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Texte - Politik & Ökonomie - Gleichheit / 11.11.2006 / Redaktion

Frau gleich Mann. (Un)Gleichheit und (In)Differenz

Frauen und Männer sind gleich! Männer und Frauen sind verschieden! Diese beiden Sätze stehen sinnbildlich für eine Debatte, die seit Jahrzehnten mit ungewissem Ausgang geführt wird. Wie kann mit diesem Spannungsfeld umgegangen werden?

Dieser Artikel ist inhaltlicher Begleiter der Arbeitsgruppe 1: Geschlecht: Frau gleich Mann

Im Zentrum dieser philosophischen Debatte mit direkten politischen Auswirkungen steht die Frage nach Gleichheit und Differenz in all ihren Schattierungen. Aus historischer Perspektive lassen sich dabei zwei Phasen deutlich unterschieden: Bis in die Mitte der 1980er Jahre wurde die Debatte von der Frage nach Gleichheit/Differenz zwischen den Geschlechtern, also zwischen Mann und Frau, geprägt. Darauf folgt eine Phase, die das Augenmerk auf die Suche nach dem Wesen von Mann und Frau lenkt und damit Identitätspolitik in den Vordergrund stellt.

Von der Gleichheit zur Differenz und retour

Schematisch dargestellt entwickelte sich die Debatte entlang folgender Positionen: Am Anfang stand die Forderung nach Gleichheit zwischen Frauen und Männern. Daran anknüpfend und als Weiterentwicklung feministischer Positionen gewann das Postulat der Geschlechterdifferenz (Frauen und Männer sind verschieden) an Popularität. Dieser Standpunkt diente als zentrale argumentative Stütze für die Forderung nach einer universalen Schwesterlichkeit ("global sisterhood"). In Abgrenzung zu vorschnellen Vereinfachungen wurde demgegenüber die Unterschiede zwischen Frauen hervorhoben. Damit trat die Frage nach der Gleichheit zwischen den Geschlechtern in den Hintergrund, ohne gelöst worden zu sein. Die Bewegung in Richtung umfassender - ideller und materieller - Gleichheit zwischen den Geschlechtern stockte und das Loblied der Differenz dominierte fortan die öffentliche Debatte.

Von der Interessenspolitik zur Identitätspolitik

Dabei spielt die Frage nach dem - wirklichen und wahren - Wesen des Menschen eine zentrale Rolle. Derartige Fragen beinhalten immer die Gefahr, in Fundamentalismen abzugleiten - sei es Naturalismus, Biologismus, Nationalismus oder Rassismus. Ist erstmals die Suche nach der Identität in den Vordergrund gerückt, verschiebt sich auch die Problemstellung und somit die möglichen politischen Strategien. Werden Identitäten und damit wesensmäßige Unterschiede als gegeben angesehen, dann entziehen sie sich dem Politischen und Gestaltbaren. Genau dies passiert oft in der Rede von Differenz als Bereicherung. Doch nach dem Loblied auf die Fülle von Differenzen steht die Einsicht, dass nicht jede Verschiedenheit eine Bereicherung ist. Besonderheiten sind manchmal auch Absonderlichkeiten, das Recht auf Verschiedenheit kann zum Recht auf Fundamentalismus verkommen.

Des Pudels Kern ist nicht zu fassen

Die Frage nach dem Sein und dem wahren Wesen der Dinge ist gefährlich, weil sie zu vereinfachten Schlüssen verführt. Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit gerät in den Hintergrund, Biologismen feiern fröhliche Urstände. Wenn das "wahre Wesen" der Frau und des Mannes erstmals ausgemacht sei, gibt es für das betroffenen Individuum kein Entkommen. Aus Forderungen, die die Gesellschaft als gestaltbaren Prozess verstehen, wird der Zwang zur Einsicht in das letztgültig Gegebene. Mit der Überbetonung des Seins wird das dauernde, alltägliche und umkämpfte Werden jedes Individuums negiert. So führt die Suche nach der Essenz zum wiederholten Griff ins Leere.

