Grüne Bildungswerkstatt Wien

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Texte - Politik & Ökonomie - Liberalismus / 21.12.2005 / Redaktion

Liberale Versprechungen und Leistungszwang

Monika Feigl-Heihs und Markus Trenker von den Wiener Grünen moderierten bei der Herbstakademie 2005 die Arbeitsgruppe Arbeit und Bildung. Karl Proyer präsentierte ein Impulsreferat.

Karl Proyer, stellvertretender Bundesgeschäftsführer der Gewerkschaft der Privatangestellten (GPA), ging in seinem Impulsreferat auf die Frage ein, welche Mythen über Freiheit, Leistung und Gerechtigkeit in der Arbeits- und Bildungswelt bestehen. Proyer, selbst lange als Industriearbeiter tätig und in Italien gewerkschaftlich sozialisiert, erörterte einen zentralen Widerspruch, mit dem er in seiner alltäglichen Arbeit konfrontiert sei: Einerseits wollten ArbeiterInnen einen gerechten Lohn, der gewerkschaftlich durchgesetzt werden solle, andererseits ist die Auffassung weit verbreitet, dass jede ihres Glückes Schmiedin sei. Letzteres suggeriere, dass die Leistung und Leistungsfähigkeit eines Individuums am Markt gerecht entlohnt würde. Doch was ist Leistung? Und was ist gerecht?

Macht Leistung frei?

Leistung präsentiere sich als ein schwierig festzumachender Begriff, da Leistung manchmal mit Produktivität übersetzt werde, manchmal jedoch auch mit Kompetenz. Aus einer Studie der GPA gehe hervor, dass für ArbeitgeberInnen und -nehmerInnen Leistung Grundverschiedenes bedeute: ArbeitgeberInnen verstünden darunter u.a. mehr Kontrolle, mehr Produktivität und mehr Selektionsmöglichkeiten in Personalfragen. ArbeitnehmerInnen hingegen brächten Leistung mit Sozialprestige, Anerkennung, Hierarchie und gerechter Entlohnung entlang gesellschaftlicher Schichten in Verbindung. Es werde somit deutlich, dass die Definitionsmacht darüber, was nun Leistung sei, von den gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen abhänge. Ist die Leistung eines Managers um so viel höher als die Leistung einer Fabriksarbeiterin, wie es in ihrer Entlohnung zum Ausdruck kommt?

Der Markt belohnt die Leistung!

Proyer stellt klar, das gleiche Leistung nicht zu gleicher Entlohnung führe, was zum Beispiel im Gehaltsunterschied zwischen Männern und Frauen oder den exorbitanten Bezügen von ManagerInnen deutlich werde. Die liberale Argumentation halte dem entgegen, dass Leistung vom Markt gerecht honoriert werde. Wenn Markt allerdings als Kristallisationspunkt gesellschaftlicher Machtverhältnisse und nicht als unparteiischer und neutraler Akteur gedacht werde, könne verstanden werden, wieso Leistung so unterschiedlich entlohnt werde.

Deshalb müsse es Aufgabe der Gewerkschaft sein, die betriebliche Ebene zu repolitisieren und eine öffentliche Diskussion zu diesem Thema zu führen, so Proyer. Die Forderungen der ArbeitnehmerInnen - so widersprüchlich sie auch zum Thema Leistung seien - müssten als grundsätzliche Fragen formuliert werden. Proyer merkt selbstkritisch an, dass sich die Gewerkschaftsbewegung in letzter Zeit viel zu sehr mit Detailfragen beschäftigt habe und es den Beschäftigten in der Zeit der Sozialpartnerschaft abgewöhnt worden sei, für Rechte zu kämpfen und Konflikte auszutragen.

Bildung für alle?

Im Bereich der Bildung und Weiterbildung ortet Proyer ein weiteres liberales Versprechen, das sich bei genauerer Analyse der wirklichen Verhältnisse als Mythos entpuppe. Der liberalen Argumentation folgend, sei Bildung für alle zugänglich und werde als Mittel des sozialen und beruflichen Aufstiegs dargestellt. Dem sei die aus gewerkschaftlicher Praxis gewonnene Erfahrung entgegen zu halten, dass Bildungsangebote nicht allen ArbeitnehmerInnen in gleichem Maße offen stehe. Üblicherweise werde in Unternehmen eine Vorselektion darüber betrieben, wer sich weiterbilden dürfe. Folglich bestehe kein gerechter und gleichberechtigter Zugang zu Bildung und Weiterbildung.
Erschwerend komme hinzu, dass mittlerweile das liberale Konzept des "lebenslangen Lernens" von vielen als Zwang und Bedrohung wahrgenommen werde. Es bestehe der Zwang, "fit für den Arbeitsmarkt" zu sein, wobei aber Aus- und Weiterbildungen selbst finanziert werden müssten. Der Bereich der Weiterbildung sei bereits fast zur Gänze privatisiert worden.

Wenn jedoch (selbst finanzierte) Bildung als Voraussetzung für "Leistung" und damit zusammenhängend "entsprechende Entlohnung" gesehen werde, werde deutlich, dass das liberale Versprechen von "Leistung" nur für jene gelte, die sich Bildung "leisten" können. Die Auswirkungen eines solchen Konzeptes seien bereits sichtbar: Erstens verliere Bildung die Funktion, soziale Mobilität zu ermöglichen, und zweitens komme es wieder zu einer Vermännlichung von Bildung. So gleiche etwa das aktuelle Geschlechterverhältnis in der IT-Branche, die eine besonders kostenintensive Ausbildung verlange, zahlenmäßig ungefähr jenem des Industriesektors in den 1950er Jahren. Von Unternehmen finanzierte Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen kämen überdurchschnittlich oft Männern zugute.
Proyer macht zum Abschluss seines Referats deutlich, dass über den Begriff der Leistung ungerechte Gesellschafts- und Geschlechterverhältnisse legitimiert würden.

TellerwäscherIn reloaded: Liberale Verlockungen für Marginalisierte

Im Anschluss wurde der Artikel "Ein Lebensunternehmer in den USA" von Robert Nef diskutiert. (1) Der Autor beschreibt die Erfolgsgeschichte einer marginalisierten Familie aus einer US-amerikanischen Vorstadt, die durch Eigeninitiative und das Fehlen von sozialstaatlicher Bevormundung zu einem eigenen Einkommen gekommen ist. Nef illustriert dabei anschaulich das liberale Mantra, wonach es alle schaffen könnten, wenn sie nur hart genug arbeiteten.

In der darauf folgenden Diskussion wurde diese romantisierende Darstellung kritisiert, die nicht in den Blick nimmt, dass der Liberalismus die Gesellschaft atomisiert und das Individuum ausschließlich nach der Leistungsfähigkeit bewertet. Darüber hinaus werde übersehen, dass Eigeninitiative sehr oft durch Zwang und ökonomischen Druck geboren werde. In der Abschlussrunde teilten viele TeilnehmerInnen die Meinung, dass Eigeninitiative prinzipiell positiv zu bewerten sei, damit aber nicht dem Abbau des Sozialstaates das Wort geredet werden dürfe. Der Arbeitskreis im Rahmen der Herbstakademie wurde als ausgezeichnete Möglichkeit bezeichnet, um eine breite und kritische Diskussion über die Versprechungen des Liberalismus zu beginnen.

1 Robert Nef: Ein Lebensunternehmer in den USA. In: Gisela Steimer (Hg.): Arbeits- und Lebensformen der Zukunft. Zürich, (Vontobel-Stiftung) 2001, S. 9-14.

Die Zusammenstellung der Beiträge von der Herbstakademie finden Sie hier.