Erstens wird das Postulat Gleichheit als entscheidend für eine zukünftige Gesellschaft der Geschwisterlichkeit angesehen. Dies ist heute so aktuell wie im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts. Nach Georg Fülberth "ist die Gleichheit im Unterschied zum Freiheitsbegriff ein ausschließlich der Linken gehörender Begriff. Es handelt sich nicht um eine Tatsachenfeststellung, sondern um eine Forderung." Dabei ist es allerdings erforderlich, diesen Begriff umfassend zu definieren, wie dies teilweise im Zitat von Pecquer mit der Gleichsetzung von "Gleichheit und Brüderlichkeit" vorgegeben wurde. Dies gilt auch für die Verbindung von "liberté" und "égalité". Georg Fülberth: "In der Verbindung von Freiheit und Gleichheit ist die universelle Emanzipation - also nicht nur die Freiheit des oder der einzelnen oder einer beschränkten Zahl von Menschen, sondern aller - die Zentralforderung der Linken."
Technik als Trägerin von Gleichheit
Zweitens wird die Entwicklung der modernen Technik und werden die Eisenbahnen als Transporteure angesehen, die in idealer Weise die Forderung nach Gleichheit zum Ausdruck bringen. Der technische Fortschritt als solcher wird weitgehend als Gleichheitsbringer verstanden. Der maßgebliche Massentransporteur des 19. Jahrhundert, die Eisenbahn, wird als Transporteur der Gleichheit beschrieben.
Das dürfte heute teilweise anders gesehen werden. Das Auto oder der Billigflieger werden kaum als Ausdruck der Emanzipation und schon gar nicht als Transporteure der Gleichheit angesehen. Ganz offensichtlich ist eine Verallgemeinerung der Art der Massenmotorisierung, wie sie in den hochindustrialisierten Zentren praktiziert wird, und ist ein Luftverkehr, wie er von rund 15 Prozent der Menschheit in Anspruch genommen wird, nicht weltweit verallgemeinerbar. "Gleichheit" kann damit zumindest weltweit nicht hergestellt werden.
Drittens springt ins Auge, dass sich der technische Fortschritt im allgemeinen und die Eisenbahnen im besonderen just so nicht entwickelten, wie von Charles Pecquer vorhergesagt. So versuchten beispielsweise die Eisenbahnen die im Feudalismus vorherrschende Transportform zu konservieren, indem sie mit dem - bis heute eingesetzten - Abteilwagen im Wortsinn die Kutsche auf die Schiene hoben. Vor allem aber reproduzierten die Eisenbahnen die bestehende Klassengesellschaft. So teilten sie die Fahrgäste rund einhundert Jahre lang auf vier Klassen auf: die vierte (Holz-) Klasse für die unteren Stände der Bauern und das Subproletariat. Die dritte Klasse für das neue Proletariat, die zweite - nunmehr gepolsterte - Klasse für das Kleinbürgertum und die erste, oberste Klasse für die Adligen und die neue Bourgeoisie.
Die Eisenbahnen waren auch oft das Gegenteil von "Transporteuren der Brüderlichkeit". In Deutschland wurden vor dem Ersten Weltkrieg viele Ost-West-Verbindungen auf Veranlassung der Militärs gebaut - für den bereits früh geplanten Zwei-Fronten-Krieg, den es dann 1914 bis 1918 und 1940 bis 1945 auch gab. Es gab Kriege um Eisenbahnen, so der russisch-japanische Krieg 1904/05. Ohne den fahrplanmäßigen (und von Tausenden EisenbahnerInnen aktiv mit getragenen) Einsatz der Reichsbahn hätte der Holocaust nicht in der massenhaften Form realisiert werden können, wie dies ab 1940 und bis April 1945 der Fall war. Bekanntlich wird vom Vorstand der Deutschen Bahn AG die erforderliche Aufarbeitung dieser Vergangenheit verweigert.
Gleichheit und Klassenschranken
Im übrigen feiert die ausdifferenzierte Klassengesellschaft auch im Eisenbahnwesen nach dem Zweiten Weltkrieg fröhliche Urständ: Als die Bundesbahn in den 1970er Jahren den Intercity (IC) auf die Schienen setzte, führte dieser zunächst nur die Erste Klasse. Die obere Klasse sollte wieder unter sich bleiben. Doch es gab nicht mehr genug Eisenbahnfahrende aus den Oberschichten. Der Erste-Klasse-IC erwies sich als unrentabel und wurde daher bald darauf um die Zweite Klasse ergänzt. Der Speisewagen bildete zwischen der Ersten und der Zweiten Klasse eine Art Klassenschranke. Er wird heute auch dann, wenn die Zahl der 2.-Klasse-Waggons deutlich überwiegt, nicht, wie es eigentlich sinnvoll wäre, in der Mitte des Zugs, sondern zwischen den beiden Zugklassen eingesetzt.