Dies führt auch zu einem geänderten Politikverständnis. An die Stelle einer Politik, die für Interessen kämpft, tritt eine Politik, in deren Zentrum Identitäten stehen. Die Aufmerksamkeit verschiebt sich von Fragen der Gerechtigkeit zu Fragen der Anerkennung. Aus der Forderung nach gleichem Recht, nach gleicher Teilhabe an politischen Prozessen und nach gleicher Verteilung der materiellen und immateriellen Güter wird die Forderung nach der Wahrung von Eigenart und Besonderheit. Gleichheit zielt auf die Allgemeinheit ab, während die Betonung von Differenz das Augenmerk auf Besonderheit legt. Sie kann gleichermaßen die Ablehnung des Frauenwahlrechts im besonderen Wesen der Schweizer begründen wie auch Forderungen indigener Gemeinschaften nach Selbstbestimmung rechtfertigen.

Die binäre Logik verlassen

Die Sackgasse in der Diskussion um Gleichheit und Differenz liegt darin, der binären Logik des Entweder-Oder aufzusitzen: Entweder wird für Gleichheit oder für Differenz gekämpft, das eine schließe das andere aus. Aus einem Widerspruchspaar, das in einer permanenten und durchaus auch produktiven Spannung zueinander steht, wird ein Gegensatzpaar, das zur falschen Vereinfachung des Entweder/Oder zwingt.

Emanzipatorische, auf Dialog orientierte Politik muss diese binäre Logik verlassen und Politikfelder und Fragestellungen unterscheiden, bei denen jeweils mehr Gleichheit oder mehr Differenz einzufordern ist. Eine dialektische Herangehensweise setzt an die Stelle des Entweder-Oder ein Sowohl-Als Auch, denn es kann die Lösung des Problems nicht darin bestehen, entweder das eine oder das andere Ziel aufzugeben. Vielmehr müssen jene auch politisch gestaltbaren Bedingungen ausgemacht werden, die es Frauen und Männern erlauben, beide Forderungen in Form und Inhalt zu realisieren.

Für Gleichheit und Differenz kämpfen

Das Spannungsfeld von Gleichheit und Differenz erstreckt sich über mehrere gesellschaftliche Konfliktebenen, die einer jeweils spezifischen Bearbeitung bedürfen. Auf der Ebene der Subjekte zum Beispiel stellt sich die Frage nach Gleichheit anders als auf der Ebene gesellschaftlicher Strukturen. Sind Nur-Hausfrau-Sein und Berufstätigkeit zwei gleich legitime verschiedene Formen, als Frau mit Kindererziehung umzugehen? Hat der Staat Nur-Hausfrauen, Tagesmütter, private und öffentliche Kindergärten gleich zu unterstützen, wie dies mit Kindergeld und Kinderbetreuungsmarkt suggeriert wird? Die Vielfalt an qualitativ hochwertigen Kinderbetreuungsmöglichkeiten darf nicht die Realität ungleicher Chancen, diese käuflich zu erwerben, ausblenden. Denn dann führt die Vielfalt an marktfähigem Angebot zu ungleichen Bildungschancen.

Die alleinige Forderung nach Anerkennung verschiedener kultureller Identitäten und nach Ausweitung vielfältigen Angebots läuft Gefahr, aktuelle gesellschaftliche Probleme, die aufgrund zunehmender Ungleichheit entstehen, zu verharmlosen oder zu verschleiern. Emanzipatorische Politik muss deshalb im Wissen über die Strukturen der Ungleichheit nach konkreten Lösungen suchen, das Spannungsverhältnis von Gleichheit und Anders-Sein zu nutzen, um kreativ mehr Gleichheit, Freiheit und Solidarität zu schaffen.



Dieser Artikel stützt sich auf Argumente, die in folgendem Text wesentlich ausführlicher dargestellt werden: Cornelia Klinger (2003): Ungleichheit in den Verhältnissen von Klasse, Rasse und Geschlecht. in: Knapp, Gudrun-Axeli; Wetterer, Angelika: Achsen der Differenz. Gesellschaftstheorie und feministische Kritik II. Münster, Westfälisches Dampfboot, S. 14-48.