Eine Erfolgsgeschichte, die polarisiert
Die siebenbändigen Abenteuer des Zauberschülers Harry Potter, der gegen den Magier Lord Voldemort ankämpft, wurden in mehr als 60 Sprachen übersetzt, über 400 Millionen Exemplare wurden verkauft. Joanna K. Rowling hat der riesige Verkaufserfolg laut Forbes Magazine zur Dollar-Milliardärin gemacht. Damit hat sie Königin Elisabeth II. als die reichste Frau Großbritanniens bereits abgelöst. Der erste Band in deutscher Übersetzung erschien 1998, der siebente und letzte Band im Oktober 2007. In den letzten Wochen sorgten hingegen die Äußerungen des umstrittenen Pfarrers Gerhard Maria Wagner dafür, dass Harry Potter erneut in aller Munde war. Er warnte vor den Büchern und zeichnete sie als „satanistisch“. Ob geliebt oder verhasst, es gibt kaum jemanden, dem der Name Harry Potter gänzlich unbekannt wäre.
Ein magischer Nachmittag
Und so traf es sich, dass sich am 18. März 2009 – zwar nicht zur Mitternachtsstunde, sondern am späten Nachmittag – begeisterte Harry-Potter-LeserInnen jeden Alters, oder solche, die es noch werden wollen, versammelten, um ein wenig zwischen den magischen Zeilen zu lesen. Und was könnte die enorme Breitenwirkung und generationenübergreifende Anziehungskraft des Romans besser widerspiegeln, als eine Diskussionsveranstaltung, an der sowohl Vater, Großvater als auch Söhne gemeinsam teilnehmen. Francesco und Andreas Novy führten durch den Nachmittag, brachten Filmausschnitte oder Textpassagen als Diskussionsanreize und erzählten von ihren eigenen Erfahrungen mit dem wohl bekanntesten Zauberschüler. Dabei zeigte sich, dass die sieben Bände – mit ansteigender Intensität – zunehmend politische Inhalte verarbeiten. Sei es die politische Einflussnahme und stetige Unterwanderung des Zauberinternats Hogwarts, die Beeinflussung der magischen Welt durch die vermeintlich unabhängige Zeitung „Der Tagesprophet“ oder ganz allgemein der Widerstand gegen das Böse.
Manipulationsversuche der Medien
Ausgehend von den medialen Manipulationsversuchen des Tagespropheten, der die Öffentlichkeit bewusst falsch informiert, wurde die Frage aufgeworfen, welche Beispiele von Problemverharmlosungen es auch heute noch gibt, wo Informationen bewusst zurückgehalten oder absichtlich falsche oder unzureichende Details verbreitet werden. Als Beispiel hierfür wurde in den Gesprächen immer wieder auf die Finanzkrise verwiesen, wo gravierende Probleme lange Zeit ebenso verdeckt gehalten wurden. Der Unterschied bestehe jedoch darin, dass es in der aktuellen Situation schwieriger sei, das „Böse“ zu personalisieren, weil die Strukturen und Hintergründe besonders komplex seien.
Auch wenn die Unterscheidung zwischen „Gut gegen Böse“ im Roman leichter zu treffen ist, sind doch die Charaktere nicht immer klar einer der beiden Kategorien zuzuordnen. Sowohl Harry als auch seine Gefährten haben ihre Licht- und Schattenseiten. So zweifelt Harry genauso an sich und ist nicht immer nur der strahlende Held. „Oft kommt er sogar ein wenig arrogant rüber, weil er glaubt, sich allen Herausforderungen alleine stellen zu müssen“, wie eine junge Leserin bemerkt.
Von Todessern und Schlammblütern
Ein weiterer Diskussionspunkt war die Frage, ob Joanne K. Rowling in ihren Bänden bewusst Figuren oder Themenbereiche verarbeitet hat, die Parallelen zum Nationalsozialismus aufweisen. Aber selbst für die jüngsten LeserInnen war klar, dass es zumindest drei Elemente in den Romanen gibt, die stark an die Schrecken des Dritten Reiches erinnern. Neben dem allgemeinen Kampf zwischen Gut und Böse, kommen in den Büchern „reinblütige“ Figuren und so genannte „Schlammblüter“ vor – also jene Personen deren Blut durch Muggelahnen (das sind Menschen ohne magische Fähigkeiten) „verunreinigt“ wurde. Als weitere Parallele wurden Voldemorts Gefolgsleute, die „Todesser“, genannt, die mit der Rolle der SS bzw. SA im Nationalsozialismus vergleichbar wären. Darüber hinaus ist es vermutlich kein Zufall, dass sowohl Hitler als auch Voldemort nicht dem selbst propagierten Idealbild der Reinrassigkeit entsprochen haben. Denn Lord Voldemort ist selbst „Schlammblüter“, denn sein Vater war ein Muggel.
Der ewige Kampf zwischen Gut und Böse
Aber sowohl in Rowlings Romanen, als auch in der NS-Zeit formierte sich Widerstand. „Potter Watch“ – so nennt sich ein Radiosender aus dem Untergrund, der sich trotz drohender Gefahr ganz offen über Lord Voldemort lustig macht, stellt die einzige Informationsquelle in Zeiten absoluter Medienkontrolle dar. Es zeigt sich also, wie wichtig Bildung oder Aufklärung sind, um kritisch urteilen zu können. Und auch wenn Harry Potter der Held der Geschichte ist, so ist es schlussendlich ein kollektiver Sieg, der ohne die Mithilfe seiner Gefährten nicht möglich gewesen wäre.
Und so hat die oder andere DiskussionsteilnehmerIn vielleicht einen neuen, bislang unentdeckten Aspekt in den vieldurchblätterten Seiten entdeckt, der dazu anregt, sich die unterhaltsamen Zaubergeschichten von Joanna K. Rowling ein erstes, zweites oder gar drittes Mal zu Gemüte zu führen.





