Freie Assoziationen und mäandernde Diskussionslinien
Was verstehen wir unter "Solidarität der Unterdrückten"? Was fällt uns dazu ein? Es werden Karteikarten mit ersten Ideen beschriftet, auf ein Plakat geklebt und vorgestellt. Diese schnellen Gedanken zum Thema sind breit gefächert, reichen von abstrakten Begriffen bis alltagsnahen Sorgen, spiegeln Widersprüche und Diskussionslinien wieder, die sich durch den Nachmittag ziehen werden. Die Assoziationen reichen vom Schmerz durch Bilder von Armut oder Arbeitslosigkeit, die Problematisierung eigener Schwierigkeiten bis zur Erinnerung an verschiedene Widerstandsformen, wie etwa dem F13 oder dem Protest ArbeiterInnen bei Billa oder Semperit.

Zwischen diese Impressionen sind zahlreiche Fragen gestreut: Welche Formen der Solidarität gibt es? Gibt es einen Unterschied zwischen "Solidarität mit? oder "Solidarität zwischen?? Was ist eine Solidargemeinschaft? Geht es bei Solidarität um Betroffenheit oder um die Übernahme von Verantwortung? Und schließlich: Wer sind die Unterdrückten?
"Und weil der Prolet ein Prolet ist, drum wird ihn kein anderer befrein."
Im Input von Margit Appel tauchen einige dieser Fragen und Bilder wieder auf, sie versucht sich ihnen zu nähern, zu einer etwas schärferen Bestandsaufnahme beizutragen. Dazu unterscheidet sie zwischen zwei unterschiedlichen Auffassungen und Ausformungen von Solidarität. Wir sehen die "Solidarität der ProletarierInnen? der diffusen Suche nach Möglichkeiten unter den Bedingungen der Prekarisierung gegenüber gestellt. Wirkt in der ersten Form das Konzept der arbeitenden Klasse als Bezugspunkt für kollektive Handlungsfähigkeit, so erscheint nun das Konzept der "Prekarisierten" als Einheit der Politisierung beinahe ebenso prekär wie die sozialen Beziehungen, für die es steht. Wurde das politische Subjekt "Proletariat" weitgehend als relativ homogener Gegenpol zur Macht der "Kapitalisten" gedacht, so zeigt sich die Suche nach dem "Prekariat" und dessen Möglichkeiten zur Handlungsfähigkeit als sehr verworren.
Vor dem Hintergrund subtil wirkender Mechanismen der Unterdrückung und Ausbeutung in einer postfordistischen Gesellschaftsordnung wird das Konzept wohl selbst auch zum Widerspruch neoliberaler Politik, wird ebenfalls prekarisiert, doppelbödig. Diese Ambivalenz wird offenkundig, wenn im politischen Diskurs an Solidarität appelliert wird und damit nicht mehr ein Streben nach Emanzipation, sondern doch eher eine Privatisierung und Flexibilisierung des Lebens gefordert wird, die Eigenverantwortlichkeit vor die öffentliche Sorge um das Wohl Aller stellt. Der prekäre Charakter der Solidarität von Prekarisierten zeigt sich so auch in den Schwierigkeiten des Zusammenschlusses. Neue Fragen tun sich auf: Fällt es unter den gegenwärtigen Umständen schwerer, sich zu organisieren? Was ist der Unterschied zwischen Prekariat und Proletariat? Könnten sich Prekarisierte noch als eine politische ArbeiterInnenschaft identifizieren?
"Er will unter sich keine Sklaven sehn und über sich keinen Herren."
In diesem Zusammenhang wird auf unterschiedliche Formen des Protestes und der Organisation verwiesen, die unter und trotz dieser Vorzeichen statt finden. So ziehen zum Beispiel seit einigen Jahren, am ersten Mai, MayDay-Paraden durch verschiedene europäische Städte, in denen versucht wird, einer Vielzahl an Stimmen Prekarisierter Ausdruck zu verleihen. Sind die MayDay-Paraden vor allem ein europäisches Phänomen, so vermag der Blick in andere Kontinente eine Vielzahl an weiteren Beispielen für Formen der Solidarität unter neoliberalen Bedingungen sichtbar werden zu lassen.
Welches ist aber das Verhältnis zwischen diesem "Hier" und dem "Dort", zwischen den Entwicklungen in Europa und in anderen Kontinenten? Gibt es Formen von Solidarität zwischen diesen beiden Polen? Und wiederum: Was bedeutet es, unterdrückt zu sein? Wer sind Unterdrückende? Wer sind Unterdrückte? Einen kleinen Hinweis diesbezüglich gibt Margit Appel, als sie nach ihrem Impulsreferat anmerkt: "Ich wusste nicht, wer mir hier gegenüber sitzen würde. Ich stellte mir vor, es würden einerseits Leute sein, die sich eher als Unterdrückte und andere, die sich eher als Unterdrückende betrachten".
Der Kreis der Bilder bleibt offen. Es werden noch einmal zwei Plakate gestaltet, auf dem Diskussionen zweier Gruppen dargestellt werden, die eben dieses Verhältnis zwischen einem räumlichen "Hier" und "Woanders" hinterfragen. Es tauchen wiederum ähnliche Fragen auf, wie sie aus den ersten Assoziationen zum Thema hervor gegangen sind. Solidarität soll kein stellvertretender Kampf sein; das wird deutlich hervorgehoben. Vielmehr soll es um "gegenseitige Ermächtigung" gehen; so lautet ein anderer Schluss.
"sondern gegen die Feinde hier, in der Nähe"
Die Diskussionen beider Gruppen scheint die Sicht zu einen, dass erfolgreiche "Solidarität mit" Unterdrückten "woanders" nur in Verbindung mit Kämpfen und Organisationsversuchen "hier" einen Beitrag zur Umgestaltung der Verhältnisse leisten kann. Dieses Argument wird wiederholt durch eine Aussage des Subcomandante Marcos untermauert. Zum Abschluss allerdings wird noch eine andere Position diskutiert, jene Henry David Thoreaus, der seinerzeit verlautbarte: "Ich kämpfe nicht gegen Feinde an, die weit weg sind, sondern gegen die Feinde hier, in der Nähe, die mit jenen im Süden zusammenarbeiten, den Fürsprechern jener, ohne die sie machtlos wären". Heißt das nun etwa, als kritische Anmerkung zum Ausklang der Arbeitsgruppe, dass die Feinde, die woanders agieren, vielleicht nicht auch unsere Feinde sind?
Der Autor ist Mitglied des Redaktionsteams der GBW-Wien





