Grüne Bildungswerkstatt Wien

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Texte - Politische Bildung / 02.02.2009 / Bernhard Wernitznig

Politische Bildung: Zwischen Legitimation und Bewusstsein, Professionalisierung und informeller Bildung

Die jährliche Generalversammlung der Grünen Bildungswerkstatt Wien gab dazu Anlass, Entwicklungen in der Politischen Bildung näher zu betrachten. Hakan Gürses lieferte einen Beitrag, der die aktuellen Debatten zur politischen Bildung im deutschsprachigen Raum kritisch beleuchtete.

Der Audiomitschnitt des Impulsreferats von Hakan Gürses steht zum Download bereit.


Hakan Gürses, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Österreichischen Gesellschaft für Politische Bildung (ÖGPB) und Lehrbeauftragter an den Universitäten Wien und Krems, nutzte die Einladung, um die akademische Debatte um Politische Bildung zu resümieren und eigene Positionen einzubringen, sowie die Besonderheiten der politischen Erwachsenenbildung zu unterstreichen. Politische Bildung hat in Österreich – im Vergleich zu Deutschland - eine schwache institutionelle Verankerung. Dennoch gab es in den letzten Jahre etliche Anstrengungen, demokratiepolitische Inhalte verstärkt in die Lehrpläne der Schulen zu integrieren.

Politische Bildung – Mehr als Aneignung von Kompetenzen

Seit einigen Jahren hat sich auf europäischer und internationaler Ebene die Ansicht weitgehend durchgesetzt, dass es bei allen Lernprozessen primär um die Bildung von Kompetenzen gehe (vgl. OECD 2005). Die meisten Beiträge in pädagogischen Debatten beziehen sich positiv auf diesen hegemonialen Diskurs der „Kompetenzmehrung“, widerstreitende Ansichten auf die Bedeutung und Definition einzelner Kompetenzen.


So bemängeln KritikerInnen etwa, dass der Kompetenzbegriff beliebig geworden sei und das Erlangen von Kompetenzen als „Output“ für das weitere berufliche und gesellschaftliche Leben unhinterfragt akzeptiert werde. Diese verwalterische, bürokratische Definition von Bildungsaufgaben ordne sich in die neoliberale Ideologie ein, in der Bildung primär als Qualifikation am Arbeitsmarkt begriffen werde. Dies sei nicht allein dadurch zu kompensieren, dass etwa soziale oder ökologische Kompetenzen in die Kompetenzkataloge der internationalen und nationalen Bildungsinstitutionen integriert wurden.

Politische Erwachsenenbildung - ein Sonderfall

Die politische Erwachsenenbildung unterscheidet sich von schulischer politischer Bildung in verschiedenen Bereichen. Dazu zählen neben der Freiwilligkeit der Teilnahme, der Vielfalt an Interessen und Trägerorganisationen auch ihre diversen Erscheinungsformen als formale, nicht-formale und informelle Bildung. Damit sei, so Hakan Gürses, eine Pluralität von Ansätzen zu politischen Fragen in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen gewährleistet, die schulische Bildung nicht leisten kann. Die Frage, für welche gesellschaftliche Gruppe politische Bildung angeboten wird, ist hier entscheidend. Es ist für die methodische und inhaltliche Ausrichtung der politischen Erwachsenenbildung nicht gleichgültig, ob sie für UnternehmerInnen, Arbeitslose oder etwa spezifische diskriminierte Gruppen angeboten wird. Dies ermöglicht ein Gegengewicht zur homogenisierenden Bildung in Schulen und den hegemonialen Diskursen zu Demokratie und Bildung, und schließlich eine Artikulation verschiedener Interessen in der politischen und zivilen Gesellschaft.

Demokratie pauken...

Die Diskussion im Anschluss des Vortrag bezog sich unter anderem auf persönliche Erfahrungen und aktuelle Entwicklungen der schulischen Politischen Bildung. Dabei kam unter anderem zur Sprache, dass diese im Gegensatz zur herrschenden Theoriedebatte an pädagogischen und politwissenschaftlichen Hochschulinstituten noch immer stark normativ ausgerichtet ist. Dass sie auf eine umfassende Mündigkeit der (jungen) BürgerInnen abzielt, muss angesichts des engen Demokratieverständnisses der Lehrkommissionen und Verantwortlichen in Ministerien bezweifelt werden.

Konservatives Demokratieverständnis

Eine Passage aus dem Grundsatzerlaß des Bildungsministeriums soll verdeutlichen, dass dem Unterricht - trotz einem formalen Bekenntnis zur Pluralität der Meinungen - ein konservatives Bild der Demokratie zugrunde liegt: „Politische Bildung ist einem Demokratieverständnis verpflichtet, das in der Anerkennung legitimer Herrschaft und Autorität keinen Widerspruch zur postulierten Identität von Regierenden und Regierten sieht.“ (BMUKK, S.1)


Hier werden auf Grundlage eines bestimmten normativen Demokratieverständnisses kritische Stimmen implizit ausgeschlossen. Die mangelnden BürgerInnenrechte – etwa für MigrantInnen oder andere im politischen Prozess Marginalisierte, sowie die stärkere Machtposition der Besitzenden und Gebildeten im bürgerlich-demokratischen Staat wird durch eine falsche Gleichheits- und Identitätslogik verdeckt. Unbewusst wird diese Unzulänglichkeit aber mit der Gegenüberstellung von lediglich „postulierter“ Identität und „legitimer“ Herrschaft und Autorität eingestanden. Emanzipatorische Bildung außerhalb der Schulen kann, wenn sie will, auch genau diese Aspekte aufgreifen: dass (und warum) Regierende und Regierte nicht identisch sind und dass die starren Regeln der repräsentativen Demokratie hinterfragt werden müssen, um die Grenzen der Repräsentation und die Tendenz zur Monopolisierung der repräsentativen Machtpositionen durch alte und neue Eliten aus Ober- und Mittelschicht entgegen wirken zu können.


Dafür wäre es auch nötig, die Bedeutung nicht-formaler und besonders informeller Bildungsprozesse stärker anzuerkennen. Gerade die Auseinandersetzung mit informellen Lernprozessen könnte politische Handlungen bzw. Passivität besser als die ständige Klage von der „Politikverdrossenheit“ erklären. Diese Erklärung könnte zu bewusstseinsbildenden Engagements anregen, die sich gegen die „Ästhetisierung der Politik“ (Walter Benjamin) und auch gegen die Idee der „Identität der Regierten und Regierenden“ richtet.


Eine Auseinandersetzung damit könnte dazu inspirieren, über professionalisierte und standardisierte Politische Bildung (vor allem in Schulen, Lehrgängen etc.) hinauszugehen und damit das Terrain der Legitimation von Herrschaft und hierarchischen Information zu überschreiten. Schließlich hat die Mehrheit der Menschen über „informelle“ Wege im Alltag mehr über Demokratie und ihre „Defizite“ erfahren als in Schule, Universität und Kursen.