Grüne Bildungswerkstatt Wien

A-1070 Wien, Neubaugasse 8
http://www.gbw-wien.at/
Texte - Politik & Ökonomie - Liberalismus / 19.12.2005 / Redaktion

Auf der Flucht

Susanne Frühwirth und Marietta Schneider moderierten bei der Herbstakademie 2005 die Arbeitsgruppe zum Thema Migration. Karin Bischof und Azem Olcay lieferten dazu Inputreferate.

Du bist auf der Flucht. Eine Umkehr ist unmöglich, weil du in deinem Herkunftsland politisch verfolgt oder von Krieg und Hunger bedroht wirst. Dein Hab und Gut hast du bereits verkauft, um deine Flucht zu finanzieren. Gegenwärtig befindest du dich im Transitraum und musst dich entscheiden, wohin du willst. Du hast die Wahl zwischen vier Ländern: Nigeria, Ex-Jugoslawien, Türkei und Afghanistan. Für welches Land entscheidest du dich? Was brauchst du, um in diesem Land Fuß zu fassen, welche Erwartungen und Vorstellungen von Freiheit knüpfst du an dein Fluchtland? Wie verläuft deine ganz persönliche Flucht?

Mit diesen Fragen sahen sich die TeilnehmerInnen der Arbeitsgruppe "Migration" konfrontiert, als sie sich am 12. November 2005 auf der Herbstakademie der Grünen Bildungswerkstatt im "Transitraum" der Volkshochschule Favoriten einfanden. Tatsächlich hatte sich der Eingangsbereich eines Seminarraums der Volkshochschule in einen Transitraum verwandelt, wo die TeilnehmerInnen der Arbeitsgruppe die ersten Arbeitshinweise der Arbeitsgruppenleiterinnen Marietta Schneider und Susanne Frühwirth von der Grünen Bildungswerkstatt Wien abwarteten. Die Welt lag im Kleinformat vor uns. Abgrenzungen am Fußboden zeigten die vier zur Auswahl stehenden Fluchtstaaten an. Schließlich flüchtete ein Großteil der TeilnehmerInnen nach Ex-Jugoslawien, einige in die Türkei und nach Afghanistan, nur wenige nach Nigeria.

Anschließend überlegte jede "Fluchtgruppe", welche Ressourcen für ein Leben im gewählten Fluchtland notwendig seien. Fragen wie "Wo kann ich essen, wo schlafen, wo mich waschen?" drängten sich ebenso bald auf wie Fragen nach der Möglichkeit, Pass und Visum zu erhalten. Als wichtigste Fluchterfordernisse wurden schließlich nicht nur Geld, gute Schuhe und Kontaktadressen genannt, sondern auch Vertrauen und Kontaktfähigkeit. Daran anknüpfend reflektierten die TeilnehmerInnen über Hoffnungen, die sie auf die Flucht mitgenommen hatten. Dabei spielten neben dem Verlangen nach nacktem Überleben und größerer wirtschaftlicher Sicherheit auch romantische Vorstellungen von größerer gesellschaftlicher Solidarität und Geborgenheit eine Rolle.


Geschichte der Migration in Österreich

Nachdem die TeilnehmerInnen für die Situation von Flüchtlingen sensibilisiert worden waren, brachte ihnen Azem Olcay, Mitarbeiter des Interkulturellen Zentrums, die österreichische Migrationsgeschichte seit 1945 nahe. Für Österreich sei die Einwanderungsphase der GastarbeiterInnen bedeutend gewesen, in der die Regierung einen Mangel an Arbeitskräften durch Anwerbeabkommen mit Spanien (1962), der Türkei (1964) und Jugoslawien (1966) kompensieren habe wollen. Die GastarbeiterInnen sollten jedoch nur solange an Österreich gebunden sein, wie keine InländerInnen deren Jobs übernehmen haben können. So sei denn auch keine Familiennachholung vorgesehen gewesen.

Die internationale Wirtschaftskrise 1974/1975 habe schließlich einen Wendepunkt in der österreichischen Einwanderungspolitik dargestellt. Fortan sollte die Zahl der EinwanderInnen möglichst reduziert werden. Ein geändertes AusländerInnenbeschäftigungsgesetz habe InländerInnen gegenüber EinwanderInnen Vorrang eingeräumt.

