Leitlinien der Bildungsarbeit der GBW-Wien
1. Ausgangslage und Zielsetzung
"Die Stadt gehört uns!", mit dieser programmatischen Ansage gingen die Wiener Grünen 2001 in den Gemeinderatswahlkampf. In einem als Kurswechsel bezeichneten einjährigen Programmfindungsprozess einigten sie sich auf eine politische Strategie, in der die Menschen ihr Lebensumfeld, aber auch die ganze Stadt, mitgestalten und mitbestimmen können. "Teilhabe" als leitendes Prinzip, das den Zugang zur Stadt sichert und Mitgestaltung ermöglicht, wurde zum Inbegriff eines überfälligen Kurswechsels.Unabhängig von einer etwaigen Regierungsbeteiligung der Grünen auf Stadt- oder Bundesebene hat die Grüne Bildungswerkstatt Wien im Kurswechsel-Prozess mit allen Teilen der Wiener Grünen eine politische Alternative erarbeitet, die ein anderes, die Menschen ermutigendes und ermächtigendes Politikmodell der Teilhabe umsetzen will. So hat sich die GBW zum Ziel gesetzt, Positionen jenseits festgefahrener Lager zu entwickeln, jenseits von sog. Realos und Fundis, von Staats- und MarktfetischistInnen, von Neu-Liberalen und Alt-Sozis, von Ökis und Alternativen. Mit konkreten Aktionen und einer gemeinsamen Utopie wird eine politische Strategie möglich, die Vielfalt respektiert und gleichzeitig die Fragmentierung des politischen Handels verhindert. Bildung ist deshalb kein Luxus, den sich die leisten, die keine Macht und daher Zeit haben, sondern ist als Reflexion der Praxis zentraler Bestandteil politischer Alltagsarbeit.
2. Elemente grüner Bildungsarbeit
Im Rahmen politischer Bildungsarbeit sollen mehrere Elemente miteinander verknüpft werden. Wir unterscheiden drei grundlegende Dimensionen: IST, SOLL und TUN. Im idealen Fall integriert politische Bildungsarbeit in ihren Projekten alle drei Dimensionen, auch wenn unterschiedliche Aufgabenstellungen unterschiedliche Schwerpunktsetzungen erfordern. Die Abkoppelung der Analyse von einer konkreten Utopie und vom Handeln soll überwunden werden.3. IST: Analyse der gegenwärtigen politischen Situation
Politische Bildungsarbeit verlangt in allen Fällen eine Analyse einer bestimmten Problematik. Zentral ist dabei, dass die gegenwärtige politische Situation und das politische Alltagsgeschäft von Parteien und anderen Akteuren, in einen breiten strukturellen und historischen Zusammenhang eingebettet werden. Politik und Ökonomie beeinflussen sich wechselseitig und bilden die Rahmenbedingungen für konkretes politisches Handeln. Im Rahmen der Erarbeitung einer Analyse geht es darum, die IST-Situation und ihren Bezug zu gesamtgesellschaftlichen Zusammenhängen zu erfassen. Ohne eine Analyse der gegenwärtigen politischen Situation mit ihren spezifischen Charakteristika, Möglichkeiten und Grenzen wird jede Utopie zur bloßen unerreichbaren Vision und jedes konkrete Handeln lediglich zu einem Spiel mit dem Zufall.
4. SOLL: Konkrete Utopie der Teilhabe
Politische Bildungsarbeit braucht Visionen. Visionen sind aber wertlos, wenn sie sich nicht auf die Realität beziehen. Die Visionen, die eine politische Bewegung für gemeinsames Handeln benötigt, sind konkrete Utopien. Die konkrete Utopie, auf die sich die Grüne Bildungswerkstatt Wien in ihrer Arbeit bezieht, wird mit dem Konzept der Teilhabe umrissen. ![]() |
| Bildungsarbeit als Einheit von Theorie und Praxis |
Dieses Konzept zeichnet sich durch zwei Dimensionen aus und verbindet einen zentralen inhaltlichen Fokus grüner Politik mit einer bestimmten Vorgangsweise: Einerseits geht es darum, den Zugang möglichst vieler Menschen zu möglichst vielen Ressourcen sicherzustellen und damit Teilhabe in inhaltlich-materieller Hinsicht zu konkretisieren. Andererseits gilt es, Teilhabe auch prozessorientiert zu fassen und als möglichst breite Mitbestimmung für möglichst viele Wirklichkeit werden zu lassen.
Als konkrete Utopie kann das Konzept der Teilhabe die Vision einer gleichzeitigen Erreichung von Zielen wie Freiheit und Gleichheit für alle in die politische Alltagsarbeit übersetzen helfen. Teilhabe in seiner prozessorientierten Dimension will keine Bevormundung von oben, sondern eine Ermächtigung zum Handeln für jede/n einzelne/n. In weiterer Folge geht es um einen gleichberechtigten Dialog zwischen allen BürgerInnen über gesellschaftliche Ziele und die Wege ihrer Verwirklichung. Dieser Dialog wird nur möglich bei einer Transparenz von Information und einer Offenlegung von Interessen und Machtverhältnissen.
