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Texte - Feminismus / 30.05.2009 / Philip Taucher

Rezension: Hat der Neoliberalismus ein Geschlecht?

article_507_michalitsc_120.jpg Im ihrem Buch „Die neoliberale Domestizierung des Subjekts. Von der Leidenschaft zum Kalkül.“ untersucht Gabriele Michalitsch das vieldiskutierte Thema Neoliberalismus als umfassendes Phänomen. Ihr Fokus auf die Geschlechtlichkeit des Subjekts im Neoliberalismus bietet eine sonst selten gewählte Perspektive.

Der Neoliberalismus, so Michalitsch, ist nicht nur ein wirtschaftspolitisches Programm, sondern vielmehr eine bestimmte Art und Weise, wie man Institutionen, Menschen, Dinge und vor allem sich selbst regiere. Politisches Handeln, wirtschaftliche Strukturen und Handlungslogiken in Institutionen wie im Alltag seien im Neoliberalismus ebenso miteinander verknüpft wie wissenschaftliche Diskurse und Praktiken der Selbstbeherrschung. In ihrem Zusammenwirken schaffen sie ein idealisiertes Menschenbild und reales Handeln, das dieser Vorstellung entspringt . Darin werden den Geschlechtern unterschiedliche Positionen in der Gesellschaft und unterschiedliche Möglichkeiten des Handelns zugeschrieben. Auf diesen Grundlagen aufbauend entwickelt Michalitsch ihre Thesen zum Neoliberalismus und verdeutlicht sie anhand von Beispielen.

Diskurse neu diskutiert

Das 2006 im Campus Verlag erschienene Buch unterteilt sich in drei Abschnitte. Im ersten stellt Michalitsch das theoretische und methodologische Fundament dar, auf dem ihre Analyse fußt. Sie bezieht sich vor allem auf Konzepte von Judith Butler und Michel Foucault, die Diskurse auf ihre Verknüpfung von Macht, Wissen, Subjektivität, praktischem Handeln, Geschlechtlichkeit und Körperlichkeit untersuchen. Das Thema wie Menschen geführt und dabei geformt werden, steht im Mittelpunkt ihrer Überlegungen.

Die vielen Facetten des Neoliberalismus

Im zweiten Teil ihres Buches legt Michalitsch dar, wie das Regieren von Menschen im Neoliberalismus idealtypisch funktioniert. Die Produktion eines „wahren“ wissenschaftlichen Diskurses bildete einen wichtigen Ausgangspunkt für den Erfolg des neoliberalen Projekts. Der Markt werde darin als natürlich gegeben und einzig vernünftig funktionierende Institution dargestellt. Demnach solle dieser nicht nur vor Staatsintervention geschützt, sondern vielmehr Leitprinzip für die Regulierung aller Lebensbereiche werden. Allerseits werden Wettbewerb und Konkurrenzverhältnisse organisiert: Ob in der Familie, im Studium, am Arbeitsplatz - überall haben Menschen als innovative UnternehmerInnen ihrer selbst zu funktionieren. So wirkt sich die Weise, wie Menschen regiert werden, auch auf ihr Selbstbild und ihre Praktiken der Selbstdisziplinierung aus.

Ging es in der Aufklärung noch darum, die Leidenschaften zur Vernünftigkeit zu disziplinieren, gehe es nun darum, so Michalitsch, eine bestimmte Art der Vernünftigkeit durchzusetzen – ein kühles Kalkulieren individueller Kosten und Nutzen als Basis jeglicher Entscheidung. Männer und Frauen spielen in dieser Logik jedoch eine wesentlich unterschiedliche Rolle.

Mann und Frau im neoliberalen Gewand

Im dritten Abschnitt des Buches geht Michalitsch genauer auf die Geschlechtlichkeit des „neuen Menschen“ im Neoliberalismus ein. Das rational kalkulierende Individuum, das die Basis der neoliberalen Theorien darstellt, sei ein männliches. Michalitsch zufolge werde Männern der Platz am Markt, in der Öffentlichkeit, zugewiesen, während leidenschaftliches, irrationales Handeln im Privaten, im Haushalt, den Frauen zugeordnet wird. Maßnahmen, die Frauen betreffen, werden demnach auch als Privatsache bezeichnet. Staatliche Politik regiere ein idealtypisch männliches Subjekt, habe aber völlig unterschiedliche Auswirkungen auf Männer und Frauen.

Anhand von vier konkreten Beispielen erörtert Michalitsch die Organisation der Geschlechterhierarchie im Neoliberalismus. Mit zunehmender Deregulierung des Arbeitsmarktes und steigender Erwerbsquote von Frauen, erhöhe sich der Konkurrenzkampf zwischen den Geschlechtern und es komme gleichzeitig zu einer Abdrängung von Frauen in ungesichertere Randbereichen des Arbeitsmarktes. Auch die  Steuerpolitik und staatliche Mittelaufwendung hat höchst unterschiedliche Auswirkungen auf beide Geschlechter. Mit „Gender-Budgeting“ stellt Michalitsch ein Konzept vor, das diesen Ungleichheiten in der Budgetpolitik Aufmerksamkeit schenke und Maßnahmen zur Gegensteuerung fördere. Im öffentlichen Bereich werden zudem Institutionen der Frauenförderung wieder aufgegeben oder in den privaten Bereich abgeschoben. Die Frauenförderung wurde vom so genannten Gender-Mainstreaming abgelöst. Dieses werde, so kritisiert Michalitsch, vor allem als Managementtechnik verstanden, die die Gleichberechtigung von Mann und Frau dem neoliberalen Nutzenkalkül unterordne.

Der Neoliberalismus aus feministischer Perspektive

Michalitsch gelingt in ihrem Buch eine umfassende Zusammenschau der unterschiedlichen Facetten des Neoliberalismus, indem sie Diskurse, Praktiken, Politiken, Strukturen über disziplinäre Grenzen hinweg in die Analyse miteinbezieht. Ihre Argumentationen basieren jedoch nicht auf völlig neuen Erkenntnissen. Michalitsch schafft es vielmehr, unterschiedliche Perspektiven zum Thema Neoliberalismus zu einem Gesamtbild zu integrieren und anhand von konkreten Beispielen zu erläutern.
Sprachlich orientiert sich Michalitsch sehr stark am spezifischen Vokabular jener Theorien, auf denen ihre Arbeit fußt. Dies macht es für Personen, die mit diesem Konzepten nicht so vertraut sind, schwieriger ihre Argumentationen nachzuvollziehen.
Daher ist das Buch vor allem jenen ans Herz zu legen, die den Neoliberalismus aus einem neuen Blickwinkel heraus begreifen möchten. Gerade die feministische Herangehensweise  Michalitschs eröffnet eine spannende, sonst selten gewählte Perspektive auf die Thematik. Auch die Kürze und Prägnanz des Textes kommt jenen entgegen, die sich dieses lesenswerte Buch zu Gemüte führen wollen.