Wissen ist kulturell geprägt
Der Umgang mit Software hat seinen Ursprung darin, wie Menschen Wissen verarbeiten. Der französische Sozialphilosoph André Gorz bezeichnete Computer als „Universalmaschine“. Kofler meinte dazu, Software sei Wissen in maschinell ausführbarer Form. Er knüpfte an diese Aussage an und stellte fest, dass es zwei Wissenskategorien gibt: Jenes Wissen, das formalisierbar ist und in Form von Software anwendbar wird. Und jenes Wissen, das zum Beispiel soziale Kompetenz einschließt und nicht von Maschinen erlernt werden kann.
Wissen wird jedoch von Kultur zu Kultur anders interpretiert, wie ein Vergleich zwischen Europa und den USA verdeutlicht. Im amerikanischen Raum dominiert der Grundsatz, dass öffentlich finanziertes Wissen auch öffentlich bleiben muss. Hierfür sorgt der „Freedom of Information Act“. Er schreibt Wissen als Gemeingut der Gesellschaft fest, was den freien Zugang zu den Ergebnissen universitärer Forschung inkludiert. In Europa, und hier speziell in Österreich, wird eher die Geheimhaltung gepflegt, wie sie auch das Amtsgeheimnis repräsentiert.
Der Ursprung der Wissensalmende
Kofler erklärte den europäischen Zugang mit Hilfe des Rechtsbegriffes der „Almende“. Eine Almende bezeichnet die Gemeinschaftsweide, die von Bauern und Bäuerinnen auf Almen bewirtschaftet wird. Sollte sich jemand einen individuellen Vorteil daraus verschaffen, mehr Kühe als für die Weide zuträglich sind, zu halten, wäre dies zum Nachteil der Gemeinschaft. Die Wissensalmende hat demgegenüber aber einen entscheidenden Vorteil: Sie kann nicht "übernutzt" werden. Wissen ist beliebig oft teilbar. Dementsprechend ist Wissen als Gemeingut anzusehen .
In der Wirtschaft ist jedoch das Gegenteil zu beobachten. Viele Unternehmen versuchen, Kapital aus Gemeingut zu schlagen. Firmen bedienen sich an der Wissensalmende und nutzen diese aus, indem sie öffentliches Wissen vereinnahmen und mit Patenten zu belegen. Es stellt sich daher die Frage, warum der Staat dieses Tun unterstützt und welchen Nutzen er daraus zieht.
Innovation fördern oder hemmen?
Innovation erfolgt nach gängiger Ansicht nur dann in ausreichendem Maß, wenn Unternehmen einen Ansporn zu entsprechenden Investitionen haben. Diesen Anreiz sollte der Staat setzen. In der Praxis erhalten Unternehmen für ihre Innovationen ein zeitlich befristetes Monopol in Form von Patenten als Gegenleistung für die Veröffentlichung der Funktionsweise.
In der Praxis wird diese Regelung aber durch ungenaue Patentbeschreibungen umgangen, sodass der Nutzen der Veröffentlichung verloren geht. Folglich ist die Annahme, dass Patente Innovation fördern, ein Trugschluss. Laut Kofler bringen Patente den Innovationsmotor sogar zum Stocken.
Frei verfügbares Wissen ist frei kombinierbar
Open Source Software (OSS) hat den großen Vorteil, dass ihr Quellcode offen gelegt wird. Im Gegensatz dazu stehen proprietäre Systeme, die kommerziell verkauft werden, ohne die Rechte auf die Weiterverwendung des Quellcodes zu erteilen. Eric S. Raymond stellt diese beiden Varianten allegorisch als „Cathedral and Bazar“ dar. In seinem gleichnamigen Buch stellt der Autor die Prinzipien der Entwicklung von proprietärer und freier Software gegenüber.
Cathedral and Bazar
In der Kathedrale des proprietären Systems wird zu Beginn immer eine Bedarfsbestimmung gemacht. Diese Vorgaben werden in der Programmierung umgesetzt und bleiben dann für die gesamte Lebensdauer des Produkts unverändert. Am Bazar der Open-Source-Software ist es vollkommen anders. Das System wird den UserInnen freigegeben, um dann gemeinsam daran zu arbeiten. Ein dynamischer, eigenständiger Prozess läuft kontinuierlich über eine breit gestreute Community verteilt. UserInnen können an diesem Prozess selbst dann mitwirken, wenn sie selbst nicht programmieren können, indem sie beispielsweise spenden oder Systemfehler melden.
Die Vorteile des gemeinsamen „Bazars“ liegen darin, dass die Community ihre Motivation nicht aus dem Preis zieht, der für das Produkt bezahlt wird. Vielmehr stehe eine „Kultur der Anerkennung“ im Vordergrund, so Kofler. Es besteht keine hierarchische Struktur, sondern ein egalitärer Umgang untereinander. Davon profitiert schlussendlich auch die Gesamtgesellschaft: Wissen wird nicht privatisiert, sondern öffentlich angeboten.
Warum ein Umstieg so schwer fällt
Der Einfluss der Softwareindustrie scheint jedoch stärker zu sein. "Dem schlechten Geld wird gutes nachgeworfen", beschreibt Kofler das Phänomen der Pfadabhängigkeit. Software-Hersteller wie beispielsweise SAP versuchen den Systemwechsel möglichst schwierig zu gestalten.
Marktführer und „Quasi-Monopolisten“ können jedoch nur schwer gestürzt werden. Ihre Stärke liegt vor allem im Netzwerk- und Skaleneffekt. Je mehr UserInnen das System nutzen, desto verbreiteter ist das Wissen und desto leichter wird der Austausch von Daten. Durch diese Netzwerkeffekte wird der Erfolg meist weitergetragen, ohne dass der Marktführer tatsächlich das bestmögliche Produkt bietet. Anbieter wie Oracle und SAP haben für ihre bestehenden Produkte beispielsweise marginale Reproduktionskosten und verdienen sich dadurch eine goldene Nase. Die Softwareindustrie sei daher nicht innovativ, so Kofler, sondern primär auf die Verteidigung des Monopols aus, um potentiellen Konkurrenten den Markteintritt zu erschweren.
Monopole aufdecken und stürzen
Aber was kann nun der/die Einzelne tun, wenn er oder sie zum freien Zugang zu Wissen beitragen möchte? Viele Computer werden oft nur mit Microsoft Betriebssystemen verkauft oder sind in manchen Geschäften erheblich teuerer, wenn sie mit Open-Source-Software ausgestattet sind, wie Beispiele aus der Praxis zeigen. An Schulen würden sogar Testversionen von Microsoft verteilt, wie ein Teilnehmer kritisierte.
Der Vorsatz, selbst die Initative zu ergreifen und sich bewusst gegen proprietäre Systeme zu entscheiden, sind erste wichtige Schritte hin zu einem innovationsfreundlicheren IT-Klima. Am eigenen Computer Open Source Software zu verwenden und in der Umgebung gegen die Nutzung von proprietären Programmen und Datenformaten einzutreten ist ebenso einfach wie vorteilhaft. Darauf zu achten, dass Wissen als Gemeingut behandelt wird, ist ein wichtiger Beitrag zu einer solidarischen und kooperativen Gesellschaft.





