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Mit Marx die Krise verstehen

article_504_marx2_120.jpg Warum es mehr fruchtet, das „Kapital“ von Karl Marx zu studieren als nur die Tageszeitung, um in der derzeitigen Wirtschaftskrise Durchblick zu bewahren, erklärte der Philosoph Wolfgang Fritz Haug in einem Workshop der Grünen Bildungswerkstatt Wien.

Philip Taucher | 01.05.2009

Wenn man Medienberichten glaubt, ist die Wirtschaftskrise der Gier ruchloser SpekulantInnen, überbezahlten ManagerInnen, und vor allem der unkontrollierten  Finanzwirtschaft anzulasten. Das klinge zwar erstmal plausibel, erkläre aber nichts, meinte der Herausgeber des "Historisch-Kritischen Wörterbuchs des Marxismus", Wolfgang Fritz Haug, am Beginn seines Beitrags. Auch der Ruf nach dem „guten alten Kapitalismus“ zur Lösung der Krise treffe weder deren Ursachen, noch könne er  nachhaltige Perspektiven bieten.

Wir seien ZeugInnen der ersten Krise des heute vorherrschenden „High-Tech-Kapitalismus“, stellte Haug fest. Die Ursachen für diese lägen nicht in der falschen Ausrichtung des Kapitalismus, sondern in dessen innersten Funktionsweisen. Karl Marx widmete sein dreibändiges Werk „Das Kapital“ der Erklärung dieser Funktionsweisen. Dort beschrieb er auch, wie Krisen in diesem System selbst angelegt sind. Obwohl schon vor 150 Jahren geschrieben, könnten wir aus diesem Werk noch einige Lehren ziehen, um das Warum der derzeitigen wirtschaftlichen Situation zu verstehen, so Haug.

Das Kapital behindert sich selbst

Der Zweck, auf den letztendlich Aktivitäten im kapitalistischen System ausgerichtet sind, ist es, aus Kapital mehr Kapital zu machen. Die BesitzerInnen des Kapitals starten die Produktion nur, wenn am Ende mehr herausschaut, als sie vorher für Löhne, Rohstoffe usw. investiert haben. Dieses Mehr wird jedoch dann zum Problem, wenn die BesitzerInnen ihre produzierte Ware wieder verkaufen müssen, um schlussendlich mehr Geld als vor der Produktion zu haben. Wenn die Löhne niedriger sind, als der Wert der produzierten Waren, wer soll dann am Schluss die ganzen Waren kaufen? Und wenn die Waren zu (mehr) Geld gemacht wurden, wo sollen die BesitzerInnen das Mehr an Geld erneut investieren?

 

Haug erklärte dieses Problem anhand der Immobilienkrise in den USA. Spätestens seit der Clinton-Regierung in den 1990er Jahren verfolgte die USA eine Niedriglohnpolitik. Damit die Bevölkerung trotzdem die produzierten  Waren kaufen konnte, wurden in großem Maße Kredite an Privathaushalte vergeben. Über das Kreditsystem konnten sich die AmerikanerInnen so mit Geld versorgen, um benötigte Waren zu kaufen, erklärte Haug. Die KapitalbesitzerInnen wurden so ihre Waren los und fanden in Finanzanlagen eine gewinnträchtige Form, wie sie das Mehr an Geld, das sie aus der Produktion gewonnen hatten, investieren konnten. Durch die gestiegene Nachfrage an solchen  Anlagemöglichkeiten erhöhten sich auch deren Preise, was wiederum mehr AnlegerInnen anlockte. Das anlagesuchende Kapital beschäftigte sich dann so lange mit sich selbst, bis die Finanzblase platzte. Das Kreditsystem half, das in der Kapitalvermehrung eingeschriebene Problem aufzuschieben. Es wurde dadurch nicht gelöst, sondern verschärfte sich vielmehr, argumentierte Haug.
Bereits Marx befasste sich im „Kapital“ in seinen Ausführungen über die Kapitalüberakkumulation mit diesem Problem, das die Krisenanfälligkeit des Kapitalismus unter anderem erkläre, so Haug.

Böse Finanzwirtschaft versus gute Realwirtschaft

Sollten wir daher der „spekulationsgetriebenen“ Finanzwelt Einhalt gebieten, um sie wieder auf den Boden der „anständigen“ Realökonomie zurück zu holen? Diese Vorstellung verwirre mehr, als dass sie uns verstehen lasse, meinte Haug. Erstens sei im Kapitalismus auch jede Produktionsentscheidung Spekulation, da man nie wisse, wieviel Absatz die produzierte Ware am Ende finde. Und zweitens könne man die Finanzwirtschaft nicht vom realen Prozess der kapitalistischen Produktion trennen. Am Finanzmarkt könne nur mit den Werten gehandelt werden, die vorher durch Arbeit produziert wurden.

Die Finanzwirtschaft ist deshalb immer darauf angewiesen, dass im Produktionsprozess Gewinne erzielt werden, betonte Haug. Der Finanzmarkt sei als Teil des kapitalistischen Gesamtprozesses, wie Marx ihn beschrieb, zu sehen. Auch auf Ebene der AkteurInnen sei es schwierig, zwischen Finanzdienstleistern und produzierender Industrie zu unterscheiden. Siemens, erklärte Haug, fuhr seine Gewinne in den letzten Jahren durch Wechselkursgeschäfte ein und leistete sich die Produktion „nebenbei als eine Art Hobbywerkstätte“. Genauso tat sich General Motors schon lange schwer, mit Autos Gewinne zu erzielen. In den Ruin getrieben haben das Unternehmen aber jene Finanzgeschäfte, mit denen es vorher das große Geld machte.

Mit Marx zur Alternative?

Haugs empfahl am Ende des Workshops, bei der Entwicklung von Perspektiven jenseits der Krise an Marx' Analysen im Kapital anzuknüpfen. Auch wenn nur ein „besserer Kapitalismus“ angestrebt werde, müsse dieser Elemente aufnehmen, die über ihn hinausweisen. Um diese Prozesse bewusst verstehen und mitgestalten zu können, helfe eine Auseinandersetzung mit Marx. Es zahle sich deshalb aus, die „Kapital“-Lektüre in die eigene Lebensplanung mit einzubeziehen.
Damit man nicht auf sich allein gestellt im stillen Kämmerchen lesen müsse, kündigten daraufhin Mitglieder der Grünen Bildungswerkstatt Wien an, einen „Kapital-Lesekreis“ ins Leben zu rufen.  Wer sich für solch einen Lesekreis interessiert, kann sich an das Büro der GBW-Wien (info@gbw-wien.at) wenden.

Literaturhinweise:

  • Haug, Wolfgang Fritz (2005): Vorlesungen zur Einführung ins Kapital, Hamburg: Argument
  • Haug, Wolfgang Fritz (2005): Neue Vorlesungen zur Einführung ins Kapital, Hamburg: Argument
  • Digitale Unterstützung zur Kapitallektüre von Wolfgang Fritz Haug 

Referenzen:

Thema: Kapitalismus

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