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Alternativ: Gegen-Macht und Anders-Sein

Andreas Novy diskutiert in seinem Beitrag zwei Dimensionen des Verständnisses von alternativer Politik: Alternativ im Sinne von Gegen-Macht und Alternativ im Sinne von Anders-Sein.

Andreas Novy | 28.09.2006

In einem breiten parteiinternen Diskussionsprozess diskutieren die Wiener Grünen im Rahmen eines Zielfindungsprozesses über ihre Identität - eine Frage, die Vergangenheit und Zukunft der Grünen und der Alternativbewegung betrifft. Dem grünen Selbstverständnis, alternativ zu sein, kommt dabei eine Schlüsselrolle zu.

Alternativ. So what?

Das Wort "alternativ" ist plötzlich bei den Wiener Grünen wieder in Mode gekommen. Im Zielfindungsprozess bildet es den Kern dessen, worum es den Wiener Grünen politisch gehen soll. Doch was ist mit alternativ eigentlich gemeint? Auf die Grüne Alternative bezogen scheinen mir zwei Stränge erkennbar, die beide etwas mit den Wurzeln der Grünen Alternative zu tun haben und doch Unterschiedliches ansprechen.

Alternative 1: Opposition

Zum einen bedeutet alternativ - so wie es die Alternativen Listen in den 1980er Jahren vertraten - gegenüber der vorherrschenden Form von politischem Handeln eine klare Oppositionsrolle einzunehmen. Alternative waren diejenigen, die sich einzumischen begannen bei dem, was "da oben" ausgemauschelt wurde. Es war eine Politik gegen die große Koalition und den Proporz. Es war eine Politik gegen das Establishment und die herrschenden Zustände.

Ökosozialer Umbau in den 1980er Jahren, "Kurswechsel" dann noch 2001 bei den Wiener Grünen. Die Diskussion um Regierungsbeteiligung hat hier große Verwirrung gestiftet. Jede Partei muss danach streben, politisch wirksam zu werden und regieren ist eine Form von Wirksamkeit. Doch darf eine alternative Partei nicht darauf vergessen, wo die eigenen Wurzeln sind. Es gibt ein grünalternatives Milieu aus sozialen und politischen Bewegungen und vielen Gruppen engagierter und kritischer BürgerInnen, die das politisch-kulturelle Umfeld bilden, das die grünalternative Partei mitformt. Und dieses Milieu, von der Anti-AKW über die Friedens-, Frauen-, Umwelt- und Dritte Welt-Bewegung, wollte eine andere Form des Umgangs den Menschen und der Natur gegenüber.

Bürgerliches Korrektiv und/oder alternative Kraft?

Der Streit rund um "Regierungsbeteiligung" ist für mich viel mehr ein Streit darum, für und mit wem wir Politik machen: Als Korrektiv im Establishment, um das Schlimmste zu verhindern, oder als politische Kraft, die von unten langfristige Alternativen entwickelt: angefangen bei der Energiewende und der Teilhabe an der Stadt bis zur solidarischen Weltpolitik.

Alternative 2: Anders-Sein

Zum anderen liegt in alternativ die Wortwurzel "alter", das Andere. Es ist kein Zufall, dass eine neue Partei der Linken Anfang der 1980er Jahre diesen Namen wählte. Denn das Alternative bedeutete auch eine Abgrenzung von einer bestimmten Form von Gleichmacherei-Politik, die mit einer "alten" Linken assoziiert wurde. Viele soziale Bewegungen haben ihre Wurzeln in der 1968er Bewegung, die philosophisch eng mit der Postmoderne verbunden ist. Modern wurde mit Vereinheitlichung, postmodern mit Vielfalt gleichgesetzt. Die zentralen Themen dieser neuen sozialen Bewegungen waren daher Identitätspolitik: Das Recht auf Besonderheit von Minderheiten und Randgruppen und damit Widerstand gegen die Vereinheitlichung durch eine Norm, welche das Establishment festlegt. Das grüne Engagement für MigrantInnen, Frauen und Homosexuelle hat viel mit dieser zweiten Wurzel von alternativ zu tun.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Beide Ansätze haben Gemeinsamkeiten: Sie bilden Gegenmacht von unten gegen ein "Oben", das als repressiv erfahren wird. Doch sie unterscheiden sich auch wesentlich: Während die erste Form von Politik an die klassische Form linker Politik anschließt und das Bündnis von unten gegen die da oben als Leitlinie politischen Handelns hat, betont der zweite Strang vor allen den Unterschied und die Vielfalt. Ersteres ist moderne, zweiteres postmoderne Politik. Hier eine Brücke zu schaffen, stellt für mich die zentrale Herausforderung für die Wiener Grünen im Zielfindungsprozess dar.

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