Grüne Bildungswerkstatt Wien

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Texte - Politik & Ökonomie - Gleichheit / 15.12.2006 / Redaktion

Studiengebühren, Eliteuniversitäten und soziale Selektion

Um die Auswirkungen der hohen Studiengebühren auf die Chancengerechtigkeit des Bildungssystems der USA ranken sich etliche Mythen. Michael Hartmann zeigt in einer Studie auf, dass das System soziale Ungleichheit (re-)produziert.

Für die sozialwissenschaftliche Zeitung "Leviathan" analysierte der deutsche Soziologe Michael Hartmann die Auswirkungen der US-amerikanischen Studiengebühren auf die Chancengerechtigkeit in der Gesellschaft. Im Rahmen eines Workshops, der von der Österreichischen HochschülerInnenschaft an der Universität Wien, unterstützt von der Grünen Bildungswerkstatt Wien, organisiert wurde, präsentierte Hartmann die Ergebnisse seiner Recherchen.

Die Diskussionen zum Umbau des heimischen Universitätssystems werden seit langen von zahlreichen Mythen beherrscht. Gerne wird in den Diskussionen das US-amerikanische Hochschulsystem als wegweisend für Europa herangezogen. Auch in dem von den EU-Bildungsministern 1999 unterzeichneten Bologna-Papier zeigt sich mit der Einführung von Bachelor-Master-Studiengängen, dem erhöhten Druck zur Einführung von Studiengebühren sowie der mittlerweile in mehreren EU-Ländern geplanten Einführung von Eliteuniversitäten deutlich das Vorbild der USA. Dabei scheinen in den Köpfen der Verantwortlichen Bilder eines Hochschulsystems vorzuherrschen, die mit der Realität kaum noch übereinstimmen.

Auch Michael Hartmann, Soziologe an der TU Darmstadt, der sich in den vergangenen Jahren als kritische Stimme an den deutschen Bildungsdebatten beteiligt hatte, wurde oftmals mit der Behauptung einer trotz hoher Studiengebühren angeblich sozial gerechteren amerikanischen Bildungssystem konfrontiert. Um diese Behauptung zu überprüfen begann er mit einer Analyse der Auswirkungen der Studiengebühren auf die soziale Zusammensetzung von Studierenden in den USA.


Äpfel und Birnen

Die Ungenauigkeiten beginnen meist schon im direkten Vergleich zwischen österreichischem bzw. deutschem und US-amerikanischem Hochschulsystem. Dabei wird gerne übersehen, dass in den USA auch Ausbildungsgänge zum Hochschulsektor zählen, die hierzulande als BHS, Kollegs und dergleichen zum Schul- und Weiterbildungssystem gezählt werden. Dadurch schickt zwar offiziell die untere Hälfte der US-Bevölkerung ihre Kinder zu fast 90 Prozent auf Hochschulen, wie gerne gesagt wird. Bereinigt man die Zahlen jedoch auf die realen Verhältnisse, geht davon fast jedes zweite dieser Kinder auf ein Zwei-Jahres-College, das der gymnasialen Oberstufe ähnelt. Von den insgesamt etwa 4000 Hochschulen in den USA erreichten damit nur knapp die Hälfte "deutsches Oberstufenniveau".

Auf die teuren Privatuniversitäten schaffen es tatsächlich dann nur noch rund 3% der Studienanfänger aus den unteren Schichten: "An den zirka 150 Hochschulen, die den deutschen Universitäten vergleichbar seien, stammten weniger als zehn Prozent aus der unteren Hälfte der Bevölkerung, 74 Prozent aber aus dem oberen Viertel. Die Rekrutierung sei damit sozial erheblich selektiver als an den deutschen Universitäten, wo zwei Drittel der Studierenden aus dem oberen Drittel der Bevölkerung stammten.
Die privaten Eliteuniversitäten sind noch deutlich exklusiver. Vier von fünf Studierenden kämen dort aus dem oberen Fünftel der Gesellschaft. Jeder fünfte stamme sogar aus dem obersten zwei Prozent mit Familienjahreseinkommen von mehr als 200 000 Dollar, das heißt fast doppelt so viele wie aus der gesamten unteren Bevölkerungshälfte", so Hartmann.

Massive Erhöhung der Studiengebühren

Ein bedeutender Grund für diese ungleiche Verteilung liegt in den unterschiedlich hohen Studiengebühren, die zwischen $2076 (Two-Years-Colleges), $5132 (öffentliche Four-Years-Collges) und bis zu $20082-$32000 (private Four-Years-Colleges) pro Jahr liegen. Dabei zeigt sich, dass sich diese Studiengebühren zwischen 1980 und 2000 mehr als verdoppelt, auf Universitäten verdreifacht haben, während das durchschnittliche Familieneinkommen um vergleichsweise geringe 22% gewachsen ist. Selbst für einen Studienplatz an einem Zwei-Jahres-College müssten Familien aus dem untersten Viertel der Bevölkerung mittlerweile ein Drittel ihres Jahreseinkommens zahlen. An einer staatlichen Vier-Jahres-Hochschule seien es mehr als zwei Fünftel und an einer privaten Hochschule knapp zwei Drittel des Jahreseinkommens.

Verschuldung der Studierenden

Infolgedessen habe sich die Verschuldung der Studierenden in den USA gravierend erhöht. Nach dem Bachelor betrug die Schuldenlast laut Hartmann im Jahr 1993 durchschnittlich $12.100 und 2000 schon rund $19.300. Mittlerweile liege die Durchschnittssumme für alle Studierenden deutlich über 30.000 Dollar. Wer an den teureren Ivy-League-Hochschulen wie Princeton oder Harvard eingeschrieben ist oder wer nach dem Bachelor noch weiter bis zum Master oder zur Promotion studiert, verschuldet sich damit problemlos in den sechsstelligen Bereich hinein.

Für Österreich zeigt die Studie von Hartmann zweierlei: Mit der Einführung der Studiengebühren ist es sehr wahrscheinlich geworden, dass diese in unmittelbarer Zukunft rapide erhöht werden. Dies zeigen auch Beispiele aus vergleichbaren Ländern, wie den USA, Großbritannien oder den Niederlanden. Diese Entwicklung führt gleichzeitig zu einer Aufteilung der Hochschullandschaft in einige wenige "Spitzen-Universitäten", die über großzügige Finanzmitteln der öffentlichen und privaten Hand verfügen und gleichzeitig höhere Gebühren von ihren Studierenden einfordern können. Diese Universitäten besitzen auch die Macht, sich ihre Studierenden aus den BewerberInnen selbst auswählen zu können. Für den großen Rest bleiben schlechter ausgestattete Massenuniversitäten über, die zwangsläufig auch zu entwerteten Abschlüssen führen.



Artikel der deutschen Presseagentur zum Thema: http://www.klassenbildung.de/hintergrund/118381.html