Es ist nichts Neues, dass das gegenwärtige Wirtschaftssystem nur für einige Wenige funktioniert und die große Mehrheit der Menschheit an elenden Lebensbedingungen zu leiden hat. Viele im "Norden" gehören zu den Privilegierten, doch auch hier ist die Verschlechterung der Lebens- und Arbeitsbedingungen nicht zu übersehen. Gewinnmaximierung, Eigeninteresse, Konkurrenzkampf sind jene Schlagworte, die uns tagtäglich begleiten und uns immer wieder vor neue Probleme stellen. Dass es auch anders gehen könnte, scheint aufgrund der Komplexität und Übermacht herrschender Strukturen oft schwer vorstell- und vermittelbar.
ArbeiterInnen übernehmen Betriebe
Eine Art des Wirtschaftens, die den Menschen Mitspracherecht und folglich gänzlich andere Arbeitsbedingungen ermöglicht, ist die Solidarökonomie. Solche Praxen sind auf der ganzen Welt zu finden, bekannt sind aber vor allem brasilianische Betriebe, die dieses Modell zur Grundlage ihrer Tuns machten. Während der Krise der 1980er Jahre waren viele Unternehmen von Konkurs und Schließung betroffen. Um den Verlust ihrer Arbeit und Einkommen abzuwenden, wurden einige Betriebe von den ArbeiterInnen in Form von Genossenschaften übernommen. Entgegen der auf Konkurrenz basierenden Funktionsweise des Kapitalismus stand dabei Solidarität im Zentrum des Wirtschaftens.
Partizipatorische Ökonomie
In der Solidarökonomie ist das Kapital des Unternehmens im Besitz derer, die darin arbeiten und nicht in den Händen der KapitalistInnen und ihrer ManagerInnen. Da alle ArbeiterInnen auch EigentümerInnen des Unternehmes sind, verschmilzt Arbeit und Kapital. Das Eigentum am Unternehmen ist zwischen allen ArbeiterInnen gleich verteilt, so steht allen das gleiche Entscheidungsrecht über den Betrieb zu. Zweck ist nicht die Maximierung des Profits, sondern die Maximierung der Qualität und eine gerechte Verteilung der Arbeit. Die Solidarökonomie ist ein wichtiger Ausgangspunkt der Parecon (PARticipatory ECONomics), eines von Michael Albert und Robin Hahnel entwickelten post-kapitalistischen Wirtschaftsmodells. Es basiert auf Werten, die wir im gegenwärtigen Wirtschaftssystem nicht finden: Gerechtigkeit, Solidarität, Vielfalt, Selbstbestimmung und ökologisches Gleichgewicht.
Wer betroffen ist, soll mitentscheiden können
Das Modell basiert auf fünf Komponenten. Die erste Komponente auf dem Weg zu einem neuen Wirtschaftssystem ist nichts Unbekanntes: die Abschaffung des Privateigentums. Niemand soll mit der Begründung "Mir gehören Produktionsmittel" Rechte, Befugnisse, Vermögen oder Einkommen beanspruchen können. Die wirtschaftliche Kategorie des Eigentums existiert nicht mehr. Die zweite Komponente sind Räte , wiederum eine bekannte Bezeichnung, die in modernisierter Form übernommen wird. ArbeiterInnenräte organisieren die Produktion, sind oberstes Machtorgan jedes Parecon-Betriebes und ermöglichen gleiches Mitsprache- und Mitentscheidungsrecht für alle. Über diese Räte können ArbeiterInnen ihre Wünsche bezüglich Arbeitszeit, Produktion etc. geltend machen. Analog dazu existieren VerbraucherInnenräte, welche den Konsum auf verschiedenen Ebenen (Haushalt, Wohnviertel, Stadtteil etc.) organisieren. Denn unterschiedliche Formen von Konsum haben unterschiedliche Auswirkungen auf unterschiedliche Bevölkerungsgruppen: Welche Farbe mein Pulli hat, geht eigentlich nur mich was an. Wie viele LehrerInnen die Volksschule beschäftigt, betrifft das ganze Viertel. Ob die U-Bahn pünktlich fährt, interessiert die ganze Stadt. Es gilt der Grundsatz: Je mehr eine Person von einer gesellschaftlichen Entscheidung betroffen ist, desto mehr Einfluss soll sie auf die Entscheidung haben.
