Insbesondere die "Neue Rechte" genannten rechtsextremen Intellektuellen kämpfen gegen ein universalistisches Menschenbild. Dem wird ein "biologisches" oder "realistisches" gegenüber gestellt. Da die Ungleichheit eine natürliche sei, ist Fortschritt in Richtung sozialer Gleichheit per se unmöglich. Aus der Einsicht in die "Grenzen des Menschen", diesem blanken Biologismus, speist die Rechte seit jeher ihren Pessimismus (als Ideologie zur Erhaltung des Status quo) und behauptet dort, wo es um die Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse ginge, eine Missachtung der "menschlichen Natur", die all dem entgegenstünde.
Biologismus, Genetik und Konservativismus
Im Rechtsextremismus hat also die "Natur" Gott als unhinterfragbare letzte Instanz abgelöst. Die selektive Übertragung von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen auf die Gesellschaft nennen wir Biologismus. Dabei wird adäquat erscheinende soziale Praxis in die Natur hineinprojiziert, um dann in einem nächsten Schritt auf die Gesellschaft zurückprojiziert zu werden. Im biologistischen Diskurs, der weit über den organisierten Rechtsextremismus hinaus verbreitet ist, wird systematisch an der Naturalisierung des Sozialen und Politischen gearbeitet. Der Einfluss der erfahrenen Umwelt auf die persönliche Entwicklung wird minimiert oder gar geleugnet, statt dessen wird der entgesellschaftlichte, biologisch determinierte präsentiert.
Geschichte wird nicht von Menschen unter bestimmten Bedingungen - von denen eine die Natur ist - gemacht, sondern fällt in eins mit der Evolution. Mit der menschlichen Freiheit ist es dann logischer Weise nicht weit her. Sämtliche Gleichheitsvorstellungen werden im biologistischen Diskurs oder Sozialdarwinismus ins Reich der Utopien verbannt. Die hierbei leitenden Interessen sind rasch als anti-emanzipatorische auszumachen: Der Biologismus ist seit jeher bemüht, den status quo zu konservieren. Mittlerweile hat die Genetik die Anthropologie als Fundus für antiegalitäre Anschauungen abgelöst: Ausgehend von der Unterschiedlichkeit in der genetischen Ausstattung wird gegen das Gleichheitspostulat Position bezogen.
Die Frau, die Natur und der Kapitalismus
Gegenüber weiblichen Selbstbestimmungs- und Emanzipationsforderungen wird immer wieder betont, dass nicht die Erziehung Frauen und Männer zu dem macht, als was sie sich empfinden, sondern dass bereits alles von der Natur bestimmt ist. Dass die gesamte Reproduktionsarbeit auf den Frauen lastet, liegt dann folgerichtig in der Natur der Dinge.
Der ideologische Gehalt dieses "realistischen Menschenbildes" zeigt sich auch darin, dass die "Natur" stets in Übereinstimmung mit kapitalistischer Vergesellschaftungsform konstruiert wird. So meint etwa Eibl‑Eibesfeldt: "Das Leben wird vom Wettstreit getrieben. Konkurrenz formte bis zum heutigen Tag die Organismen. Jede Pflanze kämpft mit anderen um ihren Platz an der Sonne, und tierische Organismen wetteifern um begrenzte Güter. Sie tun dies auch innerhalb einer Gruppe, und der Mensch macht da keine Ausnahme."
Naturgesetze zur Legitimation von Herrschaft
Wie jede Herrschaftsideologie so versucht auch der Biologismus eine Verobjektivierung seiner Grundlagen. Dies erfolgt mittels der Behauptung, bei der "Natur" handle es sich um eine vordiskursive Realität. Die "Natur" weise uns mit ihren "Gesetzten", die nicht erst im Prozess der menschlichen Betrachtung konstruiert werden, den richtigen Weg. Die Behauptung, Naturgesetze seien keine Arbeitshypothesen, mit der Einzelbetrachtungen systematisiert werden können, sondern universell gültige/überhistorische Wahrheiten über jede materielle Form, geht maßgeblich auf Haeckel zurück. Ernst Haeckel (1834‑1919) gilt als Vater des Sozialdarwinismus und Begründer einer gesamtheitlichen, ökologischen Weltsicht gleichermaßen. Bis heute konnten sich Teile der Umweltschutzbewegung von diesem Gründungsmakel nicht befreien.
