Grüne Bildungswerkstatt Wien

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Texte - Politik & Ökonomie - Liberalismus / 25.11.2005 / Redaktion

Raum: Die US-Amerikanisierung der Städte

Florian Wukowitsch und Lukas Lengauer, beide Dissertanten am Institut für Umwelt- und Regionalwirtschaft an der Wirtschaftuniversität Wien, moderierten bei der Herbstakademie die Arbeitsgruppe zum Thema Raum. Winfried Wolf lieferte dazu einen Input.

Anfangs stand die individuelle Wohnsituation im Vordergrund. Anhand mehrerer Gegensatzpaare: Haus-Wohnung, Miete-Eigentum, Freiflächen (Balkon, Terrasse, Garten)-keine Freiflächen, mehrere Personen im Haushalt-alleine, Auto-kein Auto positionierten sich die TeilnehmerInnen im Raum. Eine klare Mehrheit war daraufhin nur im Bezug auf "Miete" und "kein Auto" erkennbar. In der anschließenden Vorstellungsrunde wurden die Vor- und Nachteile des eigenen Wohnens sowie die Motivationen, die zur Teilnahme an der Arbeitsgruppe bewegten, thematisiert. Im Mittelpunkt des Interesses standen unter anderem die Partizipationsmöglichkeit der BürgerInnen, das Problem der Zersiedelung, die Okkupierung des öffentlichen Raumes durch die Wirtschaft und die Auswirkungen des Verkehrs.

Zerstörung der Städte

Winfried Wolf, der Inputgeber dieser Arbeitsgruppe, hob das Thema von der individuellen auf die gesellschaftliche Ebene. Der Ökonom und Verkehrsexperte sprach über die Zerstörung von Städten und fokussierte dabei vor allem auf den Verkehr. Zwei aktuelle Ereignisse, New Orleans und Frankreich, verdeutlichten die Brisanz des Inhalts. Die Flucht vor dem Hurrikan sei vor allem jenen Personen gelungen, die ein Auto besaßen. Öffentlicher Verkehr, in diesem Fall die Eisenbahn, hätte keine große Bedeutung mehr. Dennoch sei eine staatlich organisierte Evakuierung ausgeblieben. Auch die Trabantenstädte französischer Großstädte seien vom Problem des Fehlens elementarer Infrastruktur betroffen.

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Die Arbeitsgruppe Raum bei der Herbstakademie der Grünen Bildungswerkstatt Wien, 11.-13. November 2005 in der Volkshochschule Favoriten.

Obwohl die Mehrheit der europäischen Großstadtbevölkerungen keinen PKW besitze, ziehe der individuelle Verkehr massive Konsequenzen nach sich. In unserer Gesellschaft dominiere die Vorstellung einer hohen Mobilität, die direkt mit dem Auto in Verbindung gebracht werde. Die Mobilitätsbedürfnisse, gemessen an der Anzahl jährlicher Zielbewegungen (Arbeit, Einkauf, etc.), hätten sich allerdings im letzten Jahrhundert kaum gewandelt. Was sich verändere sei die Wegstrecke, die zur Befriedigung der Bedürfnisse zurückgelegt werden müsse. Hier sei vor allem der "Freizeitverkehr" zu nennen.

Die Zerstörung der Städte gehe einher mit dem Beutungszuwachs von Öl. Ökonomische Strukturen hingen in großem Maße von diesem Rohstoff ab, was sich auf die Diskriminierung von nicht-motorisiertem Verkehr auswirke und somit Ausgrenzung bestimmter Gruppen nach sich ziehe. Ein ebenso aktueller Trend sei erzwungener Verkehr aufgrund von Zersiedelung, die sich durch staatliche Förderung von Eigenheimen an den Rändern von Großstädten verstärke. Die Zerstörung von Urbanität könne somit als Folge dieses Prozesses betrachtet werden.

