Du bist auf der Flucht. Eine Umkehr ist unmöglich, weil du in deinem
Herkunftsland politisch verfolgt oder von Krieg und Hunger bedroht
wirst. Dein Hab und Gut hast du bereits verkauft, um deine Flucht zu
finanzieren. Gegenwärtig befindest du dich im Transitraum und musst
dich entscheiden, wohin du willst. Du hast die Wahl zwischen vier
Ländern: Nigeria, Ex-Jugoslawien, Türkei und Afghanistan. Für welches
Land entscheidest du dich? Was brauchst du, um in diesem Land Fuß zu
fassen, welche Erwartungen und Vorstellungen von Freiheit knüpfst du an
dein Fluchtland? Wie verläuft deine ganz persönliche Flucht?
Mit
diesen Fragen sahen sich die TeilnehmerInnen der Arbeitsgruppe
"Migration" konfrontiert, als sie sich am 12. November 2005 auf der
Herbstakademie der Grünen Bildungswerkstatt im "Transitraum" der
Volkshochschule Favoriten einfanden. Tatsächlich hatte sich der
Eingangsbereich eines Seminarraums der Volkshochschule in einen
Transitraum verwandelt, wo die TeilnehmerInnen der Arbeitsgruppe die
ersten Arbeitshinweise der Arbeitsgruppenleiterinnen Marietta Schneider
und Susanne Frühwirth von der Grünen Bildungswerkstatt Wien abwarteten.
Die Welt lag im Kleinformat vor uns. Abgrenzungen am Fußboden zeigten
die vier zur Auswahl stehenden Fluchtstaaten an. Schließlich flüchtete
ein Großteil der TeilnehmerInnen nach Ex-Jugoslawien, einige in die
Türkei und nach Afghanistan, nur wenige nach Nigeria.
Anschließend
überlegte jede "Fluchtgruppe", welche Ressourcen für ein Leben im
gewählten Fluchtland notwendig seien. Fragen wie "Wo kann ich essen, wo
schlafen, wo mich waschen?" drängten sich ebenso bald auf wie Fragen
nach der Möglichkeit, Pass und Visum zu erhalten. Als wichtigste
Fluchterfordernisse wurden schließlich nicht nur Geld, gute Schuhe und
Kontaktadressen genannt, sondern auch Vertrauen und Kontaktfähigkeit.
Daran anknüpfend reflektierten die TeilnehmerInnen über Hoffnungen, die
sie auf die Flucht mitgenommen hatten. Dabei spielten neben dem
Verlangen nach nacktem Überleben und größerer wirtschaftlicher
Sicherheit auch romantische Vorstellungen von größerer
gesellschaftlicher Solidarität und Geborgenheit eine Rolle.
Geschichte der Migration in Österreich
Nachdem
die TeilnehmerInnen für die Situation von Flüchtlingen sensibilisiert
worden waren, brachte ihnen Azem Olcay, Mitarbeiter des
Interkulturellen Zentrums, die österreichische Migrationsgeschichte
seit 1945 nahe. Für Österreich sei die Einwanderungsphase der GastarbeiterInnen
bedeutend gewesen, in der die Regierung einen Mangel an Arbeitskräften
durch Anwerbeabkommen mit Spanien (1962), der Türkei (1964) und
Jugoslawien (1966) kompensieren habe wollen. Die GastarbeiterInnen
sollten jedoch nur solange an Österreich gebunden sein, wie keine
InländerInnen deren Jobs übernehmen haben können. So sei denn auch
keine Familiennachholung vorgesehen gewesen.
Die
internationale Wirtschaftskrise 1974/1975 habe schließlich einen
Wendepunkt in der österreichischen Einwanderungspolitik dargestellt.
Fortan sollte die Zahl der EinwanderInnen möglichst reduziert werden.
Ein geändertes AusländerInnenbeschäftigungsgesetz habe InländerInnen
gegenüber EinwanderInnen Vorrang eingeräumt.
Die gegenwärtige
Situation von EinwanderInnen sei insbesondere durch die Quote für die
Familienzusammenführung und das Staatsbürgerschaftsgesetz
charakterisiert. Erstere sei seit 1990 sukzessive gesenkt worden.