Die Gewalttätigkeit des Volkes
Zentrale Kategorie des Rechtsextremismus ist nicht das Individuum, sondern das "Volk", das zur alleinigen Trägerin aller (Freiheits)Rechte erklärt wird. Darum ist es nur konsequent, wenn sich der parteiförmige Rechtsextremismus nicht als liberal, sondern als freiheitlich bezeichnet. Der Widerspruch zwischen der Behauptung einer individuellen Ungleichheit und einer kollektiven Identität kann nur normativ - mit der (immer gewaltvollen) Durchsetzung der "Volksgemeinschaft" - aufgelöst werden. Die im Inneren dieser Gemeinschaft unterdrückten gesellschaftlichen Widersprüche werden als soziale Aggressionen nach außen - auf Gruppenfremde - gelenkt oder schaffen sich so ein Ventil. Daneben wird versucht, durch den Rückgriff auf irrationale Kategorien wie "gemeinsames Blut", "Rasse" oder "Abstammung" aus den Ungleichen Identische zu machen.
Rassismus ohne "Rasse"
Der Rassismus nach Auschwitz wird als neuer analysiert. Im Neorassismus wurde "Rasse" durch "Kultur" ersetzt, darum sprechen manche auch von Kulturalismus. Dieser reduziert das nur durch die Herkunftskultur determinierte Individuum darauf, eine Gessamtheit zu repräsentieren. In ihrem starr-essentialistischen Verständnis stellt die hermetisch abgeschlossene "Kultur" nicht viel mehr als einen Code für den diskreditierten Begriff der "Rasse" dar. Der Neorassismus hat daneben nicht mehr die biologische Vererbung, sondern die Unaufhebbarkeit der kulturellen Differenzen zum Gegenstand. Indem der Neorassismus aus den diskriminierenden Praxen, mit welchen bestimmten (ethnisierten) Gruppen Ressourcen und Rechte vorenthalten werden, eine Folge oder einen Ausdruck positiver und daher zu erhaltender kultureller Differenz macht, beerbt er den Biologismus als Legitimationsstrategie von Ungleichheit. Die eingangs erwähnte Biologisierung des Sozialen tritt uns nun entgegen als Kulturalisierung oder Ethnisierung: Nicht länger Interessen(lagen) und Widersprüche determinieren gesellschaftliches Sein und Handeln, sondern ausschließlich die Zugehörigkeit zu einer Ethnie oder "Kultur".
Aus dem Recht auf Differenz wird eine Pflicht zur Trennung
Das von linker Seite und MigrantInnenorganisationen (v. a. in Frankreich) geforderte Recht auf Differenz wurde von Seiten der "Neuen Rechten" bereitwillig aufgegriffen und gegen die Forderungen nach Emanzipation gestellt. Gemeint ist nun eine Pflicht zu Differenz, mit welcher die rassistische Spaltung der Gesellschaft perpetuiert wird. Den Forderungen nach gleichen (politischen) Rechten hält die "Neue Rechte" die Forderung nach Bewahrung der "kulturellen Identität" entgegen.
Differenzialistischer (Anti)Rassismus
Die Denunziation der Gleichheit und des Universalismus ist leider nicht auf die extreme Rechte beschränkt. Auch im (akademischen) linken Milieu ist es schick geworden, Lobgesänge auf kulturelle Differenz und Identität zu anzustimmen.
Enttäuscht von ihrem revolutionären Subjekt "Arbeiterklasse" wandten sich viele Neue Linke von diesem ab. An die Stelle der subalternen Klassen traten unterdrückte Völker und/oder marginalisierte/diskriminierte Gruppen, das Klassenbewusstsein wurde ersetzt durch "kulturelle Identität".
Dieser oft zum Kulturrelativismus gesteigerte differenzialistische Antirassismus sieht im Universalismus die ausschließliche Grundlage des Rassismus. Ohne jede Kritik am Eurozentrismus als falsch oder unberechtigt abtun zu wollen, kann ich mich oft nicht des Eindrucks erwehren, dass sich als Kulturrelativismus eine gehörige Portion Menschenverachtung und Frauenhass rationalisiert. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass etwa Angriffe auf den (weiblichen) Körper vielerorts als ein zu akzeptierender Ausdruck von "Kultur" und "religiöser Tradition" bezeichnet werden.
Also: Es geht also darum, Individualität und Gleichheit zu verteidigen und gleichzeitig den Individualismus und Egalitarismus als herrschende Ideologie zu kritisieren. Oder, anders formuliert: Gegenüber der Realität und Ideologie der Ungleichheit gilt es für Gleichheit zu kämpfen, gegenüber der herrschenden Ideologie von Gleichheit und ihrer kolonialistischer Zumutung das Besondere oder Individuelle zu verteidigen. Mit Adorno sollten wir die befreite Gesellschaft als jene denken, in der "man ohne Angst verschieden sein kann."
Die Langfassung dieses Beitrages mit bibliographischen Angaben (pdf-file, 82.98 KB) kann hier abgerufen werden.
Ein äußerst lesenswerter Artikel von Thomas Rothschild behandelt das Verhältnis zwischen Kapitalismus, Faschismus und Gleichheit.




