Den Anstieg der weiblichen Arbeitslosenquote sieht Michalitsch eindeutig in der Wirtschaftskrise begründet. Denn diese treffe vor allem die von Frauen dominierten Branchen wie Handel und Tourismus. Darüber hinaus sei als Nebeneffekt der Krise eine zunehmende "Atypisierung" von weiblicher Beschäftigung (im Sinne von lose geregelten Arbeitsverhältnissen) zu beobachten. 70 Prozent der freien DienstnehmerInnen seien beispielsweise weiblich. Kritik an der Rolle der Frau in neoliberalen Strukturen übt Michalitsch auch in ihrem Buch „Die neoliberale Domestizierung des Subjekts. Von der Leidenschaft zum Kalkül“ (zur Rezension).
Konjunkturpakete - Was springt für wen dabei raus?
Als sich das volle Ausmaß der Wirtschafts- und Finanzkrise abzeichnete, wurden in ganz Europa Pakete mit wirtschaftsfördernden Konjunkturmaßnahmen geschnürt. Diese könnten laut Michalitsch in vier Kategorien unterteilt werden:- Bankenhilfspakete
- Mittelstandsmilliarde (soll Unternehmen stützen)
- Konjunkturpaket II (Investitionen in den öffentlichen Sektor)
- Steuerreformen
In der Analyse der vier Konjunkturmaßnahmen kam Michalitsch zu dem Schluss, dass eine weitere Verschärfung der sozialen Polarisierung bevorstünde. So bringe die Steuerreform keine gerechtere Verteilung der Steuerlasten, sondern eine Entlastung der oberen und mittleren Einkommen anstelle des unteren Einkommensdrittels. Vielen Frauen sei damit nicht geholfen, da sie durchschnittlich nach wie vor weniger verdienen als Männer und in der Einkommenshierarchie weiter unten angesiedelt sind. Die große Einkommensschere sei auch der Grund, weshalb Frauen tendenziell weniger Vermögen besitzen und daher in Krisenzeiten seltener auf Rücklagen zurückgreifen können, so Michalitsch.
Ein weiteres Versäumnis in der Krisenbekämpfung sieht Michalitsch in der fehlenden Investition in die Bildung. Die Sanierung von Schulgebäuden dürfe unter keinen Umständen als Bildungsinvestition verkauft werden. Investitionen in Bildung und Wissen seien wichtige Potenziale, um der Fortführung von Geschlechterstereotypen entgegen zu wirken, so Michalitsch
Ein ebenso vernachlässigter Zweig sei auch der Bereich der öffentlichen Betreuung und Pflege. Als traditionell weiblich dominierter Sektor der Ökonomie wird dieser auch heute noch zu drei Viertel von Frauen besetzt. Das Ausmaß der unbezahlten Arbeit ist hier besonders hoch. Laut Michalitsch würde gerade dieser Sektor unter Druck geraten, da als Folge der Wirtschaftskrise noch weniger finanzielle Mittel für soziale Arbeit übrig seien. Generell fehle es an Investitionen in den Sozialbereich, die etwa der gesellschaftlichen Integration von MigrantInnen zugute kommen würden. Dabei wäre gerade der Zugang zu Bildung der entscheidende Faktor, um mittel- und langfristig volle gesellschaftliche Partizipationsmöglichkeiten für alle zu schaffen.
Bleiben Frauenanliegen auf der Strecke?
Michalitsch kritisiert, dass trotz eines Umdenkens in vielen Bereichen, eine Fortsetzung neoliberaler Wirtschaftsansätze zu beobachten sei. Ein Paradigmenwechsel zurück zum keynesianschen Modell, das wohlfahrtsstaatlichen Prinzipien folgt, sei nicht eingetreten. Außerdem stünden die Konjunkturprogramme im Widerspruch zu Berichten der EU, wie etwa der "Gendermainstreaming Roadmap". Der darin skizzierte Fahrplan für die Jahre 2006 bis 2010 strebt unter anderem wirtschaftliche Unabhängigkeit und Vereinbarkeit von Beruf und Familie für beiderlei Geschlechter an.
