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Wien und die Wissensgesellschaft

Michaela Trippl setzt sich mit Chancen und Gefahren der Wissensgesellschaft, der zunehmenden Kommodifizierung von Wissen und der diesbezüglichen Politik der Stadt Wien auseinander.

Michaela Trippl | 27.07.2006

Wissen hat seit jeher eine wesentliche Rolle in der Ökonomie und Gesellschaft gespielt. In der entstehenden Wissensgesellschaft steigt die Bedeutung von Wissen jedoch dramatisch an; verschiedene Wissensformen - und nicht länger Arbeit, Rohstoffe und Kapital - stellen die zentrale Quelle von Produktivität und Wachstum, aber auch von sozialer Ungleichheit dar. Die wissensbasierte Ökonomie kann durch folgende Merkmale charakterisiert werden:
  • "digitale Revolution", also die Durchsetzung moderner Informations- und Kommunikationstechnologien, welche die Generierung und die Verbreitung von neuem Wissen enorm beschleunigt haben,

  • steigende Investitionen in Forschung und Entwicklung, öffentliche Ausbildung, etc.,

  • Aufstieg von Innovation zur wichtigsten Wettbewerbsstrategie,

  • stärker anwendungsorientierte und vernetzte Formen der Wissensproduktion, und

  • Bedeutungsgewinn von High-Tech-Sektoren und wissensintensiven Dienstleistungen, die als Wachstumsmotoren der Wirtschaft gelten.


Herausforderungen und Gefahren der Wissensgesellschaft


Das Konzept der Wissensgesellschaft bzw. der Wissensökonomie stellt zumeist ausschließlich auf High-Tech ab. Damit wird aber außer Acht gelassen, dass Wissen, Lernen und Innovation für alle Gesellschaftsbereiche wichtig sind. Weiters werden in der Diskussion häufig wichtige Herausforderungen und Gefahren der Wissensgesellschaft ausgeklammert. Kritische BeobachterInnen, wie etwa André Gorz, Hans Weiler, Andreas Poltermann und Herbert Hönigsberger, haben wesentliche Aspekte in diesem Zusammenhang herausgearbeitet. Ein Kritikpunkt betrifft den Zugang zu Wissen, der ausgesprochen ungleich zwischen Regionen, Ländern und sozialen Gruppen verteilt ist. Enorme Disparitäten sind auch in Bezug auf die Generierung von Wissen sowie hinsichtlich der Teilhabe an wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften festzustellen.
Eine der Schlüsselfragen in der Wissensgesellschaft ist, ob intellektuelle Eigentumsrechte geschützt werden sollen oder ob Wissen der Allgemeinheit zur Verfügung stehen soll (öffentliches versus privates Wissen). Seit einigen Jahren sind vermehrte Anstrengungen zur Durchsetzung intellektueller Eigentumsrechte (und somit ökonomischer Verwertungsmöglichkeiten) an wissenschaftlichem und technischem Wissen zu beobachten. Wissen wird also bewusst verknappt; es werden Monopole in Bezug auf die Nutzung von Wissen geschaffen. Schließlich ist auch die einseitige Ausrichtung des Bildungssystems auf ökonomische Innovationen zu hinterfragen.

Wissensbasierte Sektoren in Österreich und Wien

Wie wichtig ist Wien als Standort der Wissensökonomie? Die Arbeitsstättenzählungen 1991 und 2001 zeigen, dass wissensbasierte Aktivitäten (High-Tech-Industrien, wissensintensive Dienstleistungen) in Österreich räumlich stark in Wien konzentriert sind. Zwischen 1991 und 2001 hat Wien allerdings Beschäftigung in High-Tech-Industrien zu Gunsten anderer österreichischer Regionen verloren, wodurch die starke Position Wiens in diesem Segment abgeschwächt wurde. Im Bereich der stark wachsenden technologieorientierten und wissensintensiven Dienstleistungen hat Wien allerdings zwischen 1991 und 2001 seine führende Position in Österreich weiter ausgebaut.

Innovationspolitik der Stadt Wien


Die Herausbildung und Stärkung wissensbasierter Sektoren wird in Wien aktiv durch politische Maßnahmen vorangetrieben. In der Wiener Wirtschaftspolitik hat sich in den letzten Jahren eine Reorientierung vollzogen, im Zuge derer Innovations- und technologiepolitische Ziele und Strategien an Bedeutung gewonnen haben. Diese Neuausrichtung wurde durch die Schaffung neuer Institutionen begleitet. Zu nennen in diesem Zusammenhang sind insbesondere das Zentrum für Innovation und Technologie, der Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds oder auch das universitäre Gründerzentrum IniTS. Die Innovationspolitik der Stadt Wien ist durch eine Abkehr von der Gießkannenförderung zu Gunsten einer Schwerpunktsetzung auf wissensbasierte Bereiche (Life Sciences, Informations- und Kommunikationstechnologien, Automotive und Creative Industries) gekennzeichnet. Die öffentliche Förderung ist aber auch in anderer Hinsicht selektiv: Wettbewerbsorientierte Förderverfahren ("Calls"), die wesentlich zur weiteren Stärkung der bereits Starken beitragen und eine "Picking the Winner-Strategie" darstellen, stellen ein wichtiges neues Element der Politik dar.

Schlussfolgerungen für Wien


Metropolitane Regionen gelten als Zentren der Wissensökonomie. Auch die wirtschaftliche Zukunft Wiens wird nur im Bereich wissensbasierter Sektoren liegen können. Der Unterstützung wissensintensiver Aktivitäten kommt daher ein großer Stellenwert zu. Dies impliziert weitere Investitionen in Forschung und Bildung und die Unterstützung des Aufbaus wissensintensiver Netzwerke. Die Förderung sollte sich jedoch nicht auf technologische Innovationen beschränken, sondern auch organisatorische, institutionelle und soziale Neuerungen im Blickpunkt haben.

Eine weitere wichtige Aufgabe liegt darin, die Öffentlichkeit und Diversität von Forschung zu sichern. Derzeit ist der Trend beobachtbar, dass Forschung immer mehr aus der Perspektive technologischer Anwendung und Produktorientierung organisiert wird. Die entscheidende Herausforderung besteht darin, die Diskussion und Bestimmung von Forschungszielen und wissenschaftlich zu bearbeitenden Problemen nicht nur den ExpertInnen und Eliten zu überlassen. Schließlich ist die Gewährung von Zugangschancen zu Wissen und Bildung zu sichern. Das Recht auf Bildung ist in einer Wissensgesellschaft Voraussetzung und Garant für Teilhabe und gesellschaftliche Inklusion.

Die Autorin arbeitet am Institut für Regional- und Umweltwirtschaft der Wirtschaftsuniversität Wien.

Referenzen:

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