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Der Arzt ist schwanger. Ungleichheit in der Sprache

In ihrem Impulsreferat beleuchtete Luise Pusch das Thema Gleichheit aus der Perspektive der Sprache, zeigte die herrschaftliche Struktur von Sprache auf und illustrierte praktische Möglichkeiten, die auf dem Weg zu mehr Gleichheit in der Sprache beschritten werden können.

Redaktion | 16.12.2006

"Die Frau ist nicht der Rede wert": So lautet eines berühmten Bücher der feministischen Linguistin Luise Pusch. In ihrem Impulsreferat, das sie von einem "für manche vielleicht nicht ganz so vertrauten Blickwinkel" aus gestaltete, ging es ihr darum, auf die vorherrschende Ungleichheit und fortlaufende Diskriminierung in der deutschen Sprache aufmerksam zu machen. Dass dieses Thema bei manchen Männern auf Unverständnis stoße, erklärt sich Luise Pusch mit einem mangelnden Problembewusstsein. Da Sprache oft als neutrales Kommunikationsmedium verstanden wird, das lediglich dazu dient, Informationen zu transportieren, stellen sich manche die Frage: "Was wollen die Frauen denn bloß?"

Sprache als Ort der Herrschaft

Aus einer feministischen und herrschaftskritischen Warte stellt sich die Sprache als Feld dar, das von Dominanzmustern strukturiert wird und auf dem gesellschaftliche Kämpfe um Anerkennung, Sichtbarkeit und Repräsentation ausgefochten werden. Sprache wird somit zu einem Politikum, zu einem Gegenstand politischer Auseinandersetzung. Luise Pusch verdeutlicht das mit einem Beispiel: "Der Arzt ist schwanger". Allein in diesem Satz wird diskriminierende Komponente der deutschen Sprache augenscheinlich. Denn mit "Arzt" werden nicht beide Geschlechter gleichermaßen angesprochen, sondern lediglich Männer. Um explizit darauf hinzuweisen, dass der Arzt eine Frau ist, muss dem Wort ein -in angehängt werden. Damit tritt aber auch die Ungleichheit in der Sprache und die Parteilichkeit der Sprache klar zu Tage. Es gibt keine über den Geschlechtern stehende oder diese abstrahierende Form der Bezeichnung für diese berufliche Tätigkeit. Die allgemeine Bezeichnung fällt mit der spezifisch männlichen Form zusammen. Der Mann ist also im Wort immer schon präsent, während die Frau erst explizit und durch eine ergänzende Silbe sicht- und hörbar gemacht werden kann.

Herrisches Auftreten und dämliche Witze

Das Patriarchat als historische Anordnung des Geschlechterverhältnisses hinterlässt tiefe Spuren, die wir im Alltag immer wieder kreuzen, wenn wir erst unsere Wahrnehmung dafür sensibilisieren. Luise Pusch plädiert für eine solche Sensibilisierung und bietet sozusagen als Hilfestellung die Prototypen-Theorie an. Diese Theorie untersucht und interpretiert prototypische Bilder und Modelle, die sich äußerst stark in der Sprache ausdrücken und unsere Vorstellungswelten kolonisieren. Normsetzung ist Sache von Männern. Indem männliches Handeln als Norm proklamiert wird, wird weibliches Handeln als außerhalb der Norm stehend festgeschrieben. Bis heute sind diese Verhältnisse in der Sprache abgebildet.

Über Marsmännchen und Vornamen

Durch eine Reihe von Beispielen lässt sich eindrücklich zeigen, dass der prototypische Mensch im Patriarchat nur männlich sein kann. Wenn von Außerirdischen die Rede ist, dann sind das selbstredend die Marsmännchen. Wenn Kinder Menschen zeichnen, dann sind das einfach Strichmännchen. Wenn Menschen auf der Strasse spontan nach Vornamen gefragt werden, dann fallen großteils männliche Vornamen. Wenn Personen für höhere Führungsaufgaben gesucht werden, dann wird zuerst einmal nach geeigneten Männern Ausschau gehalten.

Als Antwort auf diese weibliche Unsichtbarkeit im Patriarchat, auf die Einsperrung des Weiblichen ins Private und in den Reproduktionsprozess, auf die Inszenierung des Männlichen im öffentlichen Raum und in der Produktion, wurde die emanzipatorische Forderung nach Sichtbarmachung erhoben. Denn wenn Gleichheit verwirklicht werden soll, dann muss die auch die Ungleichbehandlung in der Sprache bekämpft werden. Auf der Einsicht der Prototypen-Theorie aufbauend, nach der das Allgemeine automatisch männlich besetzt wird, ist es folgerichtig, das Weibliche vehement in die Sprache zurückzutragen. Die Forderung nach einem umfassenden Femininum - statt die Arbeiter (für die Bezeichnung von Männern und Frauen) die Arbeiterinnen) - stellt lediglich die radikale Konsequenz der Analyse patriarchaler Verhältnisse dar.

Dass alleine schon die Verwendung des umfassenden Femininum, bei dem sich die Männer mitgemeint fühlen dürfen, bei manchen Männern große Widerstände auslösen kann, führt nochmals eindringlich vor Augen, dass die Sprache nichts "Natürliches" ist, sondern Teil einer diskriminierenden gesellschaftlichen Praxis. Sprache (re)produziert, transportiert und legitimiert ungleiche Verhältnisse, kann aber eben genauso dazu verwendet werden, um für mehr Gleichheit zu kämpfen.

Die Stämme besetzen

Als langfristige und gerechte Lösung präsentierte Luise Pusch folgendes Modell: Da die Betonung und Sichtbarmachung des Weiblichen in der Sprache nur einen ersten Schritt zu einer Sprache, die Gleichheit transportiert, darstellen kann, plädiert sie für einen radikaleren Umbau in der Sprache: Es gehe darum, die Wortstämme männlich und weiblich zu besetzen. Damit würde die deutsche Sprache - ähnlich wie die englische - von der automatischen Männlichkeit vieler Worte befreit (z.B. Arzt, Student, Tischler). Die Zuweisung der Geschlechts erfolgt bei diesem Vorschlag dann über die Artikel (Die Student geht zu der Arzt). Das würde letztendlich auch bedeuten, dass das -in abgeschafft werden kann, weil Hauptwort nicht mehr automatisch männlich ist. Für Luise Pusch wäre dies ein entscheidender Schritt Richtung Gleichheit.

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