Alternative Verkehrsorganisation

Um diesen Entwicklungen entgegenzuwirken schlägt Winfried Wolf eine alternative Verkehrsorganisation vor. Sie bestehe aus drei Elementen: Verkehr vermeiden, Verkehrswege verkürzen und verbleibenden Verkehr auf Füße, Pedale und öffentlichen Verkehr verlagern. Zürich und Karlsruhe wären zwei Städte, in denen solche Konzepte zu einer Steigerung der Lebensqualität beigetragen haben. In der anschließenden Diskussion galt das Hauptinteresse jenen Prozessen, die in Zürich und Karlsruhe in Gang gesetzt wurden.

Exkursion - Wienerberg

Der Veranschaulichung verschiedener Siedlungstypen diente eine Exkursion auf den nahe dem Veranstaltungsort (Volkshochschule Favoriten) gelegenen Wienerberg. Mit dem Auftrag Ambivalenzen ausfindig zu machen, Auffälligkeiten zu speichern, mögliche und unmögliche Nutzungen ausfindig zu machen sowie die Folgen der Bauweisen abzuschätzen, betrachteten die TeilnehmerInnen die verschiedenen Bauten.

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Nach der Exkursion wurden die Eindrücke innerhalb dreier Kleingruppen verarbeitet und anschließend im Plenum präsentiert. Die Wienerberg-City, deren markanteste Kennzeichen zwei riesige Wohn- bzw. Bürotürme darstellen, löste bei vielen Personen Befremden aus. Der Eindruck einer chaotischen Bebauung nach dem Motto "möglichst viel Raum auf wenig Platz" drängte sich auf. Kritik bezog sich außerdem auf fehlende Bepflanzung und fehlende Freiräume für Kinder. Dass beim Bau der Wienerberg-City eine Orientierung am Menschen maßgeblich gewesen war, wurde in Frage gestellt. Der George-Washington-Hof, eine Wohnhauslage des Roten Wiens, beeindruckte vor allem durch großzügige Grünflächen in den Höfen. Die Struktur für Partizipation im Sinne gemeinsamer Entscheidungen beurteilte eine Teilnehmerin aufgrund der großen Anzahl an Haushalten als problematisch. Eine Reihe sehr kleiner Häuser kennzeichnen die "Wasserturmsiedlung". Während der eigene Garten als großer Vorteil betrachtet wurde, sahen manche die Enge der kleinen Häuser als Beschränkung der Selbstverwirklichungswünsche.


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Die ideale Stadt

Im Laufe des Tages kreisten die Gedanken der Gruppe um eine Reihe von Aspekten: Mitbestimmung, öffentlicher Raum, öffentliche Dienste, Grünflächen, Verkehr, Urbanität, Ästhetik, Zusammenleben und Wirtschaft. In der Folge sollten die verschiedenen Diskussionspunkte und deren Schnittstellen verarbeitet werden. Dazu erhielten die TeilnehmerInnen den Auftrag, eine "ideale Stadt" zu konzipieren. Nun konnte auch die Reflexion jener Kritik stattfinden, die im Laufe des Tages geäußert wurde: Anstatt ständig individuelle Wünsche zu thematisieren, sollte die gesamte Gesellschaft ins Blickfeld rücken.

Zusammengefasst ergaben die drei Gestaltungskonzepte folgendes Bild einer idealen Stadt: Partizipationsmöglichkeiten der BürgerInnen beim Planen von Neubauten, Zusammenleben verschiedener Gesellschaftsschichten innerhalb jedes Bezirkes, Freiraum für Jugendliche, optimale Nahversorgung, Mietzinsobergrenzen, Öffnung von Gemeinde- und Genossenschaftswohnungen für alle, mit Fußgängerzonen verbundene Stadtteilzentren, keine Dauerparkplätze im öffentlichen Raum und Warentransport über standardisierte Behältersysteme auf dem Schienennetz. Es bleibt zu hoffen, dass dieser Dialog über "den Raum" zum Engagement für Veränderungen motivieren konnte.


Die Zusammenstellung der Beiträge von der Herbstakademie finden Sie hier.