Wie sieht diese "Illusion der Chancengleichheit" in Österreich des Jahres 2006 aus? Dazu luden die HochschülerInnenschaft an der Universität Wien gemeinsam mit der Grünen Bildungswerkstatt Wien Ende Mai zu einer Podiumsdiskussion in die Aula am Campus. Teilgenommen haben daran Barbara Herzog-Punzenberger, Ethnologin und Bildungsforscherin an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften; Michael Hartmann, Soziologe an der TU Darmstadt; Susanne Schöberl, Bildungsreferentin der Wiener Arbeiterkammer sowie Martin Schenk von der Diakonie Österreichs.
Mythos der Leistungseliten
Michael Hartmann, in den vergangenen Jahren bekannt geworden durch seine Studien zum "Mythos der Leistungseliten", zeigte an Hand der Umwälzungen im deutschen sowie im österreichischen Bildungssystem, wie sehr die soziale Herkunft noch immer und immer stärker die Chancen für SchülerInnen und Studierende beeinflusst. Dabei verhält es sich wie im bekannten Matthäus-Theorem: "Wer hat, dem wird gegeben werden. Wer nicht hat, dem wird genommen werden."
Diejenigen, die kaum noch etwas haben, waren Thema des Beitrags von Martin Schenk, der sich auch in der österreichischen Armutskonferenz engagiert. Er berichtete von der steigenden Zahl an absolut und relativ Armen in der Gesellschaft. Besonders tragisch ist hierbei die große Zahl an verarmten Kindern. Hier sind vor allem Kinder alleinerziehender Frauen, aus Großfamilien und mit migrantischem Hintergrund betroffen.
Integration vs. Exklusion
Das letztere auch im Bildungssystem benachteiligt sind, zeigte der Beitrag von Barbara Herzog-Punzenberger. Die Bildungsforscherin hat sich zum Zeitpunkt der Diskussionsveranstaltung gerade öffentlich zu Wort gemeldet, um eine tendenziöse Studie des österreichischen Innneministeriums zu "integrationsunwilligen Ausländern" zu kritisieren. In ihrem Beitrag zeigt die reale "Integrationsunwilligkeit" des österreichischen Bildungssystems. So zeigen Analysen der Pisa-Daten der OECD eine immer noch deutliche Benachteiligung von Menschen mit migrantischem Hintergrund in den Schulen. Vergleichbares lässt sich auch im restlichen Bildungssystem zeigen.
Schließlich berichtete Susanne Schöberl von der immer noch deutlichen Benachteiligung von Frauen in unserer Gesellschaft. Schlechtere Chancen am Arbeitsmarkt, geringere Löhne, größeres Risiko des sozialen Scheiterns bei gleichzeitig immer noch hoher Belastung im Bereich der sozialen Reproduktion sind bis heute deutliche Zeichen patriarchaler Verhältnisse in unserer Gesellschaft.
Dis Diskussion zeigte einmal mehr: Wer daran glaubt, wir würden in einer gerechten Leistungsgesellschaft leben, erliegt noch immer der "Illusion der Chancengleichheit".