Tätigkeitsbündel und Entlohnung nach Einsatz
Nicht nur die Organisation von Produktion und Konsum entspricht in der Vision der Parecon einer anderen Logik. Auch die Arbeitsweise würde sich verändern. Denn um Entscheidungen in gleichem Maße treffen zu können, muss auch innerhalb der Arbeitsstätten für ähnliche Machtbefugnisse gesorgt werden. Wenn nun eine Arbeiterin ständig einer körperlich und geistig abstumpfenden Arbeit nachgehen muss, während sich ein Anderer interessanten und herausfordernden Aufgaben widmen kann, so sind dieselben Beteiligungschancen nicht gegeben. Die dritte Komponente sind demnach so genannte "Tätigkeitsbündel": Sie sollen verhindern, dass Einzelne ausschließlich repetitive oder kreative Tätigkeiten ausführen.
Der Arbeitslohn, als vierte Komponente, bezieht sich ausschließlich auf den geleisteten Einsatz. Entlohnt wird nur, wofür selbst etwas getan werden kann - nicht aber Gegebenheiten, die sich unserem Einfluss entziehen. Größeres Talent, bessere Fähigkeiten oder produktivere "Werkzeuge" sind nicht ausschlaggebend für die Höhe des Lohns. Schlussendlich stellt sich die Frage, wie die Aktivitäten von ProduzentInnen und KonsumentInnen abgestimmt werden können. Wieviele ArbeiterInnen sollen in welchen Betrieben wieviel herstellen? Wer entscheidet über die Herstellung eines bestimmten Produktes und Investitionen in neue Technologie? All diese Aspekte der fünften Komponente der Parecon, die Frage der Allokation, erfolgen im Kapitalismus über den "freien Markt" und wurden in der Sowjetunion vermittels zentraler Planung organisiert. Beide Formen wirken jedoch gegen Solidarität, Gerechtigkeit, Vielfalt und Selbstbestimmung. Die Parecon setzt auch hier auf eine kooperative Vorgehensweise. Über eine Rätestruktur soll allen Beteiligten nach entsprechender Information ein Mitspracherecht nach dem Maß ihrer Betroffenheit gesichert werden.
Ermöglicht diese Struktur nun ein Wirtschaftssystem gemäß den oben angeführten Werten? Kann Solidarität so zu einer gelebten Praxis werden? Solidarität impliziert hier, dass Menschen die Lebensumstände und das Wohlergehen der anderen als für das Wirtschaftsleben relevant respektieren. Für den Kapitalismus, wie wir ihn kennen, ist Solidarität ein Hindernis, denn er baut auf Konkurrenz und individuellen Nutzen. Menschliche Energie, gesellschaftliche Faktoren und ökologische Vernutzung, die in ein Produkt eingehen, sind unbekannt und unwichtig. Einzig der Preis zählt. Die Beispiele der Solidarökonomie zeigen, dass es trotz der kapitalistischen Hegemonie möglich ist, andere Produktionsweisen zu entwickeln. Die praktische Umsetzbarkeit wird durch die Vielzahl von gelungenen Beispielen bewiesen.
Literatur:
Michael Albert (2006): Parecon. Leben nach dem Kapitalismus. Grafenau/Frankfurt a.M.: Trotzdem Verlagsgenossenschaft
Paul Singer: Solidarische Ökonomie in Brasilien. Url: http://www.solidarische-oekonomie.de/index.php?id=literatur
Die Autorin ist Mitglied des Redaktionsteams der GBW-Wien