Die gegenwärtige Situation von EinwanderInnen sei insbesondere durch die Quote für die Familienzusammenführung und das Staatsbürgerschaftsgesetz charakterisiert. Erstere sei seit 1990 sukzessive gesenkt worden. Betreffend das Staatsbürgerschaftsgesetz sei festzuhalten, dass dieses seit 1998 Deutschkenntnisse als Voraussetzung für den Erwerb der österreichischen Staatsbürgerschaft vorsehe. Zudem müssten die anerkannten Flüchtlinge einen Beschäftigungsnachweis erbringen, was ihnen oft den Vorwurf einbringe, auf Löhne und Arbeitsbedingungen Druck auszuüben.

Erfahrungen aus einem Integrationsprojekt in Niederösterreich

An den Vortrag von Azem Olcay anschließend referierte Karin Bischof, Mitarbeiterin am Institut für Konfliktforschung, über ein konkretes Integrationsprojekt, das in vier niederösterreichischen Gemeinden durchgeführt worden war. In Form von Thesen präsentierte sie einige Ergebnisse, die sich bei der Auswertung des Projekts ergeben hatten. Ihre erste These besagt, dass in der Wahrnehmung der Einheimischen stets diejenige Gruppe im Vordergrund stehe, die als fremd wahrgenommen werde. In den betroffenen Gemeinden sei dies stets die türkische Bevölkerung gewesen, insbesondere Frauen mit Kopftuch.

Die zweite These beruht auf der Beobachtung, dass die Mehrheitsbevölkerung ganz konkrete Erwartungen an die MigrantInnen stelle. So verlange sie etwa, dass die EinwanderInnen ihre eigenen Defizite erkannten und daran arbeiteten. Als Personen der Mehrheitsbevölkerung Daten gezeigt worden seien, die eine maßgebliche Chancenungleichheit von MigrantInnen im öffentlichen Leben belegten, hätten die Reaktionen von Betroffenheit über Abwehr bis hin zu Zurückweisung gereicht. Darauf gründe die dritte These einer unmissverständlichen Diskriminierung von MigrantInnen.

Des Weiteren habe das Projekt ergeben - so die vierte These, dass Erwartungen von MigrantInnen in der Mehrheitsbevölkerung zu einem Gefühl der Überforderung, wenn nicht gar zu Ablehnung oder Aggression führten. Abschließend hielt Karin Bischof in einer fünften These fest, dass ein Großteil der Integrationsmaßnahmen im kulturellen Bereich getroffen worden sei. Nur punktuell beträfen die Maßnahmen eine politischere Sphäre. Dennoch ließen sich Positivbeispiele anführen, wie etwa die Wahl einer Gemeindebürgerin mit türkischem Migrationshintergrund in den Gemeinderat.

Aufnahmekompetenzen weiterentwickeln

Zum Ausklang des Arbeitsprozesses schrieben alle TeilnehmerInnen Gedanken zum Thema "Migration" auf ein Plakat, das als Ausstellungsbeitrag auch den TeilnehmerInnen der anderen Arbeitsgruppen präsentiert wurde. Beispielhaft reflektiert es die Dynamik und Diskussionsfreudigkeit der Gruppe. In der Tat trugen die spannenden Fragestellungen und zahlreichen Inputs zu einer großen Bandbreite von Diskussionsthemen bei. Als besonders brisant stellte sich die Thematik der verpflichtenden Deutschkurse für StaatsbürgerschaftsbewerberInnen dar. Mehrheitlich wurde der Zwang zum Sprachenerwerb abgelehnt, vielmehr müsse dieser freiwillig erfolgen. Einig war man sich darüber, dass Sprachkurse kein Ersatz für andere Integrationsmaßnahmen seien. Österreich stehe sowie viele andere Länder vor der Aufgabe, seine Aufnahmekompetenzen weiterzuentwickeln.


Die Zusammenstellung der Beiträge von der Herbstakademie finden Sie hier.