Solidaritätsnetzwerke
Wo liegen unsere Solidaritätsnetzwerke? In welchen Beziehungen stehe ich und wo sehe ich mich in diesem Gefüge? Diese Fragen wurden zu Beginn der Arbeitsgruppe gestellt und in kreativer Weise verbildlicht. Im Rahmen der Vorstellungsrunde wurden die eigenen Netzwerke präsentiert, Verbindungen und Lebenskonstellationen mit Farbe und Kreativität aufgezeichnet. So entstanden unterschiedliche Veranschaulichungen der eigenen Solidaritätsnetzwerke, in denen meist von der eigenen Person ausgegangen wurde und sich um diese herum ein dichtes Netz an Bezugsgruppen aufspannte. Die Unterteilung zwischen Beruf/Studium, Freizeit, Freundschaften und Familie wurde vorgenommen und Verschränkungen geschaffen. Auch das politische Handeln und der Gesundheitsbereich, wie Krankenversicherung und Altervorsorge, tauchten in den Zeichnungen auf.
Spannungsverhältnis: individuelles und solidarisches Handeln
Die Frage nach der Stellung von Individuum und einer solidarischen Gemeinschaft tauchte in der Diskussion an verschiedenen Punkten auf. Bin ich solidarisch, auch wenn ich mich zurücknehme und aus einer Gruppe zurückziehe? Wie kann ich solidarisch sein, aber trotzdem noch meine eigenen Interessen wahrnehmen?

Am Beginn steht die Wahrnehmung, dass wir durch unserer Umwelt geprägt werden. Normative Forderungen werden in den Vordergrund gestellt, die unser Handeln und Denken bestimmen. Und so laufen Solidarität und Repression Hand in Hand. Wer hat als Kind nicht den Satz gehört: "Iß auf! Denk doch an die armen Kinder in Afrika, die nichts zu essen haben!?" So kann solidarisches Handeln zu einem Druck werden, der das eigene Handeln und das eigene Wohlbefinden in den Hintergrund rücken lässt. Als Beispiel wurde eine Wohngemeinschaft herangezogen, die ein solidarisches Zusammenleben in klassischer Weise darstellt. Es wird ein gemeinsamer Raum geteilt, der von den Mitgliedern gleichermaßen genutzt wird. Gemeinsames solidarisches Leben, Essen und Wohnen charakterisieren es, genauso wie unangenehme Aufgaben, wie Putzen und Abspülen. Konflikte entstehen so beispielsweise aufgrund von unterschiedlichen Sauberkeitsbedürfnissen und unerfüllten Putzplänen. Hier wurde der Frage nachgegangen, wo die individuellen Grenzen beginnen und wo das eigene Tun das solidarische und gemeinschaftliche Handeln in den Hintergrund geraten lässt. Denn nicht immer ist es möglich, den Erwartungen anderer zu genügen.
Von den TeilnehmerInnen wurde jedoch ein Solidaritätsbegriff in Frage gestellt, in dem Individuum und eine solidarische Gemeinschaft in Widerspruch zueinander stehen. Gehört zum solidarischen Handeln demnach nicht auch Solidarität mit sich selbst? Sollten solidarisches Handeln und eigene Bedürfnisse nicht eher als Einheit, als zwei sich gegenseitig ausschließende Prinzipien gedacht werden? Und: Ist es etwa nicht auch wichtig, von Menschen in meiner Umgebung Solidarität mir gegenüber zu erwarten?
Ziviler Ungehorsam und die Frechheit des kollektiven Handelns
Wo und ab wann beginnt jedoch solidarisches Handeln? Handle ich nur, wenn es mich persönlich betrifft oder kann Solidarität auch ohne einen persönlichen Bezug entstehen? Wird Solidarität erst durch ein Gefühl der Bedrohung hervorgerufen? So sind wir doch immer wieder repressiven Praktiken ausgesetzt, obwohl wir in einem demokratisch verfassten Staat leben. Das Fehlen einer Opposition und das Internalisieren von Machtstrukturen lassen Autoritäten erstarken und Kritik verstummt. Doch weshalb findet immer seltener eine kritische Auseinandersetzung mit den bestehenden Verhältnissen statt? Ist der Druck zu gering, um auf die Straße zu gehen? Hat sich die Parole "Man kann ja eh nichts machen!" in unseren Kopf verfestigt, bestimmt sie unser Handeln? Oder: Geht es uns viel zu gut? Vielleicht wächst uns der Informationsüberfluss über den Kopf, so dass wir Wichtiges nicht ausfiltern können und das Übermaß an Möglichkeiten uns erstarren und träge werden lässt.
Es ist äußerst schwierig die Frage zu beantworten, warum nur wenige Schritte unternommen werden, Solidarität zu bekunden und gegen Ungerechtigkeit und Repressionen vorzugehen. Und obwohl eine allgemeine Passivität in der Gesellschaft vorherrscht, wurde von den TeilnehmerInnen der Wunsch laut, sich im Kleinen zu organisieren und Menschlichkeit in den Mittelpunkt des eigenen Handelns zu stellen.
Eine kreative Form des Widerstands sei notwendig und "Frechsein" lautet das Motto: Spaßguerrilla, verstecktes Theater und ziviler Ungehorsam wurden als Aktionsformen vorgeschlagen, um auf Ungerechtigkeiten und strukturelle Gewalt aufmerksam zu machen und eine breite Masse anzusprechen. Ein offensiver Umgang sei wichtig, der von einer Basis getragen wird, die sich organisiert und im Kollektiv aktiv wird. Darin waren sich die TeilnehmerInnen einig.
Die Autorin ist Mitglied des Redaktionsteams der GBW-Wien