Die seit Ende der neunziger Jahre privatisierten Eisenbahnen in Großbritannien führten in einzelnen Fernverkehrszügen bis zu sechs Klassen ein. In Österreich wurde bei der ÖBB 2005 wieder eine Klasse oberhalb der "normalen" Ersten Klasse eingeführt; eine Business-Klasse, in der ManagerInnen in schwarzen Leder-Sesseln exklusiv reisen sollen. Auch hier drängt sich der Eindruck auf, dass das Top-Management der ÖBB rein ideologische, und kaum betriebswirtschaftliche Ziele verfolgt: der Auslastungsgrad dieser "Sonderklasse" lag auf der Strecke Wien - Linz bei drei Fahrten, bei denen ich dies überprüfen konnte, bei unter 10 Prozent.
Die aus betriebswirtschaftlicher, sozialer und umweltpolitischer Sicht falsche Orientierung auf den 1.-Klasse- und Geschäftsreisenden-Verkehr und die Vernachlässigung des interessantesten Potentials für den Schienenverkehr, den Massenverkehr der Bevölkerung, wird dazu führen, dass die Schiene weitere Rückschläge erleidet und ein weiteres Mal als "unrentabel" dargestellt - und in der Verkehrspolitik "abgestraft" - werden kann.
Möglichkeit für "Gleichheit" in kapitalistischen Gesellschaften
Die Forderung nach Gleichheit als Schlachtruf der bürgerlichen Revolution richtete sich in erster Linie gegen die alte, feudale Gesellschaft, in der qua Geburt die Klassenzugehörigkeit festgelegt war. Diese Klassenzuteilung wurde als gottgegeben ausgegeben. Allerdings war im Schoß der alten Gesellschaft bereits eine neue Klassengesellschaft herangewachsen. Nunmehr erfolgte die soziale Spaltung vor allem entlang des Verhältnisses zu den Produktionsmitteln.
Die neue Bourgeoisie eignete sich die maßgeblichen Produktionsmittel und Bodenschätze an, während der Rest der Gesellschaft in erster Linie nur EigentümerInnen der eigenen Arbeitskraft war. Zwar konnte Lee A. Iacocca in den achtziger Jahren als Chrysler-Boss den amerikanischen Traum vom Tellerwäscher zum Top-Manager und Millionär erfüllen. Eine gewisse "Klassendurchlässigkeit" und scheinbare Chancengleichheit beim individuellen Zugang zu Reichtum schien gegeben. Doch solche Ausnahmen bestätigen vor allem die Regel der neuen Klassengesellschaft und wirken ideologisierend, also vernebelnd.
Das ist nicht neu - und wurde bereits in den ersten Jahren der bürgerlichen Revolution so gesehen und so kritisiert. Während der französischen Revolution argumentierten führende Vertreter der linken Fraktion, so der Priester Jacques Roux, ein führender Vertreter der "Enragés", (der über die fortgesetzt ungleichen sozialen Verhältnisse "Empörten" oder "Aufgebrachten") in diesem Sinne:
"Die Freiheit ist ein eitles Hirngespinst, wenn eine Klasse von Menschen die andere ungestraft aushungern kann. Die Gleichheit ist ein eitles Hirngespinst, wenn der Reiche mittels seines Monopols das Recht über Leben und Tod seiner Mitmenschen ausübt. Die Republik ist ein eitles Hirngespinst, wenn die Konterrevolution täglich durch den Preis der Nahrungsmittel voranschreitet, zu denen drei Viertel keinen Zugang haben, ohne Tränen zu vergießen."
Pursuit of Happiness
Bereits in der Präambel der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika aus dem Jahr 1776 findet sich ein Grundforderungskatalog, in dem explizit "Gleichheit" und "Freiheit" mit "Glück" kombiniert wird. In diesem, von Benjamin Franklin und Thomas Jefferson erarbeiteten Text heißt es:
"Wir halten folgende Wahrheiten für unumstößlich: Alle Menschen wurden in Gleichheit erschaffen; der Schöpfer hat ihnen unveräußerliche Rechte gegeben, deren erste da sind: das Recht auf Leben, das Recht auf Freiheit, das Recht auf Streben nach Glück. (...) Um den Genuss dieser Rechte zu sichern, haben sich die Menschen Regierungen gegeben. Deren Legitimität beruht auf der Zustimmung der Bürger."
Die Zielsetzung "pursuit of happiness?, das Streben nach Zufriedenheit und Glück, schließt ganz offensichtlich auch die materielle Komponente, Wohlstand, mit ein.
(1) Die vollständigen bibliographischen Angaben aller zitierten Stellen finden sich in der Langversion des Textes.
Lesen Sie in Teil 2: Wege zur Gleichheit: Revolution, Reformismus oder Markt?