In den Konjunkturpaketen seien keine dieser Forderungen verankert, so Michalitsch. Auch die finanzielle Gleichstellung von Frauen und Männern werde in keinem Punkt erwähnt. Dies sei wiederum prägnant für die bestehende Situation: Im Bereich der ökonomischen Entscheidungsprozesse (Europäische Zentralbank, Generaldirektionen der Kommissionen usw.) sind Frauen nach wie vor auf den unteren Entscheidungsebenen zu finden. Die Krise gibt laut Michalitsch einen Vorwand, diese Themen in den Hintergrund zu stellen. So werde der Ruf nach Gleichberechtigung von den Entscheidungsträgern lediglich als partikulare Forderung dargestellt.
Der weibliche Blick auf die Krise
Die Wiener Stadträtin Monika Vana meinte in ihrem Statement, dass es mehr feministische Ökonominnen geben sollte. Dadurch könne die Krise aus anderen Perspektiven betrachtet und bewältigt werden. Die Grünen würden sich schon lange für frauenspezifische Agenden einsetzen, in der öffentlichen Diskussion jedoch kaum wahrgenommen werden, so Vana. Daher pochte sie in ihrem Vortrag auf eine stärkere Positionierung dieses Themas - auch im Europäischen Parlament.
Darüber hinaus entwickle sich die Wirtschaftskrise ihrer Ansicht nach zunehmend in eine Verteilungskrise. Vana sieht die Ungleichstellung der Geschlechter als politisch gemachte Realität an. Der europaweite Trend zu erhöhter Arbeitslosigkeit, Präkarisierung von weiblichen Beschäftigungsverhältnissen sowie die ungerechtfertigte Einkommensschere verlangen nach Maßnahmen. Diese würde es auch geben, jedoch in erster Linie für klassische Männerberufe, so Vana.
Als aktuelles Beispiel zieht sie die Diskussion über die staatliche „Rettung“ von Opel oder Karstadt heran. Beide Unternehmen wurden von der Wirtschaftskrise schwer getroffen und suchten um staatliche Unterstützung an. Der Handelsriese Karstadt, bei dem vorwiegend Frauen beschäftigt sind, hätte im Vergleich zu Opel mehr Arbeitsplätze, die es zu retten gäbe. Dennoch verlief die öffentliche Diskussion zugunsten der Opelwerke, die als klassische Männerdomäne gelten.
Konjunkturpakete für Frauen
Grüne Forderungen im Kampf gegen die Wirtschaftskrise sehen unter anderem ein frauenspezifisches Konjunkturpaket vor:
• Investitionen in soziale Infrastruktur (z.B. Kinderbetreuung)
• Neue Arbeitsmodelle (am Beispiel Wien: Ausbau des Wiener ArbeitnehmerInnen Förderungsfonds für experimentelle Arbeitspolitik, speziell für MigrantInnen und Frauen)
• Armutsbekämpfung durch Grundsicherung für alle, die kein existenzsicherndes Einkommen haben
• Verbindliche europaweite Mindeststandards für Löhne mit Sanktionsmöglichkeit bei Nichteinhaltung
• Investitionen in Bildung und Soziales
Sind Männer schuld an der Krise?
In der anschließenden Publikumsdiskussion wurde auch Alice Schwarzer, Feministin und Gründerin der Frauenzeitschrift Emma, zitiert, die die Wirtschaftskrise als eine von Männern geschaffene Krise bezeichnet hatte. Michalitsch schloss daran an. Die Krise sei ihrer Ansicht nach das Resultat des bestehenden Systems und in diesem seien nun einmal die Führungspositionen an Männer vergeben. Die grundsätzliche Problematik gehe jedoch über die Frage der Postenbesetzung hinaus. Im bestehenden Marktmodell seien „Männlichkeitsentwürfe“ impliziert, die mit hierarchischen Geschlechterrollen verknüpft sind. Dies führe dazu, dass Männlichkeit als zentraler Bestandteil der Wirtschaft gesehen wird. Insofern würde Michalitsch der Aussage von Alice Schwarzer Recht geben, jedoch sei eine differenziertere Betrachtung notwendig.