Grüne Bildungswerkstatt Wien

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Texte - Migration & Integration / 31.01.2008 / Philip Taucher

Multikulti, Toleranz und der Sexismus der anderen

Wie entwickelte sich die Diskussion um Migration in Österreich? Und wie kann mit dem Spannungsverhältnis von Differenz und Ungleichheit politisch umgegangen werden? Der Bericht versucht, Antworten auf diese Fragen zu formulieren.

Im Rahmen der feministischen Herbstreihe "Frauen und Macht" organisierte die Grüne Bildungswerkstatt Wien gemeinsam mit den Grünen Frauen am 10. Jänner einen Vortragsabend unter dem Titel "Migration und Geschlechtergleichheit: Widerspruch - Spannungsfeld - Chance?". Karin Liebhart und Leila Hadj-Abdou vom Institut für Politikwissenschaft der Uni Wien diskutierten dabei intensiv mit grünen Aktivistinnen aktuelle Probleme und Konzepte in der Auseinandersetzung um Feminismus, Rassismus und Multikulturalismus.

Zum abendlichen Vortrag in den Räumlichkeiten der Grünen in Wien Neubau fanden sich ungefähr 20 - fast ausschliesslich weibliche - AktivistInnen zusammen. Nach einem gemeinsam von Karin Liebhart und Leila Hadj-Abdou gehaltenen Referat entwickelte sich eine spannende Diskussion. Persönliche Erfahrungen mit Migration und interkulturellem Zusammenleben im Alltag, Beruf und politischer Praxis bereicherten dabei die theoretische Auseinandersetzung mit dem Thema.

Das Bild vom sexistischen Immigranten


Einleitend boten Liebhart und Hadj-Abdou einen Überblick über den Wandel der Diskussion um Migration in den letzten 30 Jahren. Europa war lange Zeit vor allem mit Migration in Form von Auswanderung konfrontiert. Mitte der 1970er Jahre setzte eine stärkere Binnenwanderung ein, wodurch sich auch die Diskussion um das Thema Migration veränderte. Liebhart zufolge war Migration als politisches Streitthema in Österreich in erster Linie mit dem Aufstieg der FPÖ und der Grünen ab Mitte der 1980er Jahre verbunden. Diese beiden Parteien besetzten öffentlichkeitswirksam gegensätzliche politische Positionen zu Migrationsfragen. ÖVP und SPÖ schalteten sich erst später in die Diskussion ein.

Der Fall der Mauer


Ein wesentlicher Wandel in der Thematisierung von Migration in der Öffentlichkeit hängt, so Hadj-Abdou, mit dem Fall des eisernen Vorhangs zusammen. Während Migration bis dahin hauptsächlich im arbeitsmarktpolitischen Kontext diskutiert wurde, wurde das Thema Migration nach 1989 als sicherheitspolitisches Bedrohungsszenario öffentlich neu definiert. Rund um das AusländerInnenvolksbegehren formierten sich nun auch zivilgesellschaftliche Organisationen zum Thema Migration. In diesem Kontext entwickelte sich eine intensivere Diskussion um Geschlechtergerechtigkeit und Migration. Von PolitikerInnen unterschiedlicher Parteien wurden dabei feministische Argumente selektiv aufgenommen, um EinwanderInnen, in Abgrenzung zur Mehrheitsbevölkerung, als besonders sexistisch darzustellen. Damit sollte eine restriktivere Einwanderungspolitk legitimiert werden. In Österreich blieben jedoch, im Gegensatz zu Deutschland, die Parteien die wesentlichen ProtagonistInnen der Diskussion. Feministische Gruppen und Minderheitenorganisationen fanden und finden, Hadj-Abdou zufolge, nach wie vor wenig Gehör in der Öffentlichkeit.

