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Alpentransit und EU-Binnenmarkt (I)

Trotz weitreichender Gegenmaßnahmen komme es zu neuen Steigerungen des alpenquerenden Lkw-Verkehrs, analysiert der Autor in einem zweiteiligen Beitrag.

Winfried Wolf | 29.08.2005

Die Schweizer Regierung hat dem Schutz der Alpen und der Verlagerung des Lkw-Verkehrs auf die Schiene hohe Priorität eingeräumt. Auch die EU-Kommission betrachtet die Alpenregion als derart sensibel, dass sie für Ausnahmen von der in der EU praktizierten Regel des "liberalisierten Verkehrsmarktes" plädiert. Da es sich bei den unterschiedlichen Alpenquerungen um "ökologisch sensible Korridore" handeln würde, sollte durch Mautgebühren und spezifische Verträge mit Österreich und der Schweiz eine Eindämmung des alpenquerenden Schwerlastverkehrs bzw. dessen weitgehende Verlagerung auf die Schiene erreicht werden. Tatsächlich aber kommt es zu einem ständig weiter anwachsenden alpenquerenden Lkw-Verkehrs.

LKW-Güterverkehrsaufkommen 1990-2002

In der Schweiz stieg das Güterverkehrsaufkommen beim Lkw-Transit über den Gotthard von 3,1 Millionen Nettotonnen (Mio NT) 1990 auf 7,6 Mio NT 2000. Bis 2002 konnte er stabil gehalten werden. Ursache dafür war der Brand im Gotthard-Tunnel am 24. Oktober 2001, nach dem eine "Dosierung" des Lkw-Verkehrs über Gotthard und Bernardino eingeführt wurde. Allerdings gab es auf der zweiten schweizerischen Transitstrecke einen massiven Anstieg. Auf der Route Simplon/Lötschberg lag das Güterverkehrsaufkommen für LKW 1990 bei 1,1 Mio NT, 2000 bei 1,3 Mio NT und 2002 bereits bei 3,0 Mio NT. Insgesamt haben sich damit die Lkw-Transportleistungen allein im Zeitraum 1990 bis 2002 um das Zweieinhalbfache gesteigert. Dagegen konnte die Schiene ihre Transportleistungen auf den beiden Strecken nur noch unwesentlich steigern.

Auf der österreichisch-italienischen Brenner-Route wuchs das LKW-Güterverkehrsaufkommen von 13,6 Mio NT 1990 auf 25,8 Mio NT 2002. Die Schiene konnte ihr Güterverkehrsaufkommen von 5,5 Mio NT 1990 auf 10,1 Mio NT 2002 erhöhen. Hier hat sich - allerdings bei massiv ansteigendem Gesamttransport - der Modal Split, also die Verteilung des Güterverkehrs auf die verschiedenen Verkehrsbereiche, leicht zugunsten der Schiene entwickelt. Dies droht jedoch mit der Beseitigung der mengenmäßigen Begrenzungen für Lkw-Transite, die die EU 2003 der österreichischen Regierung aufzwang, zunichte gemacht zu werden.


Tabelle: Alpentransit per Straße und Eisenbahn 1985 bis 2002 in Mio Nettotonnen

SchweizÖsterreichFrankreichGesamter Alpentransit
GotthardSimplon/ LötschbergSumme CHBrennerMonte CenisSumme
--------------------------------Eisenbahn---------------------------------------
199013,6 4,317,95,57,230,6
200016,83,820,68,79,438,7
200214,24,819,010,18,637,7
1990- 2002+4,4%+11,6%+6,1%+84%+19,4% +23,2%
--------------------------------LKW---------------------------------------
19903,11,14,213,621,839,6
20007,61,38,925,425,860,1
20027,53,010,525,825,461,7
1990- 2002+142%+173%+150%+90% +16,5 % +56 %


Quelle: EU-Energy and Transport in Figures. Statistical Pocketbook 2003.


Beseitigung der Mengenbeschränkung

Interessanterweise musste die Schweiz den weitaus größeren Teil des Wachstums des Straßengüterverkehrs verkraften. Machte die Lkw-Transportleistung im Alpentransit durch die Schweiz 1990 erst 10,6 Prozent des gesamten Alpentransits aus, so liegt dieser Anteil jetzt bereits bei 17 Prozent. Dabei ist die Schweiz kein EU-Mitglied. Der überwiegende Teil des Alpentransits ist jedoch solcher zwischen EU-Ländern. Die Maßnahmen der Schweiz zur Reduktion des Lkw-Verkehrs sind weitreichende. Es gelang der EU jedoch in vielfältigen Verhandlungen mit teilweise erpresserischem Charakter, bestehende Begrenzungen auszuhöhlen. Insbesondere wurde mit dem Landverkehrsabkommen, das am 21. Juni 1999 zwischen der EU und der Schweiz geschlossen wurde, die - bis 2005 zu erfolgende - Übernahme der 40-Tonnen-Grenze für LKW durch die Schweiz durchgesetzt.


Lesen Sie in Teil II am 5. September 2005: Liberalisierung verlagert Transport auf den LKW.

Der Autor ist Ökonom und Verkehrsexperte. Auf Einladung der Grünen Bildungswerkstatt Wien referierte er im Juni 2005 in Wien.

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Winfried Wolf bei der Veranstaltung der GBW-Wien am 21. Juni 2005 im Amerlinghaus

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