beide versuchten das Schulwesen von innen heraus zu reformieren, indem sie 1924 zusammen mit anderen LehrerInnen die Arbeitsgruppe C.E.L („Cooperative de l´enseignement Laic“) bildeten, aus der später die französische LehrerInnenbewegung der „Ecole Moderne“ hervorging. Darüber hinaus eröffneten sie 1935 ihre eigene Schule in Vence (Frankreich) und gestalteten den Unterricht nach ihren zentralen vier Prinzipen: freie Entfaltung der Persönlichkeit, kritische Auseinandersetzung mit der Umwelt, Selbstverantwortlichkeit des Kindes, Kooperation und gegenseitige Verantwortung.


Das Kind im Mittelpunkt der Bildung

Die Referentinnen Barbara Peyrl, Dagmar Schöberl und Eva Neureiter arbeiten als Lehrerinnen an öffentlichen Wiener Pflichtschulen genau mit diesen Prinzipien. Die Persönlichkeit eines Kindes kann sich ihrer Meinung nach am besten durch freien Ausdruck beim Schreiben, Musizieren und Gestalten entfalten. Dabei lernen die Kinder sich anderen gegenüber zu öffnen und gleichzeitig offen mit ihren MitschülerInnen umzugehen.
Die Freinet-Pädagogik wurde besonders durch die so genannte ‚Schuldruckerei’ bekannt. Dabei werden selbstständig produzierte Texte von SchülerInnen eigenhändig aus Metalllettern zusammengesetzt und anschließend gedruckt  Auch wenn derartige Pressen heute nicht mehr obligatorisch bei jedem/er Freinet-LehrerIn eingesetzt werden, haben sie dennoch nicht an Bedeutung verloren. Der persönliche Schreibprozess und das gemeinschaftliche Veröffentlichen solcher Texte, zum Beispiel in Form einer Klassenzeitung, soll, so die Volksschullehrerinnen, ein Gefühl für sich selbst und die Gemeinschaft vermitteln.

Darüber hinaus findet eine kritische Auseinandersetzung mit der Umwelt statt, indem Fragen und Bedürfnisse der SchülerInnen den Ausgangspunkt für praktische Arbeitsvorhaben oder Untersuchungen außerhalb des Klassenraums bilden. Dies bedeutet Lernen durch die eigene Realität und verbindet theoretische mit praktischen Elementen. In der Freinet-Pädagogik wird dies auch als „tastendes Versuchen“ beschrieben. Damit ist ein schrittweise forschendes Herangehen an eine Problemstellung gemeint. Die 'Schuldruckerei' wird dabei als wichtiges Präsentations- und Dokumentationsmittel empfunden und wertet die Arbeit der Schüler und Schülerinnen auf. Im Unterricht von Peyrl, Schöberl und Neureiter präsentieren SchülerInnen wöchentlich Arbeiten und Projekte vor der ganzen Klasse, was dazu beitragen soll, den Überblick zu behalten und Techniken des Präsentierens zu erlernen.

Demokratie in der Klassengemeinschaft

„Die Demokratie von morgen wird durch die Demokratie in der Schule vorbereitet. Ein autoritäres Regime in der Schule kann keine demokratischen BürgerInnen  heranbilden.“
Dieser Leitsatz von Célestin und Elise Freinet – entnommen aus dem Einladungstext zur  Veranstaltung - spiegelt die vier Grundprinzipien sowie die ideale Klassensituation der Freinet-Pädagogik wider. Ein demokratisch organisierter Klassenrat sowie Klassen- und individuelle Arbeitspläne, die von den SchülerInnen selbst mitgestaltet werden, spielen dabei eine zentrale Rolle. Individuelle Arbeitspläne ermöglichen einen spezifischen, dem Lernfortschritt angepassten Arbeitsplan, der auf die Bedürfnisse der SchülerInnen eingeht. Ein weiterer wichtiger Bestandteil der Didaktik ist der Klassenrat, welcher als ein offenes Plenum zu verstehen ist. So erklärten die Freinet-Referentinnen, dass sie selbst „nur“ eine Stimme im Plenum besitzen und sich wie alle anderen SchülerInnen zu Wort melden müssen. Die Moderation des Plenums übernimmt ein/e SchülerIn. Folglich spielt der Klassenrat eine wesentliche Rolle in der Klassengemeinschaft. Die Schüler und Schülerinnen organisieren sich selbst, ohne „von oben“ Anweisungen zu erhalten.

Freinet-Pädagogik im Zeitalter von PISA

Im Rahmen der Diskussion kritisierte ein Teilnehmer die so genannte PISA-Studie, da sie durch verstärkten Normen- und Erwartungsdruck die Schüler und Schülerinnen zusätzlich belaste. Die PISA-Studie sei „Bildung in Zahlen gegossen“ und „gehe am Menschen vorbei“, so ein Kommentar. Des weiterem wurde in der Diskussionsrunde mehrmals das Gefühl geäußert, dass in der Gegenwart Konkurrenz gegenüber Kooperation überwiege, genauso wie Quantität gegenüber der Qualität von Bildung. Demgegenüber wäre ein Bildungsmodell zu bevorzugen, so der Tenor der DiskutantInnen, das auf individuelle Bedürfnisse Rücksicht nimmt und Kooperation in der Gemeinschaft fördert.

Die Zukunft der Freinet-Pädagogik

Freinet-Pädagogik bzw. -Schulen gibt es heute fast weltweit, wobei sie vor allem im romanischen Sprachraum verbreitet sind. In Österreich gibt es keine expliziten Freinet-Schulen, jedoch Freinet-Gruppen in jedem Bundesland. Darüber hinaus gibt es alle zwei Jahre einen internationalen Freinet-Kongress der von der „Rencontre Internationale des Enseignants Freinet“ (RIDEF) organisiert wird und einen internationalen Austausch gewährleistet.

Peyrl äußerte zu Beginn der Veranstaltung den Wunsch, dass „alternative Schulmethoden im allgemeinem Schulwesen einen Platz haben sollten“. Für die Entwicklung einer Gesellschaft, in der Kooperation wichtiger ist als Konkurrenz, bleibt zu hoffen, dass sie Recht behält.