Liberaler, multikultureller und postkolonialer Feminismus


In einem zweiten Teil des Vortrags stellte Hadj-Abdou aktuelle feministische Positionen vor, die für das Verständnis des Spannungsfelds kulturelle Selbstbestimmung und Gleichberechtigung der Geschlechter wesentlich sind. Bei der Vorstellung des liberalen Feminismus bezog sich Hadj-Abdou auf Susan Moller Okin. Diese plädiere für eine Gleichbehandlung aller Individuen, egal ob Mann oder Frau, und unabhängig von ihrer kulturellen Prägung. Aus diesem Grunde sollten auch Minderheitengruppen nicht in besonderer Weise behandelt werden, vor allem wenn in diesen Frauen unterdrückt würden. KritikerInnen betonen, so streicht Hadj-Abdou hervor, dass dieser Zugang in der Praxis oft dazu führe, dass die Mehrheitskultur als selbstverständliche Norm gesehen und Differenzen als negativ wahrgenommen werden. Weiters lässt sich dagegen anführen, dass durch die fehlende Anerkennung kultureller Unterschiede weitere Ungleichheiten geschaffen und feministische Praktiken innerhalb der Minderheitskultur geschwächt werden können.

Demgegenüber betone ein multikulturalistischer Feminismus die Berücksichtigung kultureller Unterschiede. Unterschiedliche subjektive Identitäten sollen Platz zur Entfaltung haben. Entsprechend gilt es Institutionen in Minderheitskulturen zu fördern, unterschiedliche Frauen in Entscheidungsprozesse einzubeziehen und die Definitionsmacht für Probleme nicht der dominanten Kultur zu überlassen. Dieser Position stellte Hadj-Abdou postkoloniale Feminismen gegenüber. Sie kritisieren das Bild von starren, kaum veränderbaren Kulturen im liberalen wie im multikulturellen Feminismus. Gleichzeitig betonen sie, dass sich sowohl die Kultur einer EinwanderInnengruppe wie auch jene der Mehrheitsgesellschaft ständig verändert und neu konstruiert. Das bedeutet auch, dass sich auch in jeder Kultur ständig die Positionierung von Frauen verändert. Maßnahmen gegenüber bestimmten Gemeinschaften müssen demnach diese ungleiche Dynamik berücksichtigen. Dabei muss darauf geachtet werden, wo Differenzen konstruiert werden und sich zu Ungleichheiten verfestigen, betonte Hadj-Abdou.

Intersektionalität als Analysekonzept


Nachdem Hadj-Abdou unterschiedliche feministische Positionen darstellte bot Liebhart den TeilnehmerInnen mit der Intersektionalität ein Analysekonzept an, um die dynamische Beziehung von Sexismen, Rassismen und anderen Dominanzpraktiken verstehen zu können. "Es gibt keinen Sexismus an sich und dazu zu einen rassistischen Sexismus", betonte Liebhart und verdeutlichte daran eine Kernidee des Intersektionalismus. Es gehe nicht darum Dominanzverhältnisse wie Sexismus und Rassismus, erst analytisch zu trennen, zu verallgemeinern und dann als sich überlagernd oder ergänzend zu sehen. Vielmehr gelte es deren dynamische Verschränkung in unterschiedlichen Kontexten näher zu beleuchten. Dementsprechend kann auch kein Dominanzverhältnis wichtiger als ein anderes gesehen werden. "Sie wirken im jeweiligen Kontext immer in spezieller sich ständig verändernder Art und Weise zusammen", betonte Liebart.

Lust an der Differenz


In der anschließenden Diskussion wurde die aktuelle Debatte um das Tragen von Kopftüchern bei öffentlichen AmtsträgerInnen herangezogen, um die praktischen Konsequenzen der vorgestellten Konzepte zu verdeutlichen. Dabei geriet vor allem der Begriff der Toleranz in die Kritik. Eine TeilnehmerIn betonte, dass dieser praktisch vielmehr Intoleranz fördere und selbst ein Dominanzverhältnis widerspiegele. Daraufhin tauchte der Vorschlag auf, statt Toleranz Respekt zu verwenden, da dieser Begriff Anerkennung als auch Kritik des Anderen und des Eigenen ermögliche. Des weiteren wurde diskutiert, wie man nun mit Differenz zwischen Frauen umgehen und gleichzeitig Gleichheit fordern könne. Dabei wurde betont, dass man Differenzen nie zementieren, aber trotzdem respektieren solle. Ja, es wurde sogar von einer "Lust an der Differenz" gesprochen. Abschließend bemerkten die Vortragenden, dass man politische wie kulturelle Differenzen akzeptieren und trotzdem als Frauen solidarisch handeln könne.