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Wo Ausgrenzung beginnt und Integration an ihre Grenzen stößt

Sechzehn Prozent der österreichischen Bevölkerung weisen einen Migrationshintergrund auf. Daraus ergeben sich nicht nur große Chancen, sondern auch gewisse Probleme, wenn Kinder beim Einstieg in die Volksschule beispielsweise wenig oder gar kein Deutsch sprechen. Ein Problem, das die Wogen jenseits der Bildungspolitik hochgehen lässt und von rechtspopulistischen Gruppen für menschenverachtende Hetze instrumentalisiert wird.

Simone Tumfart | 18.06.2009

Grund genug, sich im Rahmen der IGS-Bildungsreihe näher mit dem Thema "Bildungspolitik und Migration" auseinanderzusetzen. Schließlich bedarf es konstruktiver Lösungen, um den schulischen Problemen, denen viele Kinder mit Migrationshintergrund oft begegnen, entgegenzuwirken. Alev Korun, Integrationssprecherin der Grünen, und die Pädagogin Lotte Kreisler versuchten zuerst die Ursachen der Probleme zu benennen, um daraufhin mögliche Lösungsansätze zu diskutieren.

Den Gründen auf der Spur

Die Bildungssituation der Eltern hat großen Einfluss auf die schulischen und beruflichen Chancen ihrer Kinder. So ist die nachfolgende Generation jener Hilfs- und GastarbeiterInnen, die Österreich vor 40 Jahren angeworben hat, oft benachteiligt, da viele Eltern selbst keine gute Grundausbildung aufweisen. Das österreichische Bildungssystem trägt seinen Teil dazu bei, indem es Rahmenbedingungen schafft, die Kinder aus sozial schwächeren Schichten vielfach benachteiligen. Vielen SchülerInnen wird so die Chance auf einen sozialen Aufstieg über den Bildungsweg verwehrt. Auch die familiäre Wohnsituation ist für die schulische Laufbahn der Kinder ausschlaggebend. Aufgrund des tendenziell geringen Einkommens vieler ZuwanderInnenfamilien herrscht in den Wohnungen vielerorts Platzmangel. Dementsprechend schwierig gestaltet sich die Lernsituation der Kinder. Der Umstand, dass sich viele MigrantInnen – zumeist aus Kostengründen – in bestimmten Vierteln ansiedeln, erschwert zudem den Kontakt zu deutschsprachigen Kindern und Eltern. All diese Umstände weisen auf eine strukturelle Ausgrenzung und Diskriminierung von Menschen mit Migrationshintergrund hin, so das Credo der Vortragenden.
Umso wichtiger sei es daher, Lösungsansätze zu finden, um Bildungsmöglichkeiten langfristig gerechter zu gestalten, und allen Kindern die gleichen Chancen auf Bildung zu ermöglichen.

Wo, wann, wie lange (nicht) gefördert wird

LehrerInnen sind im Unterricht oft mit der besonderen Herausforderung konfrontiert, dass viele ihrer SchülerInnen Lerndefizite aufweisen oder vielleicht gar nicht Deutsch sprechen. Diese Kinder würden einerseits eine spezielle Förderung benötigen, da sie laut OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) besonderen "Orientierungs- und Beratungsbedarfs" haben. Bis jetzt würde diese Forderung aber nur "punktuell und eventhaft“ stattfinden. Andererseits sind die LehrerInnen mit der Situation oft überfordert, da ihre pädagogische wie fachliche Ausbildung aufgrund zu geringer "Dauer und Intensität" vielfach nicht ausreicht. Daher fällt es oft schwer, auf das unterschiedliche Bildungsniveau der Kinder einzugehen und sie dementsprechend in den Unterricht zu integrieren. Wenn es überhaupt Projekte gibt, die sich Kindern mit Lernschwächen oder in sozialer Benachteiligung - was oft Hand in Hand geht - widmen, dann steht meist zu wenig Zeit zur Verfügung, um tatsächlich langfristige Erfolge zu erzielen. Zudem ist die Bezahlung für PädagogInnen - hauptsächlich Frauen - in diesem Bereich unzureichend, so die ReferentInnen.

Eine andere Bildungspolitik! Aber wie?

Ein Ziel der grünen Bildungspolitik ist es daher, die Drop-out-Quote an Schulen, die in Zusammenhang mit den sozialen Lebensbedingungen der Kinder steht, zu verringern. Zudem sei es notwendig, Förderprogramme  - seien es Projekte zum Nachholen des Hauptschulabschlusses oder individuelle Förderkurse -  ausreichend finanziell auszustatten und zu bewerben. Anzusetzen sei allerdings schon früher: So fordern die Grünen, dass ein kostenloses verpflichtendes Kindergartenjahr nicht beliebig umgesetzt werden sollte, sondern flächendeckend und für alle gelten müsse.

Darüber hinaus stellen Kosten für Unterrichtsmaterialien und Schulausflüge für viele Familien finanzielle Zusatzbelastungen dar. Gerade solche Ausgaben sind an Gymnasien und Privatschulen ungleich höher – ein Grund mehr,  warum viele Kinder aus ärmeren Verhältnissen eher die Hauptschule besuchen.

Die anschließende Diskussion bemühte sich darum, weitere Lösungsansätze zu finden. Das Konzept der Gesamtschule fand dabei regen Zuspruch, da es für sozial benachteiligte Kinder bessere Bildungschancen eröffne. Kritisiert wurde hingegen der Bildungs-Reformvorschlag von Bildungsministerin Claudia Schmidt, da spezielle Anlaufstellen für SchülerInnen mit Lerndefiziten nach wie vor fehlen oder mangelhaft wären. Damit LehrerInnen der Herausforderung gewachsen sind, auf Kinder aus unterschiedlichen Kulturen oder mit unterschiedlichen Bildungsniveaus einzugehen, müsse ihre Ausbildung an den Pädagogischen Hochschulen verbessert werden. Denn ohne gut ausgebildetes Lehrpersonal hätte jede Bildungsreform keine Chancen.
Dass trotz des großen Anteils an SchülerInnen mit türkischer Muttersprache kein Unterricht in ihrer Sprache angeboten werde, traf bei den Diskussionsteilnehmerinnen auf großes Unverständnis. Mehrsprachigkeit sollte auf jeden Fall gefördert werden, so der einstimmige Tenor.

Vom Individuum zur Struktur?

Trotz der zahlreichen Vorschläge, wie Bildungsstätten umstrukturiert werden könnten, konzentrieren sich diese vielfach auf individuelle Fördermodelle. Lediglich die Einführung der Gesamtschule birgt die Möglichkeit, die soziale „Selektion“ im Bildungssystem einzudämmen und gegen eine strukturelle Benachteiligung vorzugehen. Aber auch außerhalb der Schule müssen Hindernisse aus dem Weg geräumt werden, die den Zugang zu gewissen Bildungsstätten, Arbeitsplätzen aber auch Wohnvierteln für bestimmte soziale Gruppen erschweren. Nur so kann eine ganzheitliche Integration ermöglicht werden.

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