Der einzige Weg zur Veränderung sei Bildung, betonte eine Teilnehmerin schon in der Vorstellrunde. Bildung allein verändere gar nichts, erwiderte ein Teilnehmer prompt. Damit war eine zwei Tage dauernde Diskussion über das Verhältnis von politischer Bildung und Gesellschaftsveränderung vom Zaun gebrochen. Das Handeln und Denken von Paulo Freire und Antonio Gramsci sollte dabei als Orientierungshilfe und Ideenspender dienen. Die beiden Erziehungswissenschafter Peter Mayo und Carmel Borg führten in Grundgedanken von Freire und Gramsci ein. Die TeilnehmerInnen prüften in der folgenden Diskussion, inwieweit diese Konzepte für politische Bildung heute noch fruchtbar sein können.
Bildung muss praktisch sein
Paulo Freire versteht Bildung als Praxis, das heißt als einen Prozess des Handelns und des gemeinsamen Nachdenkens über dieses Handeln. Bildung müsse direkt an den Erfahrungen der Menschen ansetzen. Diese werden in einem Dialog überdacht und die daraus gewonnenen Erkenntnisse dazu verwendet, gemeinsam anders zu handeln und damit gestaltend in die Welt einzugreifen. Demgegenüber unterstützt unreflektiertes Handeln eher das Bestehende, als dass es Veränderung herbeiführt. Gleiches gilt für einen Dialog, dem keine entsprechendes Handeln folgt.
Die Gegenseitigkeit von Aktion und Reflexion spiegelt sich auch im Leben und Werk von Antonio Gramsci und Paulo Freire wieder. Antonio Gramsci (1891-1937) war erst in der Sozialistischen Partei Italiens aktiv, arbeitete als Redakteur und engagierte sich besonders in der Erwachsenenbildung mit ArbeiterInnen aus den Turiner Fabriken. Später war er einer der führenden Köpfe der Kommunistischen Partei Italiens. Als solcher wurde er nach der Machtübernahme der Faschisten in Italien inhaftiert. Während seiner Haft verfasste er sein Hauptwerk, die Gefängnishefte, deren Kern Gramscis "Philosophie der Praxis" bildet.
Gramsci wird heutzutage in erster Linie als Politiker, Kulturkritiker und politischer Theoretiker wahrgenommen.
Paulo Freire (1921-1997) ist vor allem als Pädagoge bekannt. Er war bis zum Militärputsch 1964 einer der Protagonisten umfangreicher Alphabethisierungsprogramme im ländlichen Brasilien. Nachdem ihm das Militärregime ins Exil zwang, arbeitete er in Bildungsprogrammen in Afrika und Lateinamerika und verfasste einige grundlegende Werke politischer Bildungsarbeit, darunter seine "Pädagogik der Unterdrückten".
Die Welt ist nicht, sie wird...
Obwohl sie zu unterschiedlichen Zeiten an verschiedenen Orten wirkten, teilten Gramsci und Freire eine gemeinsame Sicht auf die Welt. Diese sei voll von Widersprüchen, die sie in ständigem Wandel halten. Die Auflösung dieser Widersprüche - wie jener zwischen UnterdrückerInnen und Unterdrückten, Reichen und Armen, Kapital und Arbeit - müsse, ihnen zufolge, Ziel politischen Handelns sein. Beide verstanden Bildung als politisches Handeln. Sie sahen Bildung als Möglichkeit, wie Menschen sich der Widersprüchlichkeit der Welt, in der sie leben, bewusst werden können. Ideologien und Mythen, die Menschen als passive und vereinzelte ErleiderInnen gleichbleibender Umstände zeichnen, könnten somit entzaubert werden.
Die Behauptung SchülerInnen seien nicht intelligent oder fleißig genug oder deren Eltern zu nachlässig, sei ein solcher moderner Mythos in unserem Schulsystem, erklärte Carmel Borg. Probleme werden individualisiert, das Opfer beschuldigt, und die Umstände, unter denen SchülerInnen scheitern, völlig ausgeblendet. Das an einer Mittelschichtsnorm ausgerichtete Schulsystem, das Kindern aus ArbeiterInnen- oder MigrantInnenfamilien benachteilige, müsse im Prozess der Bewusstseinsbildung gemeinsam problematisiert werden. Es gehe nicht darum, ewige Weisheiten zu verbreiten, sondern Unhinterfragtes zu hinterfragen, betonte Borg. Es gehe darum die gesellschaftliche Hegemonie, die sich im Alltagsverstand der Menschen abbilde, herauszufordern. Hegemonie beinhaltet dabei nicht nur die gewaltsame, durch eine wirtschaftliche und politische Ordnung abgesicherte Herrschaft einer Gruppe. Vielmehr bezeichne der von Gramsci entwickelte Begriff auch die stille Zustimmung einer Mehrheit zu einem Bild von der Welt, das diese Herrschaftsordnung stütze.
Gramsci, Freire – what else?
Da könne man von der feministischen Frauenbewegung lernen, warf eine TeilnehmerIn in die Diskussion ein. Viele Frauengruppen nahmen ihre alltägliche Erfahrung als Ausgangspunkt, um das männliche Herrschaftssystem und die entsprechende Ideologie zu hinterfragen. Sie blieben dabei nicht stehen, sondern entwickelten eine andere, eine ihren eigenen Erfahrungen entsprechende Sicht auf die Welt.
Peter Mayo warf ein, dass diese Praxis auch durchaus im Sinne von Freire und Gramsci sei, beide haben jedoch feministischen Anliegen in ihren Arbeiten kaum Raum gegeben. Er schlug vor, für eine zeitgemäße kritische Bildungspraxis in der Tradition von Freire und Gramsci, neben feministischen Ansätzen, auch rassismuskritische Zugänge stärker zu berücksichtigen.
In einer Abschlussrunde diskutierten die TeilnehmerInnen, wie man effektiv politische (Bildungs-)Arbeit leisten könne, ohne im bestehenden System gefangen zu bleiben. Mayo und Borg wiesen darauf hin, dass Gramsci und Freire selbst innerhalb des Systems arbeiteten, das sie kritisierten; Gramsci als Parlamentarier und Zeitungsredakteur, Freire als Pädagoge und Beamter. Wir alle arbeiten (taktisch) im bestehenden System, es gehe darum, dessen Überwindung als (strategisches) Ziel zu verfolgen, betonte Mayo in seinem Resümee des Workshops.