Grüne Bildungswerkstatt Wien

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Texte - Ökologie / 01.07.2008 / Philipp Harder

"Peak Oil": Lösungsvorschläge aus Kolumbien und Kuba

Was kann im Zeitalter von "peak oil" getan werden? Markus Trenker und Werner Hörtner stellten zwei mögliche Lösungsansätze, die in Bolivien und Kuba erprobt werden, vor und zur Diskussion.

Am 4. Juni wurden von den Grünen Leopoldstadt und Josefstadt zwei Filme mit den geographischen Schwerpunkten Kuba und Venezuela in der Galerie "Ofroom" vor geführt. Markus Trenker (Bezirksrat im 8. Bezirk) und Werner Hörtner (Redakteur des Magazins Südwind) diskutierten über zwei lokale Lösungsansätze, die angesichts steigender Erdöl- und Benzinpreise von globaler Relevanz und Aktualität sind: Was kann im Zeitalter von "Peak Oil" getan werden?

Der Abend begann mit einer kurzen Darstellung der Erdölfördermenge und -preisentwicklung, um die Relevanz der in den Filmen dargestellen Lösungsansätze zu demonstrieren. Dass der mögliche Verbrauch von fossilen Brennstoffen ein unmittelbar bevorstehendes Ablaufdatum haben könnte, ist eine wesentliche politische, ökonomische und vor allem ökologische Herausforderung. Dass der sich seit Jahren abzeichnende relative Rückgang des Erdölverbrauchs – zwar (noch) nicht in Österreich, aber in vielen angrenzenden Ländern – trotz steigender globaler Nachfrage vor allem auf einen rasanten Preisanstieg zurückzuführen ist, war ein anderes zentrales Faktum, auf das hingewiesen wurde. Diese Sachlage steht exemplarisch für ein Dilemma in Energie- und Umweltpolitik und nicht zuletzt für die Frage nach einem nachhaltigen Lebenstil.

Bogotá, Kolumbien: La Ciclovía


Die kolumbianische Hauptstadt ist jeden Sonntag und Feiertag Schauplatz eines großen Events, das dazu einlädt, die Autos zu Hause stehen zu lassen und andere (Fort-)Bewegungsmöglichkeiten zu erproben. 112 Kilometer wichtiger Straßen sind an diesen Tagen für den Verkehr gesperrt, um Platz für hunderttausende RadfahrerInnen, LäuferInnen, SpaziergängerInnen oder Inline-SkaterInnen zu schaffen. Das Projekt wurde in den 1970er Jahren aus einer zivilgesellschaftlichen Initiative geboren, ehe es sich in den 1980er Jahren institutionalisierte und seitdem von der Stadtverwaltung organisiert wird.

Eine Eigenschaft des Projektes wurde dabei besonders hervor gehoben: sein sozial-integrativer Charakter. Im Laufe der Jahre sind auch zahlreiche Städte Amerikas und Europas dem Beispiel Bogotás gefolgt. Auch wenn an Sonn- und Feiertagen mit der Ciclovía Raum für RadfahrerInnen geschaffen wurde, so sind RadfahrerInnen im Alltag trotz eines weiten Radwegenetzes aufgrund des starken Autoverkehrs und einer weit empfundenen Unsicherheit leider noch marginalisiert, fügte Werner Hörtner kritisch hinzu.
 

Kuba: The Power of Community. How Cuba survived peak oil


Anfang der 1990er Jahre wurde das Fahrrad in Kuba zu einem alltäglichen Verkehrsmittel. Der Zusammenbruch der UdSSR und das US-Wirtschaftsembargo stürzten Kuba in eine tiefe wirtschaftliche Krise, die unter anderem auch zu einem Umstieg auf das Fahrrad zwang. Bis in die 1980er Jahre kam der größte Teil des Erdöls, das für die kubanische industrielle und landwirtschaftliche Produktion essentiell war, aus der UdSSR. Anfang der 1990er Jahre allerdings, als die Erdölimporte von 14 Millionen Tonnen pro Jahr auf 4 Millionen Tonnen sanken, wurde ein radikales Umdenken  notwendig. Die wirtschaftliche Produktion musste an die neue Situation angepasst werden.

Entwicklung von Alternativen


Im Laufe der Jahre wurden allerdings eine Reihe von praktischen Alternativen zu fossiler Energie gefunden. Diese Ansätze waren in erster Linie mit neuen lokalen gemeinschaftlichen Beziehungen verbunden. Es wurden etwa in den Städten Gärten angelegt. Doch auch auf dem Land wurden Lösungen gefunden. Durch eine Landreform, dem Einsatz von biologischen Bewirtschaftungsmethoden sowie von Nutztieren anstatt der Traktoren, konnte nun der Lebensmittelbedarf der kubanischen Bevölkerung besser abgedeckt werden als vor der Krise. Auch in anderen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens wurden radikale Alternativen erprobt. Eines der bekanntesten Beispiele sind wohl die relativ kostengünstigen und leistungsstarken Sonnenkollektoren, die nun rurale öffentliche Gebäude mit Energie versorgen. Der Film betont wiederholt, dass die Entstehung von dezentralen Strukturen (etwa im Bereich von Entscheidungsfindungen) eines der wichtigsten Merkmale bei der Neuorganisation der kubanischen Energiepolitik war. Aber es wurde auch in kleineren Städten beispielsweise neue Infrastruktur geschaffen, um den geographischen Zugang für Menschen ohne Kraftstoff betriebene Fahrzeuge zu erleichtern.

Kuba als ein Beispiel für Österreich?


In der anschließenden Diskussion wurden beide Beispiele dahingehend untersucht, ob sie auch in Österreich realisierbar wären. Es gäbe in Wien großes Interesse daran etwas Vergleichbares wie die Ciclovía in Bogotá ins Leben zu rufen. Pläne den "Autofreien Sonntag" am 21. September für so eine Aktion zu nutzen, gibt es bereits, wobei der Ring wohl die besten geographischen Voraussetzungen bieten würde. Ebenfalls wurde auf die bereits existierende Fahrraddemonstration "critical mass" hingewiesen. Die Ciclovía leiste lediglich einen kleinen Beitrag, könne aber nicht als Wende in der Energie- und Umweltpolitik bezeichnet werden, so eine andere Stimme aus dem Diskussionsplenum.

Die Notwendigkeit, Alternativen zu erproben


Für eine solche Wende stehen viel eher die Bilder aus Kuba. Die Frage, ob in Österreich dem Beispiel Kubas gefolgt werden könne, erfordert eine große Anstrengung der politischen Vorstellungskraft. Dass die Suche nach Lösungen aber unabwendbar ist, ermöglicht der Blick nach Kuba zumindest zweierlei Schlussfolgerungen: Erstens werde gezeigt, dass auch alternative Energiequellen ein "schönes Leben" ermöglichen können. Und zweitens kann der kubanische Versuch praktische Erfahrungen und somit Lernerfahrungen zur Verfügung stellen.

Der Autor ist Mitglied der Redaktionsteams der GBW Wien.