Die Grüne Bildungswerkstatt Wien geht in ihrer Bildungsarbeit von der konkreten Utopie der Teilhabe aus und lädt auch andere Organisationen ein, gemeinsam diese Vision zu vertiefen und umzusetzen.
5. TUN: Gesellschaft gestalten - Schritte zur Teilhabe
Eine konkrete Utopie ist wertlos, wird sie nicht im politischen Alltagsgeschäft verwirklicht. Teilhabe als konkrete Utopie gilt es in beiden Dimensionen zu konkretisieren und umzusetzen. Dabei entstehen für uns beispielsweise folgende Fragen: Wie lässt sich vor Ort nun wirklich möglichst breite Mitbestimmung für alle denken und umsetzen? Was ist denn überhaupt gemeint mit Mitbestimmung für alle und wie kann so etwas konkret ablaufen? Wie kann man den Zugang für alle zu gesellschaftlichen Ressourcen in einer Zeit verbessert werden, in der gerade dieser Zugang vielfach bedroht ist? Was sind denn diese gesellschaftlichen Ressourcen? Welche Definitionen von Staat, Wirtschaft und Politik sind mit dieser konkreten Utopie der Teilhabe verknüpft?Eine Beschäftigung mit diesen Fragen kann schwerpunktmäßig reflexionsorientiert oder praxisorientiert erfolgen. Idealerweise hat jede Reflexion auch einen Bezug zur Praxis und jede Praxis ist eingebettet in Reflexionsarbeit. Das Bildungsverständnis der Grünen Bildungswerkstatt Wien basiert darauf, reflexions- und praxisorientierte Elemente von Bildung in jedem Projekt der Grünen Bildungswerkstatt zu verankern. Erst eine Einheit von Reflexion und Praxis sichert einen erfolgreichen und nachhaltigen Bildungsprozess.
5.1. Reflexionsorientierte Bildungsarbeit
Reflexions- und Theoriearbeit ist wesentliche Voraussetzung und Notwendigkeit für politisches Agieren. Sie kann als Leitfaden für die Praxis, als Anknüpfung für Diskussionen und als Reibungspunkt für das tägliche Tun dienen. Die Grüne Bildungswerkstatt Wien will Raum für ausreichende Reflexions- und Theoriearbeit für politische AkteurInnen innerhalb und außerhalb der Grünen schaffen. Daher geht die Grüne Bildungswerkstatt Wien Bildungskooperationen mit jenen Institutionen ein, die in ihren Projekten diesen Raum zur Reflexion eröffnen. So soll Reflexion als ein wesentliches Element der Praxis nachhaltig organisationsintern und -extern institutionalisiert werden.5.2. Praxisorientierte Bildungsarbeit
Reflexion allein erlaubt noch keine gesellschaftliche Gestaltung. Erst das konkrete Tun macht eine Reflexion überhaupt erst wertvoll. So soll nicht allein die Reflexion, sondern vielmehr auch die konkrete Praxis politischer Akteure Anknüpfungspunkt für Bildungsarbeit der Grünen Bildungswerkstatt Wien sein. Nur in einer schrittweisen, projektbezogenen und auch experimentellen Verwirklichung kann die konkrete Utopie der Teilhabe lebendig bleiben und sich als ein Merkmal grüner Politik verankern. Die Grüne Bildungswerkstatt Wien beteiligt sich somit vermehrt an Bildungsprojekten, die mit konkreten Schritten zur Umsetzung der Utopie der Teilhabe beitragen.6. Die Organisation der Bildungsarbeit der Grünen Bildungswerkstatt Wien
Die Grüne Bildungswerkstatt Wien will sich um eine Systematisierung von Lernbemühungen innerhalb der Grünen gemeinsam mit der Zivilgesellschaft bemühen. Der Arbeit der Grünen Bildungswerkstatt Wien liegt eine gesamtgesellschaftliche Perspektive zugrunde. Die Grüne Bildungswerkstatt Wien versteht Bildung als einen Prozess, der unterschiedliche Ebenen wie Reflexion und Praxis sowie Abstraktion und Konkretion miteinander verbindet und drei Dimensionen mit unterschiedlichen Schwerpunkten - IST, SOLL und TUN - umfasst. Dieses Bildungsverständnis will die Grüne Bildungswerkstatt Wien mit ihren KooperationspartnerInnen diskutieren, umsetzen und weiterentwickeln.Das Bildungskonzept der Grünen Bildungswerkstatt Wien baut auf längerfristigen Kooperationen mit strategischen PartnerInnen auf. Dies soll auch eine tiefergehende Auseinandersetzung mit den Zielen und Implikationen der Leitlinien ermöglichen und stellt selbst schon ein Bildungsprojekt dar. Darüber hinaus versteht sich die Grüne Bildungswerkstatt als eine Partnerin für die Konzeption und Durchführung von Bildungsprojekten, die sich im Rahmen unserer Leitlinien verorten. Die Grüne Bildungswerkstatt Wien fungiert als Schnittstelle zwischen Grüner Partei und Zivilgesellschaft und findet ihre Kooperationspartner in eben diesen Feldern.