Betreffend das Staatsbürgerschaftsgesetz sei festzuhalten, dass dieses
seit 1998 Deutschkenntnisse als Voraussetzung für den Erwerb der
österreichischen Staatsbürgerschaft vorsehe. Zudem müssten die
anerkannten Flüchtlinge einen Beschäftigungsnachweis erbringen, was
ihnen oft den Vorwurf einbringe, auf Löhne und Arbeitsbedingungen Druck
auszuüben.
Erfahrungen aus einem Integrationsprojekt in Niederösterreich
An
den Vortrag von Azem Olcay anschließend referierte Karin Bischof, Mitarbeiterin am Institut für Konfliktforschung, über
ein konkretes Integrationsprojekt, das in vier niederösterreichischen
Gemeinden durchgeführt worden war. In Form von Thesen präsentierte sie
einige Ergebnisse, die sich bei der Auswertung des Projekts ergeben
hatten. Ihre erste These besagt, dass in der Wahrnehmung der
Einheimischen stets diejenige Gruppe im Vordergrund stehe, die als
fremd wahrgenommen werde. In den betroffenen Gemeinden sei dies stets
die türkische Bevölkerung gewesen, insbesondere Frauen mit Kopftuch.
Die
zweite These beruht auf der Beobachtung, dass die Mehrheitsbevölkerung
ganz konkrete Erwartungen an die MigrantInnen stelle. So verlange sie
etwa, dass die EinwanderInnen ihre eigenen Defizite erkannten und daran
arbeiteten. Als Personen der Mehrheitsbevölkerung Daten gezeigt
worden seien, die eine maßgebliche Chancenungleichheit von MigrantInnen
im öffentlichen Leben belegten, hätten die Reaktionen von Betroffenheit
über Abwehr bis hin zu Zurückweisung gereicht. Darauf gründe die dritte
These einer unmissverständlichen Diskriminierung von MigrantInnen.
Des Weiteren
habe das Projekt ergeben - so die vierte These, dass Erwartungen von
MigrantInnen in der Mehrheitsbevölkerung zu einem Gefühl der
Überforderung, wenn nicht gar zu Ablehnung oder Aggression führten.
Abschließend hielt Karin Bischof in einer fünften These fest, dass ein
Großteil der Integrationsmaßnahmen im kulturellen Bereich getroffen
worden sei. Nur punktuell beträfen die Maßnahmen eine politischere
Sphäre. Dennoch ließen sich Positivbeispiele anführen, wie etwa die
Wahl einer Gemeindebürgerin mit türkischem Migrationshintergrund in den
Gemeinderat.
Aufnahmekompetenzen weiterentwickeln
Zum Ausklang des Arbeitsprozesses schrieben alle TeilnehmerInnen Gedanken zum Thema "Migration" auf ein Plakat, das als Ausstellungsbeitrag auch den TeilnehmerInnen der anderen Arbeitsgruppen präsentiert wurde. Beispielhaft reflektiert es die Dynamik und Diskussionsfreudigkeit der Gruppe. In der Tat trugen die spannenden Fragestellungen und zahlreichen Inputs zu einer großen Bandbreite von Diskussionsthemen bei. Als besonders brisant stellte sich die Thematik der verpflichtenden Deutschkurse für StaatsbürgerschaftsbewerberInnen dar. Mehrheitlich wurde der Zwang zum Sprachenerwerb abgelehnt, vielmehr müsse dieser freiwillig erfolgen. Einig war man sich darüber, dass Sprachkurse kein Ersatz für andere Integrationsmaßnahmen seien. Österreich stehe sowie viele andere Länder vor der Aufgabe, seine Aufnahmekompetenzen weiterzuentwickeln.
Die Zusammenstellung der Beiträge von der Herbstakademie finden Sie hier.
Auf der Flucht
Susanne Frühwirth und Marietta Schneider
moderierten bei der Herbstakademie 2005 die Arbeitsgruppe zum
Thema Migration. Karin Bischof und Azem Olcay lieferten dazu Inputreferate.